"In den Bergen spürt man den Klimawandel!"

Die Alpenführerin Sina Böckli zu Gast bei Planet Wissen

Gletscher

"In den Bergen spürt man den Klimawandel!"

Von Katharina Bueß

Sina Böckli ist als Bergführerin viel in den Schweizer Alpen unterwegs. Was passiert, wenn die Gletscher sich durch steigende Temperaturen zurückziehen, sieht sie jeden Tag. Doch was bedeutet das für den Tourismus in den Bergen?

Planet Wissen: Frau Böckli, sehen Sie den Klimawandel in den Alpen?

Sina Böckli: Ja, man kann ihn tatsächlich in den Alpen mit bloßem Auge sehen, besonders im Sommer. Wo früher das ganze Jahr über Schnee und Eis lagen, ist gegen Ende des Sommers oft nur noch blankes Eis. Der Firn, die Schneeschicht auf den Gletschern, ist dann weg. Reines Eis ist allerdings viel schwerer zu besteigen. An anderen Stellen ist das Eis ganz verschwunden.

Wie sieht es aus, wenn die Gletscher geschmolzen sind?

Dann ist nur noch Schutt zu sehen, Stein und loses Geröll. Da hält kein Stein mehr über dem anderen. Man sieht Moränen, die Steinablagerungen, die der Gletscher mit sich getragen hat. Das sind zum Teil sehr große Felsbrocken.

Als Alpenführerin machen Sie mit Gruppen Touren durchs Hochgebirge. Ist es nicht gefährlich, so eine Schutthalde zu besteigen?

Gewisse Orte sind gefährlich geworden. Denn ist der Permafrost verschwunden, also das Eis innerhalb des Gesteins, droht Steinschlag. Solche Stellen muss ich umgehen. Es gibt Touren, die ich heute nicht mehr machen kann, weil sie zu gefährlich geworden sind.

Die Gefahr durch den Rückgang des Eises steigt: Was bedeutet das für den Alpentourismus?

Für mich als Bergführerin heißt es konkret, dass ich immer die Gefahren abschätzen muss. Wie hoch ist das Risiko von Steinschlag? Da ich die Verantwortung für die Gäste trage, muss ich wachsam sein. Wir werden auch dazu ausgebildet, frischen Felsbruch und Gefahren zu erkennen. Dabei verlasse ich mich auf mein Auge. Im Zweifel wähle ich andere Touren aus, die bisher noch sicher sind. Es gibt zum Glück noch sehr viele schöne Routen.

Die Alpenlandschaft verändert sich schnell. Wie bleiben Sie auf dem neusten Stand?

Normalerweise werden von den Bergregionen alle sechs Jahre neue Karten gedruckt. Teilweise müssen sie jetzt schon alle drei Jahre aktualisiert werden, weil sich die Landschaft so rasant wandelt. Neue Seen entstehen, zum Beispiel vom Triftgletscher, der sich stark zurückzieht. Teilweise tausche ich mich mit Kollegen aus. Wir fragen uns gegenseitig, welche Regionen wann im Sommer noch sicher sind und welche besser gemieden werden.

Sie bieten auch Skitouren an. Das Problem vieler Wintersportgebiete ist aber, dass es immer weniger Schnee gibt ...

Der Vorteil von uns Bergführern ist, dass wir nicht wie die Wintersportgebiete an einen Ort gebunden sind. Je nach Schneelage wählen wir unsere Touren im ganzen Alpenraum aus. Letztes Jahr zum Beispiel war ich oft in den Südalpen unterwegs, weil dort am meisten Schnee lag.

Sind Sie traurig, diese Veränderungen durch den Klimawandel zu verfolgen?

Den Wandel zu sehen, ist sehr eindrücklich und er macht mir auch Angst. Wenn in zehn Jahren schon so viele Steinwüsten entstanden sind, wie wird es dann erst in 50 Jahren aussehen? Die Berge mit den Gletschern sind ja die Grundlage meines Berufs. Bei meinen Touren versuche ich, die Besucher für das Thema zu sensibilisieren. Das Problem ist, dass der Klimawandel meist abstrakt ist. Man kann ihn normalerweise nicht spüren. Aber hier in den Bergen spürt man ihn deutlich. Manchmal laufen wir über ein Geröllfeld und ich erzähle der Gruppe, dass hier früher Eis war.

Sie haben zwei Berufe: Bergführerin und Ingenieurin. Wie passt das zusammen?

Für mich ist es eine wunderschöne Abwechslung: Im Herbst und Winter arbeite ich als Ingenieurin mit Maschinen, bin immer drinnen und denke mathematisch. Und im Frühling und Sommer bin ich als Alpenführerin draußen in der Natur unterwegs und mit Menschen zusammen. Für mich sind beides Traumberufe.

Wo sind Sie am liebsten unterwegs?

Sehr gerne bin ich zum Beispiel im Montblanc-Gebiet. Ich mag wilde Gegenden. Mit Anfängern mache ich öfter das Trekking am großen Aletschgletscher.

Wie sind Sie denn zum Bergsteigen gekommen?

Von klein auf war ich mit meinen Eltern oft wandern. Die Berge und die Gletscher sind so faszinierend: Fängt man einmal an, will man immer öfter raus!

Weiterführende Infos

Stand: 09.02.2016, 11:00

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