Alpen in Gefahr

Rhein-Ursprung in den Alpen

Der Mensch in den Alpen

Alpen in Gefahr

Von Andrea Oster und Michael Pröttel

Liebliche Almen, schroffe Felswände, weiß glänzende Gletscher – die Landschaft der Alpen ist wunderschön und zieht massenhaft Touristen an. Die wenigsten wissen jedoch, wie fragil das Ökosystem der Berge ist.

Wasserreservoir Europas

Gebirge spielen im globalen Wasserkreislauf eine bedeutende Rolle. Für Europa haben die Alpen eine zentrale Versorgungsfunktion. Hier entspringen große Flüsse wie Rhein, Rhone und Po sowie zahlreiche Nebenflüsse der Donau. Allein über die Trinkwasser-Versorgung des Bodensees sind mehr als fünf Millionen Menschen vom Gebirgswasser abhängig. Großstädte wie München oder Wien versorgen sich fast vollständig von Quellwasser aus den Alpen.

Aufgrund der am Alpenrand sehr hohen Niederschläge steht es den Städten beinahe verschwenderisch zur Verfügung. Auf der Zugspitze fallen jährlich etwa 2000 Millimeter Regen. Zum Vergleich: In Frankfurt gehen durchschnittlich 750 Millimeter pro Jahr auf den Boden nieder. Zudem werden in den Zentralalpen unglaubliche Vorräte an Süßwasser im Eis der großen Alpengletscher gespeichert.

Ein Reservoir, das in Folge des Klimawandels langsam dahinschwindet und zudem durch menschliche Verschmutzung gefährdet ist. Ein Beispiel: Die Talorte des Dachsteingletschers wurden einst mit klarem Gletscherwasser versorgt. In den 1970er Jahren wurden die Gemeinden dann an die Fernwasserversorgung angeschlossen.

Der Grund: Das Gletschereis war durch Schmiermittel aus dem Gletscherliftbetrieb so verunreinigt worden, dass es nicht mehr als Trinkwasser freigegeben werden konnte.

Wenn der Berg ins Rutschen kommt

Betrachtet man alte Landkarten, wird man feststellen, dass Bergdörfer zumeist im Schutz sogenannter Bannwälder, auf breiten Talterrassen oder exponierten Bergrücken angelegt wurden. Von jeher bedrohten Bergstürze die dem Gebirge vom Menschen abgerungenen Kulturlandschaften und Verkehrswege.

Trotz technischer Entwicklungen wie Wildbachverbauungen, Lawinengalerien oder Betonschutzwällen wird diese Bedrohung nicht geringer, sondern immer größer. Im Herbst 2000 wurden beispielsweise fast die gesamten Südalpen von Ligurien über das Wallis bis nach Slowenien von herabstürzenden Schlamm- und Felslawinen überrollt.

Schneefänger aus Stahl am Hang eines Berges.

Solche Verbauungen sollen vor Lawinen schützen

Im Kanton Wallis riss eine gewaltige Lawine zehn Häuser des kleinen Grenzdorfes Gondo südlich des Simplon-Passes mit sich. 16 Menschen kamen ums Leben. Der Hauptverursacher hierfür ist der Mensch.

Der Bergwald verschwindet

Im Zusammenhang mit dem globalen Klimawandel ist eine Zunahme extremer Niederschläge festzustellen, die den Rutschungen stets vorausgeht. Denn die im Gebirge nicht sehr mächtige Bodendecke saugt sich bei Dauerregen schon nach verhältnismäßig kurzer Dauer voll wie ein Schwamm.

An den steilen Hangflanken bilden die unter dem Boden liegenden Felsen eine Gleitschicht, auf dem das Gemisch aus Wasser und Erde abrutschen kann. Die Schlammmassen sammeln sich in sogenannten Wildbachtobeln. Dies sind kleine Schluchten am Hang, von wo aus sie dann mit ungeheurer Geschwindigkeit ins Tal rauschen. Oft führen sie Baumstämme mit, die sich an engen Passagen miteinander verkeilen und sich zu regelrechten Staudämmen auftürmen.

Im schlimmsten Fall wird der Wasserdruck dahinter zu groß, die natürlichen Dämme brechen und gewaltige Flutwellen ergießen sich ins Tal.

Bergbach mit dicken Steinen und Kiefernbewuchs am Uferrand.

Rinnsale können zu reißenden Bächen werden

Der beste Schutz vor diesen Gefahren ist ein gesunder Bergwald. Sein Boden kann aufgrund der dichten Verwurzelung sehr viel Wasser speichern. Das Regenwasser wird hier großräumig aufgefangen und läuft viel langsamer und vor allem viel weitflächiger talabwärts.

Da gerade die im extremen Klima wachsenden Bergwälder von Luftschadstoffen sehr stark geschädigt werden, ist ihr Schutz eine der wichtigsten Aufgaben, um der zunehmenden Erosion Einhalt zu gebieten.

Eisriesen im Treibhaus

Das Ehepaar aus München staunte nicht schlecht, als auf ihrer Gletscherwanderung im Sommer 1991 ein menschlicher Leichnam vor ihnen lag. Was Archäologen in Begeisterungsstürme versetzte, werteten Glaziologen als weiteres Indiz für den höchst bedenklichen Zustand der Alpengletscher.

Über 5000 Jahre war der Leichnam von "Ötzi" im kalten Ötztaler Gletschereis eingeschlossen, bis ihn der durch den globalen Treibhauseffekt stark ins Schwitzen geratene Similaun Ferner schließlich freigab.

Hinterkopf und Rücken des Ötzi ragen aus dem geschmolzenen Eis.

Ötzi – der Mensch aus dem Eis

Zum Höhepunkt der Eiszeit ragten nur die höchsten Gipfel aus einem bis zu 2000 Meter dicken Eispanzer, der den gesamten Alpenbogen fest im Griff hatte. Seit dem Ende der Eiszeit vor etwa 10.000 Jahren sind die Eisriesen dramatisch zurückgegangen: Der Aletschgletscher – mit 23 Kilometern Länge und bis zu 900 Metern Dicke der größte Alpengletscher – hat seit 1920 etwa 100 Meter seiner Eisdicke eingebüßt.

Rückzug der Gletscher

Nach Angaben der "Gesellschaft für Ökologische Forschung" verloren die Eismassen seit Mitte des 19. Jahrhunderts – dem Beginn der Industrialisierung – bis 1975 im Durchschnitt etwa ein Drittel ihrer Fläche und die Hälfte ihres Volumens.

Seitdem sind weitere 20 bis 30 Prozent des Eisvolumens abgeschmolzen. Schweizer Wissenschaftler rechnen mit dem Verlust von drei Vierteln der heutigen Alpengletscher bis zum Jahr 2050.

Und der Gletscherschwund ist keinesfalls auf die Alpen begrenzt. Nach dem von der Universität Zürich betreuten "World Glacier Monitoring Service" schrumpfen in allen Hochgebirgen der Welt die Eismassen.

Teil der Gletscherzunge des Sulzenauferners in den Stubaier Alpen.

Die Gletscher geraten ins Wanken

Wer meint, der Gletscherschwund sei allenfalls wegen des Verlustes einer wildromantischen Ansichtskartenidylle zu beklagen, irrt sich gewaltig. Die wirklichen Risiken liegen woanders.

Durch die Fähigkeit, Wasser zwischenzuspeichern, gewährleisten Gletscher sowohl in trockenen Sommern als auch nach starken Niederschlägen einen gleichmäßigen Wasserabfluss. Durch das Abschmelzen werden große Schuttareale freigelegt, die sogenannten Gletschervorfelder. Das lockere Gestein kann nach heftigen Gewitterregen als Erdrutsch sogar die Talsiedlungen gefährden.

Zudem bergen schmelzende Gletscher selbst eine große Gefahr. Durch den Wasserfilm an ihrem Untergrund wird ihre Fließgeschwindigkeit erhöht. An steileren Gletscherbrüchen geraten Seracs genannte Eistürme ins Wanken und stürzen mit großem Getöse ins Tal.

Diese Gefahren sind keinesfalls abstrakt. Aus den an großen Gletschern reichen Westalpen kommen immer mehr Meldungen von Bergführern und Hüttenpächtern, die von großen Eisabbrüchen berichten.

Stand: 01.09.2017, 10:00

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