Prof. Wilfried Haeberli über die Zukunft der Alpen

Wilfried Haeberli im Planet Wissen Studio

Gletscher

Prof. Wilfried Haeberli über die Zukunft der Alpen

Von Katharina Bueß

Die Temperaturen steigen, die Gletscher ziehen sich zurück. Wie werden die Alpen in Zukunft aussehen? Was passiert, wenn das "ewige Eis" schmilzt? Und wie schützen wir uns vor Gefahren? All das erforscht Professor Wilfried Haeberli. Sein Spezialgebiet sind die sogenannten neuen Seen.

Planet Wissen: Herr Haeberli, die Gletscher schmelzen schnell. Welche Folgen hat das in den Alpen?

Wilfried Haeberli: Wenn sich Gletscher zurückziehen oder ganz schmelzen, entsteht in kurzer Zeit eine völlig neue Landschaft. Es können sich zum Beispiel neue Seen bilden. Diese sind zwar schön, können aber auch gefährlich werden, wenn Fels- oder Eismassen von bröckelnden Bergflanken in sie hineinstürzen. Das kann zu lokalen Katastrophen führen, zu Hochwasser und Flutwellen.

Haben wir in den Alpen bald eine Seenlandschaft?

Es werden tatsächlich viele Seen entstehen, wir rechnen in der Schweiz mit 500 bis 600. Die meisten davon werden allerdings klein sein, die Zahl der größeren Seen ist niedriger. Sie wird in der Schweiz bei etwa zehn bis 30 liegen. Auch in Italien, Österreich und Frankreich werden sich neue Seen bilden, in Deutschland dagegen sind die Gletscher zu klein. Dieser Prozess ist schon in vollem Gange.

Welche Gefahren gibt es noch?

Der Rückzug der Gletscher hat massive Folgen für den Wasserkreislauf. Denn Gletscher dienen als Wasserspeicher, besonders im Sommer. Dann brauchen Menschen, Tiere und Pflanzen am meisten Wasser und daher auch das Wasser aus Schnee- und Gletscherschmelze. Sind die Gletscher eines Tages weg und die Schneeschmelze kommt früher im Jahr, geht das Wasser der Alpenflüsse im Sommer stark zurück. Rhein und Rhone tragen zum Beispiel im Hoch- und Spätsommer einen bedeutenden Anteil Schmelzwasser der Gletscher mit sich.

Wann werden die Alpengletscher verschwunden sein?

Sie könnten schon 2050 zu deutlich mehr als der Hälfte abgeschmolzen sein. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts sind vermutlich nur noch ein paar Prozent des heutigen Gletschervolumens vorhanden. Um die Gletscher zu retten, ist es wohl zu spät.

Was kommt unter dem schmelzenden Eis zum Vorschein?

Meist Fels und Moränenschutt. Schutt ist heikel, er kann bei Niederschlag talwärts getragen werden und die Bachbetten erhöhen oder Stauseen füllen. Auch Steinschlag und große Bergstürze werden zunehmen, da neben den Gletschern das unsichtbare Eis unter der Oberfläche kalter Felsflanken auftaut, der Permafrost. Und der trägt zur Stabilität der Berge im Hochgebirge bei.

Welche Auswirkung hat die Schmelze für den Tourismus?

Generell waren Gletscher lange ein Symbol für unberührte Natur. Weiße Berggipfel unter blauem Himmel zogen die Menschen magisch an. Der Tourismus in den Alpen hat sich diesen Mythos stark zunutze gemacht. Aber damit ist es wohl bald vorbei. Schon heute sehen viele Gletscher im Spätsommer grau und eher kläglich aus.

Was wird aus dem Wintersport?

Die Schneesicherheit nimmt in tieferen Lagen ab, da der Niederschlag zunehmend nur noch in hohen Lagen als Schnee fallen wird. Hoch gelegene Skiorte werden besser dran sein und mehr Besucher haben. Niedriger gelegene Orte müssen umdenken und vermehrt auf Sommertourismus und Alternativen wie Wellness, Kultur und Ähnliches setzen.

Gibt es auch positive Veränderungen?

Die neuen Seen zum Beispiel haben durchaus Potenzial. Sie können für Energiegewinnung aus Wasserkraft genutzt werden und sind auch für den Tourismus attraktiv. Kinder gehen nicht immer gerne wandern, aber wenn man zu einem See aufbricht und dann noch zu einem neuen, ist das Interesse meist groß. Der See am Triftgletscher zieht heute im Sommer oft mehrere hundert Menschen am Tag an. Dort wurde auch eine Hängebrücke gebaut, die viele Besucher zusätzlich anlockt.

Können wir überhaupt noch etwas tun?

Wir müssen die wenige verbleibende Zeit nutzen, um uns vorzubereiten. Seeausbrüche kann man zum Beispiel durch den Bau eines Stollens vermeiden, durch den das Wasser abfließen kann. Man kann Gefahren durch Technik und Frühwarnsysteme vermindern. In den Alpen haben wir das Know-how dazu und das entsprechende Geld.

Die Gletscherforschung stellt ihr Wissen zur Verfügung, wir informieren Behörden und Öffentlichkeit. Die Veränderungen des Eises müssen genau beobachtet werden. Weltweit macht das etwa der "World Glacier Monitoring Service" am Geographischen Institut der Universität Zürich, im Rahmen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen.

Besteht in Zukunft überall in den Bergen die Gefahr von Felsstürzen?

Sicher nicht, aber es gibt besonders kritische Orte. Wir forschen intensiv an der Frage, wo genau die “hot spots” sind. Dabei geht es vor allem um bewohnte Gebiete und wichtige Infrastruktur wie Bahn, Straßen oder Stauseen. Auch hier ist die Beobachtung entscheidend.

Ein großer Sturz hat normalerweise Vorboten: Es entstehen Risse, es gibt mehr Steinschlag. Das kann man mit bloßem Auge sehen. Wird es kritisch, muss man moderne Technik anwenden, um herauszufinden, was im Innern des Berges vor sich geht. Zum Beispiel mithilfe von Sensoren, die Temperatur und Erschütterungen im Fels messen.

Und was passiert im Ernstfall?

Manchmal sind drastische Maßnahmen nötig, um die Bevölkerung zu schützen. In neuen Gefahrenzonen kann das bedeuten, dass Gebäude aufgegeben werden müssen, selbst wenn sie Jahrhunderte alt sind.

Weiterführende Infos

Stand: 09.02.2016, 11:00

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