Gefahr in Afrika: die Tsetsefliege

Fliegen

Gefahr in Afrika: die Tsetsefliege

Von Inka Reichert

Es surrt und summt dicht über der Grasnarbe: Auf dieser Flughöhe kann die Tsetsefliege ihre Opfer am besten orten. Die Fliegenart überträgt den Erreger der Schlafkrankheit. Wer daran erkrankt, kann daran sterben.

Heimisch in 37 afrikanischen Ländern

Jedes Jahr sterben Millionen von Nutzrindern. Der Grund: Die Tsetsefliege hat sie gestochen und mit dem Erreger der Schlafkrankheit infiziert. Auch Menschen können infolge der Krankheit sterben, wenn diese unbehandelt bleibt. Die schlechte Nachricht: In Zukunft könnte sich die Fliegenart weiter ausbreiten.

Die Erderwärmung führt dazu, dass die Fliege neue Lebensräume erobert. Forscher kämpfen auf Hochtouren dagegen an: Sie entwickeln spezielle Fliegennetze, sterilisieren die Tsetsemännchen und suchen nach Wegen, Fliegenepidemien vorherzusagen.

Die Tsetsefliege ist – je nach Art – so groß wie die Gemeine Stubenfliege. Manche Exemplare können doppelt so groß werden. Forscher zählen rund 30 Arten. Der Körper der Tiere ist schmal, sie unterscheiden sich deutlich von gewöhnlichen Stubenfliegen.

Die Anordnung der Flügel ist charakteristisch: In Ruhe legt die Tsetsefliege ihre Flügel wie die Blätter einer Schere übereinander auf dem Hinterleib ab. Sie ernährt sich vom Blut ihrer Opfer. Dazu sticht sie mit dem langen Stechrüssel durch deren Haut.

Die Tsetsefliege fühlt sich dort wohl, wo es warm und feucht ist, beispielsweise südlich der Sahara. "37 Länder in Afrika und damit neun bis zehn Millionen Quadratkilometer des Kontinents sind heute von der Tsetsefliege befallen", sagt der Veterinärmediziner Burkhard Bauer.

Er arbeitet als Berater am Institut für Parasitologie und Tropenveterinärmedizin an der Freien Universität Berlin. Seit 40 Jahren beschäftigt er sich mit der Tsetsefliege – und damit, wie sich diese bekämpfen lässt.

Das Insekt schadet der Landwirtschaft

"Die Tsetsefliege ist ein großes Problem für die Entwicklung der Landwirtschaft in Afrika", sagt Bauer. Infiziert sich ein Mensch mit den Erregern der Schlafkrankheit, den Blutparasiten Trypanosomen, leidet dieser nach Tagen bis Wochen unter Kopf- und Gliederschmerzen. Weitere Symptome sind Verwirrung und Krämpfe. Werden die Patienten nicht behandelt, fallen sie in ein Wachkoma und sterben.

Die Tsetsefliege sticht aber vor allem Rinder und Schweine. Nur wenige Kleinbauern können sich die Insektizide leisten, um ihre Herden zu schützen. Auch für Medikamente fehlt den meisten das Geld.

Die Folge: Bis zu drei Millionen Rinder pro Jahr sterben infolge einer Infektion mit den gefährlichen Erregern. Die Uno und das International Livestock Research Institute (ILRI) zählt die afrikanische Tier-Schlafkrankheit daher zu den häufigsten Rinderkrankheiten. Der wirtschaftliche Schaden, der durch die Krankheit entsteht, beträgt schätzungsweise 4,5 Milliarden Dollar pro Jahr.

Auch jene Bauern sind betroffen, die Rinder als Nutztiere auf dem Feld verwenden: "Die Landwirte in Afrika lassen ihre Äcker noch immer von Rindern pflügen. Stirbt ihr Zugtier, können sie ihre Felder nicht mehr bewirtschaften", sagt Bauer.

Ausbreitung droht durch Klimawandel

Forscher von der US-Behörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) warnen bereits vor einer weiteren Ausbreitung der Tsetsefliege. Das Ergebnis ihrer Computersimulationen: Steigt die Temperatur um ein bis fünf Grad Celsius könnten die Insekten noch in weitere Regionen im Süden Afrikas vordringen.

Die Tsetsefliegen würden dann Gebiete erobern, die zuvor zu kalt für sie gewesen sind. Tritt dieses Szenario ein, seien weitere 77 Millionen Menschen im Jahr 2090 durch die Schlafkrankheit bedroht, sagen die Forscher aus den USA.

Burkhard Bauer konnte bisher noch keine starke Vermehrung der Tsetsefliege in Afrika beobachten. Vielmehr dringe der Mensch selbst immer weiter in die Lebensräume der Fliege vor, sagt der Wissenschaftler.

Die Weltgesundheitsorganisation zählt die Schlafkrankheit inzwischen zu den 17 vernachlässigten Krankheiten weltweit. Das Infektionsrisiko für die Schlafkrankheit steigt für den Menschen und auch fürs Vieh, doch die Forschung beschäftigt sich bislang kaum damit. Der Grund? Es rechnet sich nicht. Die Betroffenen könnten die Medikamente nicht zahlen.

Ein Meter hohe Schutznetze

Kill the messenger! – das ist ein Ansatz im Kampf gegen die Schlafkrankheit. Die Forscher suchen nach Wegen, den Überträger der Krankheit zu bekämpfen: die Tsetsefliege.

Burkhard Bauer und seine Kollegen entwickelten bereits in den neunziger Jahren spezielle Fliegennetze, die nicht nur in Deutschland Pferde vor Stechmücken und Bremsen schützen sollten, sondern auch afrikanische Rinderherden vor der Tsetsefliege. 

Das Prinzip ist einfach: Der Bauer spannt ein Netz um die Wiese oder die Schlafplätze der Rinder. Die Insekten fliegen nah über dem Boden, wenn sie nach Wirtstieren suchen.

Das schwarze Netz so feinmaschig, dass die Insekten dieses nicht wahrnehmen. Sie kollidieren mit dem Netz, das zuvor mit einem Insektizid behandelt worden ist. Die Folge: Die Tiere krepieren innerhalb von fünf Minuten nach dem Kontakt mit dem Netz.

"In unserem Testgebiet in Ghana ist die Anzahl der Tsetsefliegen durch den Einsatz der Netze innerhalb von zwei Wochen um 95 Prozent zurückgegangen", sagt Bauer. Er hofft, dass die Netze bald auf den Markt kommen und dass die Kleinbauern in Afrika sich diese leisten können.

Sterile Männchen aus Österreich

Um die Tsetsefliege zu bekämpfen, lassen sich Forscher jedoch auch noch ganz andere Methoden einfallen. Bei der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien werden Fliegenmännchen mit der Sterile-Insekten-Technik zeugungsunfähig gemacht – mithilfe radioaktiver Strahlung.

Die behandelten Insekten werden anschließend systematisch und flächendeckend per Flugzeug in die Freiheit entlassen. Sie sollen sich mit den wilden Weibchen paaren, ohne Nachkommen zu zeugen.

Auf Sansibar war die Sterile-Insekten-Technik bereits Ende der Neunziger erfolgreich. Die Forscher hatten Woche für Woche sterile Tsetsemännchen freigelassen, im Schnitt 70 pro Quadratkilometer. Innerhalb von zwei Jahren gelang es, den Schädling auf Sansibar komplett auszurotten. Auch im Senegal konnte die Fliegenpopulation in einigen Gebieten durch den Einsatz dieser Methode im Jahr 2005 ausgerottet werden.

"Damit die Maßnahme wirkt, muss in den jeweiligen Gebieten die Fliegenpopulation jedoch zunächst mit herkömmlichen Bekämpfungsmitteln wie Insektiziden reduziert werden", sagt Udo Feldmann von der IAEA in einem Podcast der Forschungseinrichtung. Nur so kann sichergestellt werden, dass die sterilisierten nicht von wilden Männchen verdrängt werden.

"Die Methode ist sicher ein wirksames, jedoch auch ein sehr aufwändiges Verfahren", sagt Burkhard Bauer. Die Kosten für die Produktion eines sterilisierten Männchens lägen etwa bei einem US-Dollar pro Tier. Für viele Länder in Afrika sei das zu viel.

Luftperspektive: die Insel Sansibar

Mit sterilen Männchen konnte die Tsetsefliege auf Sansibar ausgerottet werden

Smartphones führen zu tsetsefreien Weidegründen

An der Columbia University in New York versuchen die Forscher ihr Glück ganz ohne Insektizide, Netze und radioaktive Strahlung. Mithilfe von Klimadaten wollen sie vorhersagen, auf welchen Weidegründen sich die Tsetsefliege vor allem vermehrt.

Dabei sollen die Kleinbauern selbst lernen, die Wettervorhersagen zu nutzen. Die Forscher bereiten die Satellitendaten daher so auf, dass auch Laien diese interpretieren können.

Bei den Massai in Kenia etwa haben die Stammesführer Smartphones. Sie können nun sehen, wo das Niederschlagsrisiko hoch ist oder wo stehende Gewässer sind – und damit geeignete Habitate für die Tsetsefliege. Die Stämme entscheiden selbst, wohin sie ihre Herden führen.

"Die Einbeziehung der Bevölkerung ist im Kampf gegen die Tsetsefliege entscheidend", sagt Bauer. Früher seien viele Maßnahmen ins Leere gelaufen, weil die Bauern nicht wussten, wie sie diese richtig anwenden. In den vergangenen Jahren sei man sich jedoch dieses Missstands bewusst geworden.

"Mittlerweile werden Informationen zu Bekämpfungsmitteln in der jeweiligen Stammessprache oder mit selbsterklärenden Bildern verteilt", sagt der Forscher. Für Burkhard Bauer ist das einer der wohl größten Fortschritte im Kampf gegen die Tsetsefliege.

WDR | Stand: 22.12.2015, 14:00

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