Der Drache vom Ausserfern

Blick auf den Ausserfern

Eroberung der Berge

Der Drache vom Ausserfern

Von Andrea Oster und Michael Pröttel

In den Mieminger Bergen unweit der Zugspitze liegt inmitten senkrechter Felswände ein wunderschöner Bergsee. Um seine Entstehung rankt sich eine alte Legende.

Die Kraft der Gletscher

Heutzutage weiß man, dass solche Karseen durch die erodierende Kraft der Seitengletscher entstanden sind, die sich über eine sogenannte Karschwelle ins Haupttal wälzten. Hinter diesen Geländeabsätzen bildeten sich nach dem Abschmelzen der Eisströme oftmals kreisrunde Bergseen.

In früheren Zeiten wusste man natürlich nichts von diesen glazialen Entstehungsprozessen. Man erklärte sich die Entstehung eines solchen Karsees ganz einfach mit einer Sage.

In diesem Fall spielen überhebliche Bergbewohner, die durch Erzvorkommen in ihren Bergen zu Reichtum kamen, die entscheidende Rolle. Tatsächlich trifft man noch heute in den Mieminger Bergen auf viele alte Bergwerkstollen.

Gletschersee umgeben von Eis und Felsen

Düstere Gletscherseen regen die Phantasie an

Reichtum verdirbt den Charakter

In den frühesten Zeiten der Alpenbesiedlung kam ein heiliger Mann in das Ausserfern, einen breiten Talboden zwischen dem Werdenfelser Land und dem Inntal. Der Geistliche predigte den dortigen Bewohnern das Evangelium und lehrte sie die Kunst des Erzabbaus.

Nach vielen unergiebigen Jahren des Bergbaus stießen die Knappen eines Bergdorfes, das hoch oben im Mieminger Gebirge lag, plötzlich auf eine mächtige Goldader. Unverzüglich wurde ein tiefer Schacht gegraben, um diese Geldquelle auszubeuten.

Schnell mehrte sich der Reichtum des ehemals armen Ortes, der direkt unterhalb der markanten Sonnenspitze lag. Aus den vormals kleinen Holzhütten wurden stattliche Berghöfe mit Dienstboten und Mägden.

Doch mit dem zunehmenden Reichtum der Bewohner schwand ihre frühere Bescheidenheit. Die Dörfler wurden zu übermütigen und hartherzigen Menschen, die den Kirchgang verpönten und das Erz als neuen Gott verehrten.

Bald scheuten sie die Arbeit und ließen an ihrer Stelle arme Bewohner des Alpenvorlands in den dunklen Stollen schuften. Die Armut wurde ganz und gar verachtet, da es im Ort durch das wertvolle Metall keine Bedürftigen mehr gab.

Der Fluch des alten Mannes

An einem grauen Nachmittag im Spätherbst kam ein alter Mann ins Dorf und bat um Aufnahme für nur eine Nacht. Obwohl es bereits dämmerte und eisiger Herbstwind den Alten erschauern ließ, fand er an keiner Tür Einlass.

Die stolzen Dorfbewohner überschütteten ihn mit Hohn und manche spuckten ihm sogar hinterher. Am obersten und reichsten Hof des Ortes wurden gar die Hunde auf ihn gehetzt, so dass der Wanderer sich in noch höhere und kältere Bergregionen flüchten musste.

Mit letzter Kraft erreichte er eine vor dem Wind schützende Felsnische. Auf Grund des strengen Frostes sollte der ausgezehrte Mann die kommende Nacht dennoch nicht überleben.

Mit zitternder Stimme verhängte der sterbende Fremde noch einen bösen Fluch über das Bergdorf, seine Bewohner und das Bergwerk. Da begann die Erde zu beben und gewaltige Risse taten sich im Untergrund auf. Nach und nach stürzten alle Häuser des Ortes in den schwarzen Abgrund.

Der Drachensee

Als sich am nächsten Tag die herbstlichen Morgennebel verzogen hatten, lag an der Stelle des Hochmutes und des Geizes ein ruhiger, aber dunkler See. Der Sage nach lebt in ihm seitdem ein riesiger Drache, der die ruhelosen Geisterseelen der Dorfbewohner bewacht. Daher heißt er bis zum heutigen Tag Drachensee.

In der Christnacht hört man das Glöcklein der ebenfalls versunkenen Dorfkirche läuten und sieht auch die büßenden Einwohner zur Andacht ziehen. Aber wehe dem Wanderer, der sich unvorsichtig dem dunklen Drachensee nähert. Entdeckt ihn der Drache, so fährt er aus dem Wasser, erfasst ihn und gesellt ihn zur Schar der Verdammten.

Sonnenwendfeuer in den Mieminger Bergen

Bis heute haben sich uralte Traditionen in der Gegend gehalten

Weiterführende Infos

Stand: 09.10.2017, 16:19

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