Zwillinge in anderen Kulturkreisen

Zwillinge

Zwillinge in anderen Kulturkreisen

In Madagaskar gelten Zwillinge als Fluch, in Nigeria als Segen. Frauen in Asien bekommen am seltensten Zwillinge, in Benin am häufigsten. Im Nationalsozialismus wurden Zwillinge in Deutschland zu Forschungszwecken missbraucht – heute melden sich Zwillinge freiwillig für Studien. Eine kleine Übersicht über den Umgang mit Zwillingen in anderen Kulturen – und zu anderen Zeiten.

Zweieiige Zwillinge: Die Anzahl variiert je nach Region

Zwillingskinder mit einer Frau, von hinten zu sehen, an einem Strand.

Andere Länder, andere Sitten: Das gilt auch für Zwillinge

Von 1000 Geburten sind im Schnitt etwa drei bis vier eineiige Zwillingsgeburten. Unabhängig davon, ob eine Frau in Kapstadt lebt oder in Buxtehude. Die Wahrscheinlichkeit, zweieiige Zwillinge zu bekommen, variiert hingegen je Gebiet.

Im Osten, Süden und Südosten Asiens sind von 1000 Geburten etwa sechs bis neun zweieiige Zwillingsgeburten. Ähnlich niedrige Zwillingsraten gibt es in den lateinamerikanischen Ländern. In Europa, in den USA und Indien sind  immerhin neun bis 16 Zwillingsgeburten je 1000 Geburten üblich. Als Zwillingshochburg galt lange Zeit Nigeria mit 18 Zwillingsgeburten je 1000 Geburten.

Eine Studie, die aufwändig die Häufigkeit von Zwillingsgeburten in Entwicklungs- und Schwellenländern analysierte, ergab jedoch: Die hohe Zwillingsrate gilt nicht bloß für Nigeria, sondern für Zentralafrika allgemein. "Ein Gebiet mit hohen Zwillingsraten von mehr als 18 je 1000 Geburten verläuft von Guinea im Westen entlang der Atlantikküste bis zur Demokratischen Republik Kongo bis nach Tansania, Mozambik und den Komoren."

In der Studie kam zudem heraus: In Benin kommen auf 1000 Geburten mehr als 25 Zwillingsfälle - das ist ein Rekord. "Das alles deutet darauf hin, dass es eine genetische Komponente gibt, die die Wahrscheinlichkeit für zweieiige Zwillinge erhöht", sagt die US-amerikanische Zwillingsforscherin Nancy Segal.

Yoruba: Hier sind Zwillinge Kult

Afrikanische Zwillingsfigur aus Holz.

Eine Zwillingsfigur der Yoruba

Der Stamm der Yoruba gilt als Weltmeister im Zeugen von Zwillingen. Die ethnische Gruppe lebt größtenteils im Südwesten Nigerias und im benachbarten Benin. Die Yoruba glauben an die Reinkarnation: Die Seele eines verstorbenen Menschen könne in der übernächsten Generation im Körper eines Neugeborenen zurückkehren.

Vor langer Zeit wurden Zwillinge als etwas Schlechtes angesehen - mitunter wurden sie sogar geopfert. Doch heute sind die Stammesangehörigen überzeugt: Zwillinge bringen Glück, Gesundheit und Geld. Deswegen werden Zwillinge mit großen Festen willkommen geheißen.

Madagaskar: Zwillinge gelten als Fluch

Eine Frau trägt auf jedem Arm je ein einjähriges Zwillingsmädchen.

Nanny statt Mutter: Waisenhaus für Zwillinge auf Madagaskar

Auf Madagaskar geht die Erzählung von einer Königin um, die vor einem Kampf floh und eines ihrer Zwillingskinder vergaß. Als sie die Soldaten zurückschickte, um das Kind zu holen, soll es zu einem Massaker gekommen sein.

Auch wenn es keine Beweise für die Geschichte gibt: Manche Stämme auf Madagaskar sind nach wie vor davon überzeugt, dass Zwillinge Unglück bringen. Sie sollen dafür sorgen, dass ihre Familie stirbt und ihr Dorf angegriffen wird. Sie sollen auch schuld sein, dass der Aufstand gegen die Kolonialherren im Jahre 1947 missglückte. Deswegen werden Zwillinge ausgesetzt. Früher hat man wohl Zwillinge vor die Verschläge für die madagassischen Rinder gelegt. Wenn sich das Tor dann öffnete, trampelten die Zebus über die Zwillinge hinweg. Nur wer das überlebte, durfte von der Familie behalten werden.

