Katzen – Abschießen für den Vogelschutz?

Jäger hält sein Jagdgewehr auf dem Hochsitz im Anschlag und hält Ausschau nach Wild

Katzen

Katzen – Abschießen für den Vogelschutz?

Nicht jede Katze hat neun Leben. Gefährlich wird es für die Tiere vor allem, wenn sie ins Fadenkreuz von Jägern geraten. Lange Zeit durften Katzen abgeschossen werden, wenn sie weiter als 200 bis 500 Meter vom nächsten Wohnhaus entfernt waren. Doch in einigen Bundesländern ist der Abschuss von Katzen inzwischen verboten.

Vor der Flinte sind alle Katzen gleich

Ein Katzenleben kann hierzulande sehr unterschiedlich verlaufen. 11,8 Millionen Stubentiger leben in Deutschland mit ihren Menschen zusammen: geliebt, verwöhnt oder zumindest regelmäßig gefüttert. Geschätzte zwei Millionen Katzen leben dagegen auf der Straße, oft verwahrlost, hungrig oder krank.

Doch egal ob satte Stubentiger oder hungrige Streuner, vor dem Gesetz sind alle gleich: Wildernde Katzen sind ein Fall für das Bundesjagdgesetz und die näheren Bestimmungen durch die Länder.

Sofern in den Landesjagdgesetzen nichts Gegenteiliges steht, dürfen wildernde Katzen laut Bundesjagdgesetz abgeschossen werden, um das Wild zu schützen. Zum Wild zählen in dieser Definition auch Vögel.

In Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und dem Saarland ist damit inzwischen Schluss. Vor einigen Jahren wurden die jeweiligen Landesjagdgesetze geändert, seither ist der Abschuss von Katzen dort verboten.

Eine Blaumeise in einem Garten

Schützt man Singvögel, indem man Katzen abschießt?

Wie viele Katzen jedes Jahr in Deutschland insgesamt abgeschossen werden, ist unklar. Eine bundesweit einheitliche Erfassung gibt es nicht, in einigen Bundesländern wird die Zahl der abgeschossenen Katzen gar nicht erst erfasst.

Rückschlüsse erlauben die Zahlen aus Nordrhein-Westfalen: Hier wurden im Jagdjahr 2014/2015, also vor der Reform, insgesamt 7344 Katzen erlegt, im Jagdjahr 2012/2013 waren es sogar 10.047 Tiere.

Eine Zahl, die Tierschützer protestieren lässt und Jäger zufrieden macht. Denn Katzen sind nicht nur heiß geliebte Haustiere, sondern auch verhasste Vogeljäger.

Auf Inseln können Katzen Vögeln gefährlich werden

Wie hoch die Zahl der Vogel-Opfer in Deutschland tatsächlich ist, weiß niemand genau. 2013 veröffentlichte die Zeitschrift "Nature" eine viel beachtete Studie mit Zahlen aus Amerika.

Demnach werden in den USA jedes Jahr zwischen 1,4 und 3,7 Milliarden Vögel und zwischen 6,9 und 20,7 Milliarden kleine Säugetiere von Katzen getötet. Verwilderte Hauskatzen sollen den höchsten Anteil daran haben.

Der Landesbund für Vogelschutz hat diese Zahlen umgerechnet: Demnach werden in Deutschland jährlich rund 200 Millionen Vögel von Katzen gerissen.

Diese Summe hält Lars Lachmann, der Vogelschutzexperte vom Naturschutzbund Deutschland, allerdings für zu hoch gegriffen: "Nach der Brutzeit gibt es bei uns etwas über 400 Millionen Vögel insgesamt. Dann müsste ja jeder zweite Vogel von einer Katze getötet werden."

Eine Katze spielt mit einer Meise

Vögel leben auf Inseln wie Helgoland gefährlich

Dennoch zeigen die Zahlen der US-Studie, dass Katzen bei den Todesursachen unter Vögeln eine relevante Rolle spielen.

