Wie ein Tierfreund krank wurde

Ratten – Wie ein Tierfreund krank wurde Planet Wissen 26.05.2017 07:27 Min. Verfügbar bis 24.11.2022 ARD-alpha

Ratten

Wie ein Tierfreund krank wurde

Von Tanja Fieber

Mit Leptospirose steckt sich in Deutschland kaum ein Mensch an. Claus Dörenkämper ist eine der wenigen Ausnahmen. Die lebensgefährliche Infektion war ein böser Zufall, die Diagnose reinste Detektivarbeit.

Vor einigen Jahren erkrankte Claus Dörenkämper an Leptospirose. Er ist einer von rund 100 Fällen in Deutschland pro Jahr. Von der schlimmsten Phase seiner Krankheit weiß er so gut wie nichts mehr.

Ein Foto von sich aus dieser Zeit erschreckt auch den ehemaligen Patienten selbst: Er hatte gelbe Haut und Einblutungen in den Augen. Zum Hausarzt war Dörenkämper anfangs gegangen, weil er Kopf- und Gliederschmerzen hatte und ihm die Knochen wehtaten.

Als sich die Beschwerden nicht besserten, schickte ihn der Hausarzt ins Krankenhaus. Dort konnte man ihm jedoch nicht weiterhelfen. Auch in einer zweiten Klinik waren die Ärzte ratlos.

Der lange Weg zur Diagnose

Erst der auf Infektiologie spezialisierte Professor Thomas Schneider von der Charité in Berlin kam der Erkrankung auf die Spur. Auch der Mediziner erinnert sich bis heute an den ungewöhnlichen Fall.

Professor Schneider hat schnell den Verdacht, dass Claus Dörenkämper an einer Leptospirose erkrankt ist, rätselt aber, wo sich sein Patient angesteckt haben könnte. Der Mediziner fragt die üblichen Ansteckungswege ab.

Bei der Frage nach Haustieren horcht er auf: Dörenkämper ist Ratten-Fan und hält einige als Haustiere. Allerdings besitzt er zahme Farbratten, die nie in der Wildnis waren und sich folglich nicht mit dem Erreger infiziert haben können.

Dann erinnert sich Dörenkämper an einen Vorfall. Er hatte von Tierrettern ein Ratten-Weibchen übernommen. Das Tier wurde der Ratten-Nothilfe in Berlin gemeldet, weil es verletzt und hilflos in einem Baum saß. Da es sich um ein ausgesetztes Haustier und keine Wildratte handelte, fing die Ratten-Nothilfe das Tier ein. Nachdem ein Tierarzt die Ratte versorgt hatte, nahm Dörenkämper sie bei sich auf.

Fall gelöst dank Blutproben

Professor Schneider schickt Blutproben von Dörenkämper und auch von dessen Ratten an ein Speziallabor im Bundesinstitut für Risikobewertung. Dort kann man Leptospiren analysieren. Die Ratten müssen für die Probe getötet werden, weil die Mediziner die Nieren der Tiere brauchen.

Die Tests sollen zeigen, welche der 17 Leptospiren-Stämme sich der Patient eingefangen hat. Diese sind unterschiedlich gefährlich und können von verschiedenen Tieren stammen. Ergebnis der Tests: Dörenkämper hat sich tatsächlich beim Ratten-Weibchen angesteckt, das er aufgenommen hat.

Nur wenige Bakterien reichen

Leptospiren sind sehr aggressiv: Schon zwischen 10 und 100 Bakterien reichen für eine Infektion aus. Zum Vergleich: Um eine Salmonellenerkrankung braucht es 10 Millionen Bakterien. Wilden Ratten machen Leptospiren in der Regel nichts aus. Sie scheiden sie einfach über den Urin aus.

Die Leptospiren können in Seen, Flüssen und auch in Gärten lauern. Sie überleben in feuchter Erde. Wer darin wühlt und sich die Schleimhäute reibt, zum Beispiel am Auge, kann sich anstecken. Weitere Infektionswege sind kleinere Wunden und rissige Haut.

Wo sich Menschen Leptospirose einfangen können

  • bei der Gartenarbeit (feuchte Erde, Gartenteich)
  • in Seen, Flüssen oder anderen Wasserbereichen
  • über infizierte Tiere – auch Hunde sind potenzielle Überträger und sollten regelmäßig geimpft werden
  • beim Erdbeerpflücken: 2014 steckten sich 45 Menschen in Niedersachsen mit der Krankheit an. Vermutlich waren die Bakterien von infizierten Mäusen in die feuchte Erde gelangt und hatten dann über Risse in den Händen die Menschen angesteckt.
  • beim Geocaching: Zwei Jugendliche infizierten sich bei der Schatzsuche in einer Kanalröhre.

Dörenkämper hat die sehr seltene Leptospirose-Infektion nur knapp überlebt. Trotzdem hat er keine Angst vor Ratten. Er liebt die Tiere weiterhin – als Haustier versteht sich: "Ratten sind für mich die schlauesten, pfiffigsten Tiere, die es gibt. Meine Mutter fragte mich: 'Wie kannst Du nach dieser Krankheit nur wieder Ratten haben?' Ich sagte: 'Weil das meine Tiere sind! Du hast einen Hund, ich habe meine Ratten!'"

Stand: 16.11.2017, 10:00

Darstellung: