Zwillinge – Getrennt, was zusammengehört

Zwillinge

Zwillinge – Getrennt, was zusammengehört

Die Zwillinge sind noch Babys, als ihre Eltern sie zur Adoption freigeben – und damit voneinander trennen. Cornelia und Ulrike wachsen auf, ohne voneinander zu wissen, die eine im Westen Deutschlands, die andere im Osten. Dass etwas in ihrem Leben fehlt, spüren beide. Doch erst nach 26 Jahren sehen sich die Zwillinge zum ersten Mal wieder.

Im ersten Lebensjahr voneinander getrennt

Ulrike Reichenbach und Cornelia Holzbrecher als Babys.

Ulrike Reichenbach und Cornelia Holzbrecher als Babys

Cornelia und Ulrike kommen am 4. April 1969 auf die Welt. Ihre Eltern wollen sie jedoch nicht behalten. Sie entscheiden sich dafür, die Kinder zur Adoption freizugeben. Die Säuglinge kommen ins Kinderheim Sondershausen. Fünf Monate später wird Ulrike von einem Ehepaar adoptiert.

"Im Nebenzimmer liegt noch eine Schwester", sagte eine Mitarbeiterin zu den neuen Eltern. Das Heim verlassen diese dennoch nur mit Ulrike. Die Entscheidung fällt ihnen schwer. Nach drei Wochen wollen sie auch Cornelia adoptieren. Doch das Baby sei bereits von einer Familie im Erzgebirge abgeholt worden, sagte man ihnen. Eine Lüge.

Cornelia wurde erst viel später aus dem Heim geholt. Bis heute versuchen die Zwillinge herauszufinden, warum sie getrennt wurden. Dass die Zwillinge jemals im Heim waren - seitens des Jugendamts und Heims will sich niemand daran erinnern. "Wieso wurden 26 Jahre unseres gemeinsamen Lebens gestohlen?", fragt Cornelia. "Wir werden alles in Bewegung setzen, um die Wahrheit zu erfahren. Irgendwann werden wir es wissen."

Ulrike spürte, dass etwas fehlte

Ulrike erlebte eine glückliche Kindheit in Stendal nahe Magdeburg. Dass sie anders war, spürte sie jedoch früh. Immer wollte sie jemanden bei sich haben, auch nachts. "Tief in mir schlummerte die Angst, alleine gelassen zu werden", sagt sie. "Einen Grund dafür gab es aber nicht, dachte ich. Die Angst war einfach da." Heute kennt sie die Antwort.

Schwarzweiß-Foto: Ulrike Reichenbach bei ihrer Einschulung mit Schultüte.

Ulrike Reichenbach im Alter von sechs Jahren

Sie ist ein Zwilling. Ihre Eltern arbeiteten in einer staatlichen Arztpraxis, sie wollten in den Westen ausreisen. Dass ihre Familie politisch nicht auf der gleichen Seite stand wie viele andere Familien, merkte sie mit elf. "Als Kind habe ich nicht hinterfragt, wenn Wildfremde meinen Vater angerufen haben, um diesem zu erzählen, dass ich Westwerbeslogans gesungen habe anstelle von Arbeiterliedern", sagt Ulrike. Die Stasi-Mitarbeiter verwanzten die Wohnung und das Telefon. Noch im selben Jahr wurden die Eltern verhaftet.

Ulrike und ihre neue Schwester kamen in ein Heim in Staßfurt, drei Stunden entfernt von Stendal. "Wir heulten während der ganzen Fahrt und fragten uns: Wo sind unsere Eltern? Ich hatte panische Angst, sie nie wieder zu sehen." Das sollte sie auch zwei lange Jahre nicht.

Ende Juni 1984 kaufte die BRD ihre Eltern für etwa 90.000 D-Mark frei. Zwei Monate darauf durfte Ulrike mit ihrer Schwester ausreisen, nach Mainz zu ihren Eltern. "In Mainz wurde vieles anders", sagt Ulrike. "Vorher in der DDR waren wir eine Familie." Im Westen war alles neu: die Stadt, die Schule, die Leute. "Das war einfach zu viel", sagt Ulrike. Die Familie zerbrach.

Ulrike erfuhr von ihrer Zwillingsschwester, als sie 16 war. "Ich wollte alles über sie wissen und quetschte meine Eltern aus. Ich zermarterte mir den Kopf, wie ich sie möglichst schnell finden konnte, verwarf die Idee aber wieder. Aus Angst in ein Leben zu platzen." Sie wusste auch nicht, wo sie suchen sollte. Erst mit 26 beschloss Ulrike, die Zwillingsschwester aufzuspüren.

Cornelia wünschte sich immer Geschwister

Cornelia lebte nach ihrer Adoption in Friedrichroda. Der Familie ging es finanziell gut in der DDR, Verwandte aus dem Westen unterstützten sie. Cornelia war ein Einzelkind und wünschte sich Geschwister. Ihr fehlte etwas, ohne zu wissen, was genau.

Cornelia Holzbrecher bei der Einschulung mit zwei Schultüten.

Cornelia Holzbrecher bei der Einschulung

"Am meisten fürchtete ich mich vor dem Alleinsein. Ich war ein ängstliches Kind", sagt sie. Als sie zwölf Jahre alt war, sagte ein Lehrer wütend zu ihr: "Man merkt sofort, wer adoptiert ist!" Zu Hause fragte sie ihre Mutter.

Diese leugnete die Adoption. Ein Jahr später entdeckte Cornelia einen alten Impfpass. So erfuhr sie, dass sie aus Sondershausen stammte - und dass sie adoptiert worden war. Cornelia erfand eine Zwillingsschwester. "Wahrscheinlich war es meine Art, mit dieser Entdeckung umzugehen", sagt sie heute. Cornelia machte eine Ausbildung und wurde Mutter.

Ulrike sucht nach ihrer Zwillingsschwester

Ulrike rief die Adoptionsvermittlungsstelle in Sondershausen an. Dort konnte man ihr den vollen Namen von Cornelia nennen. Die Zwillingsschwester lebte noch im gleichen Ort wie die Eltern. Über die Auskunft erhielt sie die Telefonnummer. Am 26. September 1995 war es so weit: Ulrike rief ihre Schwester an.

Am Tag zuvor hatte Ulrike das Telefonat mit den Eltern vereinbart. "Da hat jemand für dich angerufen", sagten diese, "sie sagt, sie sei deine Zwillingsschwester."

"Diese Nachricht machte mich zum glücklichsten Menschen auf der Welt", sagt Cornelia heute. Sie habe allerdings eine Weile gebraucht, um die Wendung in ihrem Leben zu verstehen. Sie war bereits 26 Jahre alt, als schließlich das Telefon klingelte.

Die Zwillinge Cornelia Holzbrecher und Ulrike Reichenbach nebeneinander.

Cornelia und Ulrike: 26 Jahre waren die Zwillinge getrennt

"Ich bin es Ulli, dein Zwilling", sagte Ulrike. Beide weinten. "Wir konnten uns nicht beruhigen und stellten uns tausende Fragen. Zwei Stunden lang haben wir telefoniert." Die Zwillinge hatten viel nachzuholen.

Als sich die Geschwister einen Monat später zum ersten Mal sehen, fallen sie sich in die Arme. "Wir rannten aufeinander zu und fielen uns in die Arme. Wir wichen immer wieder zurück, schauten uns aus den gleichen großen blauen Augen an und schüttelten ungläubig den Kopf."

Stimme, Gesicht, Körperbau: Ulrike und Cornelia ähneln sich sehr. Beide Zwillinge wurden mit 16 am Blinddarm operiert. Beide zeichnen gerne, ihre Handschriften gleichen einander. Die Gefühle überwältigten die Zwillinge. Seither wollen sie, so gut es eben geht, die 26 verlorenen Jahre nachholen.

Objekt der Forschung

Auch Wissenschaftler wurden auf die Zwillinge aufmerksam. Forscher auf der ganzen Welt untersuchen eineiige und zweieiige Zwillinge. Sie wollen herausfinden, wie sehr die Umwelt auf der einen und das Erbgut auf der anderen Seite die Entwicklung eines Menschen beeinflusst.

Cornelia Holzbrecher und Ulrike Reichenbach im Profil.

Zwillinge wie Cornelia und Ulrike sind für die Forschung interessant

Der US-Zwillingsforscher Thomas Bouchard lud Ulrike und Cornelia nach Boston ein. Ein Zwillingspaar, das nicht nur in getrennten Familien aufgewachsen war, sondern auch noch in verschiedenen Ländern - für den Psychologen war das eine Sensation.

Anlagenumweltforscher wie Bouchard gehen davon aus, dass Umwelteinflüsse auf den Menschen doch geringer zu sein scheinen, als die genetischen Einflüsse. Doch beide bedingen sich gegenseitig. Als Cornelia und Ulrike nach ihrem Aufenthalt in Boston die Ergebnisse von Bouchard erhielten, waren sie verblüfft: Alles war gleich. Doch die Auswertung war für sie weniger entscheidend. Für sie war wichtig: Sie konnten gemeinsam zwei Wochen in Amerika sein - und sich besser kennenlernen.

Autor/in: Eva Mommsen

Stand: 05.03.2014, 12:00

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