"Auf dem Festland wird keine Vogelart wegen der Katzen aussterben. Aber auf Inseln wie Helgoland oder Neuseeland ist das natürlich etwas anderes", sagt Lars Lachmann. Auf Helgoland machen jedes Jahr Zehntausende erschöpfter Zugvögel Rast, die leicht zu einem gefundenen Fressen für Streuner werden.

Auch Neuseelands Vögel haben mit den Katzen zu kämpfen. Die Vogelwelt der Insel kannte keine Landraubtiere, bis der Mensch die Katze einführte. "Das ist für die Bodenbrüter ein großes Problem, vor allem, wenn sich die Katzen rasant vermehren", so Lachmann. "Einige Arten sind dort bereits ausgestorben."

Geborene Jäger

Nicht nur hungrige Streuner sind hinter Singvögeln her, auch satte Stubentiger jagen.

"Der Jagdtrieb der Katze ist angeboren", sagt Tierarzt Ralf Unna. "Bei Freigängern muss man mit Beute einfach leben. Normalerweise regeln sich Angebot und Nachfrage in der Natur von selbst. Und es ist auch nicht immer die Katze, die Druck auf die Vögel ausübt."

Der Mensch sei das deutlich größere Problem, indem er den Lebensraum der Vögel nach und nach zerstöre.

Unkastrierte Streuner vermehren sich explosionsartig

Problematisch wird es, wenn sich verwilderte Hauskatzen in der Natur unkontrolliert vermehren. Eine Katze kann im Jahr zwei- bis dreimal bis zu sechs Kätzchen bekommen. Und der Nachwuchs ist dann ebenfalls nach sieben bis acht Monaten geschlechtsreif.

In nur sieben Jahren könnten also eine einzige Katze und deren Nachkommen theoretisch fast eine halbe Million Kätzchen produzieren.

Vermittelbar sind diese jungen Wilden nicht mehr. "Verwilderte Hauskatzen würden in geschlossenen Räumen durchdrehen", sagt Ralf Unna. "Man kann sie nur einfangen, behandeln, kastrieren und wieder rauslassen. Natürlich an einem sicheren Ort."

Verwilderte Hauskatzen an einer Futterstelle

Verwilderte Hauskatzen werden zum Problem

Kastration statt Exekution

Tierschützer und Jäger stehen sich unversöhnlich gegenüber, wenn es um die Frage geht, wie sich die Zahl der Streuner eindämmen lässt. Jäger plädieren für Abschuss, um das Wild zu schützen. "Wir wollen nur, dass verwilderte Katzen nicht unbeaufsichtigt in der Natur herumlaufen", sagt Ralf Müller-Schallenberg vom Landesjagdverband NRW.

Tierarzt Ralf Unna hält dagegen: "Der Abschuss von Katzen ist ein klarer Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. Und einen vernünftigen Grund kann ich hier nicht erkennen."

Durch das Abschießen werde weder die Population der Streunerkatzen reduziert noch würden Vogelarten geschützt. Die Zahl der verwilderten Hauskatzen lasse sich nur durch wirksame Kastrationsprogramme reduzieren.

Tierschützer fordern deshalb schon lange eine bundesweite Kastrationspflicht. Denn auch Freigänger mit Familienanschluss paaren sich mit verwilderten Hauskatzen und sorgen so für weiteren unerwünschten Nachwuchs.

Viele Städte und Gemeinden haben bereits eine Kastrations- und Kennzeichnungspflicht beschlossen, so auch der Rat der Stadt Leverkusen. Dort zeigt die Verordnung bereits Wirkung: "Im letzten Sommer waren tatsächlich deutlich weniger wild geborene Katzen-Welpen da", sagt Diana Obladen, Leiterin des Tierheims in Leverkusen. Der Beginn einer Kehrtwende?

Autorin: Anke Riedel

Stand: 14.08.2018, 17:00

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