Abwanderung in den Alpen

Potraitaufnahme von Michael Kleider.

Alpen

Abwanderung in den Alpen

Von Claudius Auer

In den Alpen sind in den vergangenen Jahrzehnten vor allem zwei unterschiedliche Entwicklungen zu beobachten. Zum einen kommt es zu einer immer deutlicheren Verstädterung der Täler entlang der Hauptverkehrswege durch die Alpen, zum anderen sind immer mehr Regionen in den Alpen von Abwanderung bedroht.

Planet Wissen: Herr Kleider, in den Alpen gibt es nicht nur Gebiete, die von Touristen überlaufen sind. Viele Regionen werden stattdessen von den Menschen verlassen. Wie kommt das?

Michael Kleider: Dazu muss man die historische Entwicklung verstehen: Mit der Herausbildung der Industriegesellschaft zur Jahrhundertwende des 19./20.Jahrhundert, die nach einiger Zeit auch die abgelegenen Bergdörfer erreichte, wurden Strukturen aufgebaut, welche die Tiefebene bevorteilten und die Berggebiete benachteiligten. Die Industrialisierung leitete das Ende der traditionellen Landwirtschaft (eine marktoffene Subsistenzwirtschaft) ein, die unrentabel wurde. Eine "moderne" Landwirtschaft mit intensivem Maschineneinsatz, wie sie in der Tiefebene betrieben wird, ist in den Alpen aufgrund der kleinräumigen Struktur und des steilen Reliefs unmöglich.

Über die neuen Verkehrsachsen erreichten die Industriegüter nun die Alpentäler, wodurch auch das traditionelle Handwerk stark geschwächt wurde, denn die neu eröffneten Supermärkte konnten ihre Produkte viel billiger anbieten. Aufgrund mangelnder Erwerbsmöglichkeiten, aber auch weil das Leben in den Städten weniger mühsam und verlockend schien, wanderten viele Menschen in Städte mit Industriestandorten ab, ein Prozess, der übrigens auch für andere ländliche Alpengebiete gilt.

Die Piemontesischen Alpen sind besonders stark von dieser Entwicklung betroffen. Wie sieht es dort aus?

Im Piemont ist diese Abwanderung flächenhaft ausgeprägt und es gibt völlig verlassene "Geisterdörfer". Dort ist die Verkehrsanbindung häufig schlecht, es gibt keinen nennenswerten Tourismus, und es gab wenige staatliche Förderungsmaßnahmen in die Infrastruktur.

Sie haben ja selbst in den piemontesischen Alpen gewohnt und sind auch immer noch regelmäßig dort. Was bedeutet die Abwanderung für Natur und Kultur?

Zum einen verfallen die Häuser und Gebäude in den Dörfern, zum anderen verändert sich die Landschaft ringsherum. Die ehemals vielfältige und offene Kulturlandschaft mit Ackerterrassen, Mähwiesen, Almen, wird nicht mehr vom Menschen gepflegt, verliert durch Verbuschung und Verwaldung ihren offenen Charakter, und verwildert. Für die Bevölkerung, die sich mit "ihrer" Landschaft identifiziert, bedeutet dies den Verlust von Heimat. Schätzungen zufolge sind seit 1880 etwa die Hälfte der alpinen Nutzflächen aufgegeben worden.

Weitere Probleme sind zum Beispiel eine überalterte Restbevölkerung und ein schleichender Verlust wichtiger Infrastrukturen wie Schulen, Postämter et cetera, ein häufig nicht mehr umkehrbarer Prozess.

Die Natur erobert sich die Landschaft zurück. Ist das nicht positiv?

Mit dem Verschwinden der Nutzflächen schwindet auch die Artenvielfalt (Pflanzen und Tiere). Die Wälder der Alpen sind relativ jung - es gibt sie "erst" seit der letzten Eiszeit - und daher artenarm, ganz im Gegensatz zu den Rasengesellschaften, welche die Eiszeiten überlebt haben und hier sehr artenreich sind (darunter auch zahlreiche Insekten). Dazu kommen die zahlreichen Kulturfolger, die durch die Kulturlandschaft ein Habitat finden. Durch das Mähen und Weiden werden diese begünstigt, und die artenreichen Rasengesellschaften erhalten. Auch die so typisch kleinteilige Landschaft mit ihren vielen Grenzsäumen erhöht die Artenvielfalt. Wenn die Landschaft verwildert, setzen sich dominante Pflanzen wie zum Beispiel Borstgras oder Grünerle durch und verdrängen andere Arten. Solche verwilderten Flächen wieder nutzbar zu machen, ist sehr schwierig.

Außerdem verliert die Landschaft ohne die offenen Kulturflächen deutlich an Attraktivität, was sich negativ auf die Besucherzahlen auswirkt.

Womit wir beim Tourismus wären. Sie sind Autor mehrerer Wanderführer und engagieren sich für den Weitwanderweg GTA. Damit plädieren Sie für einen sanften Tourismus in diesen Gebieten, was kann dieser bewirken?

DieGrande Traversata delle Alpi führt auf alten Wegen durch die piemontesischen Alpentäler, eine typische Etappe führt von einem Bergdorf über einen hohen Pass zum nächsten Bergdorf und meist auch ins nächste Tal. Am Ende jeder Etappe kann übernachtet werden, meist in einfachen und kleinen Unterkünften, in denen man hervorragend speist – nicht selten lokale Spezialitäten. Die Strukturen sind hier klein und der Ertrag bleibt vor Ort. Die Einkünfte aus dieser Bewirtung erlauben es mancher Familie – häufig in Verbindung mit einer anderen Tätigkeit – weiterhin in den Bergen zu wohnen. Lokale Produkte können außerdem den Wanderern direkt angeboten werden.

Für die Wanderer bedeutet das Erlebnis GTA eine sehr anstrengende und ursprüngliche Art des Tourismus, bei dem man sich auf die Spuren der ehemaligen Bergbauern begibt und die Relikte dieser Wirtschaftsform deutlich wahrnehmen kann. Es findet ein Kennenlernen und ein Austausch mit der lokalen Bevölkerung statt– eine kulturelle Bereicherung für beide Seiten. Somit stellt die GTA einen umwelt- und sozialverträglichen Wandertourismus dar und der wirkt der Abwanderung entgegen.

Michael Kleider
Sein Ziel ist es, Menschen für einen verantwortungsvollen und umweltbewussten – also „sanften“ – Wandertourismus in diesen unerschlossenen Alpentälern zu begeistern.

GTA – Grande Traversata delle Alpi
Die Grande Traversata delle Alpi (GTA) verläuft auf ca. 1.000km in ca. 65 Etappen von dem Piemont an der Schweizer Grenze bis ans Mittelmeer, nahe der Grenze Italien/Monaco.

Stand: 14.05.2019, 16:00

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