Auch heute noch gelten Zwillinge auf Madagaskar vielerorts als "fady", als Tabu. 1987 wurde im Südosten Madagaskars ein Heim speziell für ausgesetzte Zwillingskinder eingerichtet. "Als wir das Zentrum gerade eröffnet hatten, beschwerten sich die Nachbarn, dass der Wind, der an unserem Haus vorbei zu ihnen wehte, sie krank machen würde", sagte eine Mitarbeiterin des Informationsdiensts der Vereinten Nationen.  "Also mussten wir umziehen an einen Platz außerhalb der Stadt."

West-Papua: Zwillinge werden miteinander vermählt

In der westlichen Hälfte der Insel Papua-Neuguinea - West-Papua - ist es üblich, dass Zwillinge getrennt aufgezogen werden. "Ein Zwilling wird üblicherweise an eine unfruchtbare Frau im Nachbardorf übergeben, weil Frauen nicht auf dem Feld arbeiten können, während sie gleichzeitig zwei Kinder tragen und stillen", sagt Alessandra Piontelli. Die Ärztin aus Italien arbeitet seit mehr als 15 Jahren als Ärztin in Entwicklungsländern. Sie hat erlebt, wie Zwillinge in verschiedenen Kulturen behandelt werden.

Ihre Eindrücke schildert sie in dem Buch "Twins in the World". Planet Wissen schilderte sie ein Erlebnis, das sie besonders beeindruckt hat: "Die getrennten Zwillinge in West-Papua trafen sich, sobald sie laufen konnten: Sie spielten miteinander. Und wenn sie sexuell reif waren, wurden sie miteinander verheiratet. Homosexualität war kein Tabu in jenem Tal - und Inzest war die Regel für Zwillinge."

Zwillinge: Missbraucht für die Forschung

Die Zwillinge Perla und Elisabeth Tsuker sitzen 1985 in Rollstühlen bei einer Gedenkfeier in Yad Vashem

Opfer Mengeles: Perla und Elisabeth Tsuker (1985)

"Doktor Auschwitz" wurde er genannt: Josef Mengele, Doktor der Philosophie und Medizin. Seit Mai 1943 war er SS-Arzt im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Das KZ war für ihn vor allem ein Forschungslabor: Hier kamen so viele Zwillinge zusammen wie nirgendwo sonst.

Wenn neue Züge mit Deportierten ankamen, hielt er Ausschau nach neuen Studienobjekten. "Er schien mir wie von Sinnen zu sein, wenn er auf der Rampe herumlief und Zwillinge suchte", erinnerte sich eine Häftlingsärztin später. Die Zwillinge wurden vermessen, geröntgt und fotografiert. Es wurden Abdrücke genommen, von den Füßen und Händen und vom Gebiss.

Mengele operierte etwa Zwillinge ohne Narkose, um zu testen, ob sie gleich schmerzempfindlich waren. Auch steckte er Zwillinge absichtlich mit Tuberkulosebakterien und anderen Krankheitserregern an. Er tötete Zwillinge zeitgleich, um sie obduzieren zu können.

Zwei Zwillinge finden zueinander

Oskar und Jack: An diese beiden Zwillinge wird sich Nancy Segal immer erinnern. Die US-Forscherin war anwesend, als für eine einzigartige Studie an der University of Minnesota mehr als 130 getrennt aufgewachsene Zwillingspaare zusammenkamen.

Im US-Magazin "National Geographic" schildert sie 2012 folgendes: Oskar und Jack wurden in der britischen Kolonie Trinidad geboren. Der Vater war Rumäne, die Mutter Deutsche, sie trennten sich. 1933, als die Zwillinge sechs Monate alt waren und in Deutschland gerade die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, ging die Mutter zurück nach Deutschland, gemeinsam mit Oskar und dessen älterer Schwester. Jack blieb bei seinem Vater.

"Oskar wurde katholisch erzogen und wurde Mitglied in der Hitlerjugend, während Jack jüdisch aufwuchs und später zur israelischen Armee ging", berichtet die Zwillingsforscherin. 1979 nahmen sie an der Minnesota-Zwillingsstudie teil und verbrachten daraufhin Zeit miteinander. Da merkten sie, wie ähnlich sie sich waren.

"Was mich am meisten an ihrer Geschichte berührte: Sie hatten so unterschiedliche politische und historische Hintergründe, dass sich die meisten Menschen an deren Stelle nicht die Mühe gemacht hätten, miteinander auszukommen", sagt Nancy Segal. "Als Oskar 1997 an Lungenkrebs gestorben ist, war Jack untröstlich." Von Jack und Oskar und von einigen anderen Zwillingspaaren berichtet Segal in ihrem Buch "Born Together - Reared Apart" (Zusammen geboren, getrennt aufgewachsen).

Autor/in: Franziska Badenschier

Stand: 05.03.2014, 12:00

Darstellung: