Ein Tag auf der Pasterze

Ein Tag auf der Pasterze

Der größte Gletscher der Ostalpen

Ökosystemwissenschaftler Dr. Andreas Kellerer-Pirklbauer auf der Pasterze

Der Geograph und Ökosystemwissenschaftler Dr. Andreas Kellerer-Pirklbauer ist beruflich auf dem größten Gletscher der Ostalpen, der Pasterze, am Fuße des Großglockners zu Hause. Hier misst und dokumentiert er die klimabedingten Veränderungen des Eisriesen und dessen Umfeldes.

Der Geograph und Ökosystemwissenschaftler Dr. Andreas Kellerer-Pirklbauer ist beruflich auf dem größten Gletscher der Ostalpen, der Pasterze, am Fuße des Großglockners zu Hause. Hier misst und dokumentiert er die klimabedingten Veränderungen des Eisriesen und dessen Umfeldes.

Immer wieder beeindruckend: Von der Franz-Josephs-Höhe bietet sich ein atemberaubendes Panorama mit dem 3798 Meter hohen Großglockner, der Pasterze, dem mächtigen Eisfall mit dem Namen Hufeisenbruch und dem darüberliegenden nahezu komplett vergletscherten Johannisberg.

Namensgeber dieses Aussichts-Standortes "Franz-Josephs-Höhe" war Kaiser Franz-Joseph von Österreich, der als 26-jähriger Monarch am 7. September 1856 an diesem Ort stand und wohl ebenso von dieser Landschaft beeindruckt gewesen sein dürfte wie heutige Besucher (die den bequemen Weg über die 1935 eröffnete Großglockner Hochalpenstraße wählen können). Zu seiner Zeit war der Gletscher allerdings ungleich mächtiger. Das "ewige Eis" lag ihm damals noch – wie es sich für ein gekröntes Haupt gehörte – direkt zu Füßen.

Das hat sich geändert. Zeit der Anpassung: Bis zum Jahr 2004 wurde die Pasterze noch als "ewiges Eis" beworben… doch an der Realität kommt niemand vorbei!

Blick von der Gletscherzunge der Pasterze zur Franz-Josephs-Höhe, wo eines der höchsten Parkhäuser Österreichs steht. Von dort aus zieht sich der Gamsgrubenweg als feine Linie quer über den Hang. Zu Zeiten Franz-Josephs reichte der Gletscher bis nahe an den Weg heran. Dieser Weg verläuft seit 2003 teilweise durch sechs Tunnel mit einer Gesamtlänge von einem Kilometer, da aufgrund des schmelzenden Permafrostes Steinschlaggefahr besteht und so die Bergwanderer geschützt werden.

Doch selbst die Tunnel bleiben im Winter – aber auch im Sommer nach Kaltlufteinbrüchen mit Schneefall und Lawinengefahr – oftmals für Besucher und Wanderer gesperrt!

Im Sommer hingegen ist auf dem Gletscher besondere Vorsicht geboten. Zahlreiche Risse und Gletscherspalten machen das Überqueren der Eisschicht lebensgefährlich, weswegen immer wieder Sperrzonen errichtet werden. Selbst die Wissenschaftler müssen hier wohlbedacht arbeiten und sollten sich immer anseilen. Beispielsweise besteht bei der Querung von Altschnee auf Gletschereis Einbruchgefahr, weil der Altschnee die Gletscherspalten verbirgt.

Über den Gamsgrubenweg erreicht man die Hoffmannshütte, einst wichtigster Ausgangspunkt für die Großglocknerbesteigung. Aufgrund der Steinschlag-bedingten Schließung des Gamsgrubenweges in den Jahren 1999 bis 2003 und der geringeren Attraktivität des Großglockneranstieges von dieser Seite (man muss über 250 Meter zuerst einmal absteigen) rentierte sich die Hütte nicht mehr und wurde geschlossen.

Oberhalb der Hoffmannshütte liegt der Mittlere Burgstall, ein riesiger Felsen, der 2007 im Zuge der Permafrostschmelze und des Gletscherschwundes an Halt verlor. Ein gewaltiger Felssturz mit einem Volumen von 35.000 Kubikmetern löste sich infolgedessen.

Der zerbröckelte Mittlere Burgstall von Osten her gesehen. Die eingezeichnete Linie deutet die ursprüngliche Form des Felsens an.

Auch am Gletscherende ist die permanente Schmelze deutlich zu erkennen: Das Eis bricht zum Teil kesselartig ein. In wenigen Jahren werden an dieser Stelle nur noch Sedimente des Gletscherbaches sowie zugeschüttete Eisreste ("Toteis") zu finden sein.

Die Natur wandelt sich. Dort, wo sich das Eis zurückzieht oder wo eine Sedimentschicht das Gletschereis verbirgt, bricht die Vegetation hervor, erobern sich Pflanzen neues Terrain. Oben grün und darunter noch schönes Gletschereis.

Auch dafür hat der Wissenschaftler ein Auge: Tieren begegnet Dr. Andreas Kellerer-Pirklbauer immer wieder.

Allerdings muss er sich auch mit "tierischen Begleiterscheinungen" auseinandersetzen: Mäuse – manchmal auch Schafe und Kühe – knabbern schon mal die Kabel der Messinstrumente an. Daten, die bei zerfressenen Kabeln gemessen werden, sind unbrauchbar.

Die schmelzenden Gletscher geben immer wieder neue Geheimnisse preis. Man muss sie nur als solche erkennen – wie diesen großen Torfbrocken.

So ein Torfstück ist aus mehreren Schichten aufgebaut. Ober- und Unterseite eines solchen Fundes werden datiert und somit die Zeitspanne zwischen den beiden Schichten bestimmt. Ergebnis: Dieses Torfstück hat sich über einen Zeitraum von 900 Jahren zwischen 5100 und 4200 Jahren vor heute gebildet. Zusammen mit anderen Torffunden ist mittlerweile eine ganze Datenbank entstanden, die einen nahezu geschlossenen Zeitraum von rund 2100 Jahren abdeckt. An ihnen lässt sich ablesen, dass die Pasterze vor 3400 bis 5500 Jahren wesentlich kleiner war, als wir sie jetzt kennen. Zudem lassen sich die Vegetationsveränderungen und auch Gletscherveränderungen der Pasterze rekonstruieren. Weitere Untersuchungen von Pollen und anderen Vegetations- und Tierresten belegen unter anderem, dass dort, wo heute die riesige Gletscherzunge liegt, in der Bronzezeit vor rund 3400 Jahren Almwirtschaft betrieben wurde. Der Name Pasterze leitet sich im Übrigen vom slawischen pastyrica (Weidegebiet), selbst Lehnwort des romanischen pastor (Hirte) ab; ein Hinweis auf das einstige Weideland an der heutigen Gletscherzunge.

Dieses Holzstück gehörte einst zu einem Baum, der vor mehr als 5000 Jahren irgendwo gletscheraufwärts stand – dort, wo heute noch der Gletscher liegt.

Bei solchen Gletscherfunden sind keine hochwissenschaftlichen Bestimmungen nötig. Hier lässt sich das Verhalten mancher Alpentouristen sowie einstiger Müllentsorgung von alpinen Schutzhütten auf einen Blick rekonstruieren.

Die Pasterze ist mit Sicherheit einer der beeindruckendsten und aufregendsten Arbeitsplätze, die es gibt – trotz Gletscherschmelze und Gefahren, aber vielleicht auch gerade deshalb. Eine herrliche weite Eislandschaft – solange es sie noch gibt!

Stand: 06.08.2018, 11:00 Uhr

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