Wie das Pferd ein Mädchentier wurde

Ein Mädchen fürht ein Pferd auf einer Wiese spazieren

Pferde

Wie das Pferd ein Mädchentier wurde

Von Christine Buth

Alexander der Große hatte Bucephalos, Napoleon seinen Schimmel Marengo – als mit dem Pferd noch Kriege gewonnen wurden, war es ein Männertier. Auch bei der Feldarbeit hatten Männer den engsten Kontakt zu ihm. Heute gibt es nur noch im Spitzensport viele reitende Männer. In den Ställen sieht man meist Frauen und in den Reitschulen gibt es schon seit Jahren kaum noch männlichen Nachwuchs. Der überwiegende Teil der Pferdefreunde ist weiblich. "Warum?", fragt sich nicht nur immer wieder die "Deutsche Reiterliche Vereinigung".

Pferd gegen Pferdestärken

Helden stellte man sich früher meistens hoch zu Ross vor. Vom Pferderücken aus konnte man ein Land beherrschen und auf seine Untertanen herabsehen. Pferde bedeuteten Mobilität und waren ein Statussymbol. Geritten wurden sie meist von Männern. Jahrtausendelang war das Pferd in erster Linie ein Männertier. Aber dann kamen die Dampfmaschine und der Verbrennungsmotor. Sie machten das Pferd als schnelles Fortbewegungsmittel unnötig.

Die Männer stiegen ab: Runter vom Pferd, rein ins Auto. "Effektive Fortbewegungsmittel haben auf Männer immer eine eigentümliche Faszination ausgeübt", sagt Harald Euler. Der Professor für Psychologie erklärt sich das evolutionsbiologisch: Mobilität war einst ein wichtiger Faktor, der den Fortpflanzungserfolg von Männern bestimmte. Und wirklich mobil ist man heute eben nicht mehr mit dem Pferd, sondern mit dem Auto.

Ein Mädchen steht mit einem weißen Pferd zusammen

Ein geduldiger Zuhörer

Puppe gegen Pferd

Viele Mädchen erwischt der ganz normale Pferdewahnsinn irgendwann in der Grundschulzeit. Pferdeposter zieren die Wände, Pferdebücher füllen die Regale, Pferdezeitschriften den Fußboden. Fast jede hätte jetzt gern ein eigenes Pferd, nur wenige bekommen es. Pferde sind teuer, in Stadtnähe fast unbezahlbar. Und auch ohne eigenes Pferd ist Reiten ein Sport, der ganz schön ins Geld geht.

Wirklich ausschlaggebend ist jedoch ein anderer Grund: Studien haben gezeigt, dass es nicht das Reiten ist, was die meisten Mädchen zu Pferden hinzieht, sondern das Tier selbst. Pferde sind für Mädchen "das größte und letzte Kuscheltier", sagt Harald Euler. Mädchen drücken ihre Zuneigung stärker als Jungen durch Berührungen aus, und Pferde sind weich und knuddelig und lassen sich meistens gerne anfassen.

Außerdem haben die meisten Mädchen Spaß dabei, ein Pferd zu versorgen, auch wenn es nicht das eigene ist – wichtig ist bloß die Nähe. Pferde kann man füttern, putzen und pflegen wie eine Puppe – sie machen bloß mehr Dreck. Für viele Mädchen ist das Pferd außerdem ein verlässlicher Partner, der Trost und Geborgenheit gibt und sehr geduldig zuhören kann.

Für Jungen ist in dieser Zeit fürsorgliches Verhalten weniger interessant. Die meisten lieben vor allem Wettkämpfe. Für Harald Euler ist das die Erklärung dafür, warum die wenigen Jungs, die heute in den Reitställen anzutreffen sind, dort vor allem auf Turniere hinarbeiten und reitende Männer vor allem im Spitzensport anzutreffen sind.

Ein junges Mädchen sitzt auf einem Pony und hat die Arme fest um seinen Hals geschlungen

Ein Kuscheltier?

Natur und Abenteuer

Manche Reitlehrer sind der Ansicht, dass Mädchen den Jungen beim Reiten überlegen sind – weil sie sich besser in das Tier hineinfühlen können. Sicher ist: Mit Erfahrung und Sachverstand können selbst kleine und leichte Reiterinnen große Pferde dazu bringen, sie dorthin zu tragen, wo sie es wünschen. So schafft Reiten Erfolgserlebnisse und gibt Selbstvertrauen.

Für viele Mädchen bedeutet Reiten außerdem auch ein Gemeinschaftserlebnis mit Gleichgesinnten. Mit dem Reitstall erschließen sich viele Mädchen eine neue Welt abseits des Elternhauses. "Pferde geben ihnen die Wärme und Zuneigung, die sie brauchen, um den Abnabelungsprozess von den Eltern zu beginnen", sagt Euler. Zwischen Puppe und Partner kommt die Liebe zum Pferd? Für diese These spricht: Mit der Pubertät verlieren Pferde für die viele Mädchen an Bedeutung.

Ein junges Mädchen galoppiert mit seinem Pferd über eine Wiese

Ein starker Partner!

Stand: 29.08.2019, 15:13

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