Interview: Förster Peter Wohlleben

Der Förster Peter Wohlleben lehnt an einem Baum im Wald

Deutscher Wald

Interview: Förster Peter Wohlleben

Von Britta Schwanenberg

Er sieht Bäume als Freunde und den Wald als Gemeinschaft: Der Förster Peter Wohlleben hat durch seinen Bucherfolg "Das geheime Leben der Bäume" die Waldliebe der Deutschen neu entfacht. Und die Forstwirtschaft gegen sich aufgebracht.

Herr Wohlleben, Sie hatten als Förster eine Beamtenstelle auf Lebenszeit, die Sie gekündigt haben. Was genau hat Sie so unzufrieden gemacht an Ihrer Arbeit?

Ich habe mich von Jahr zu Jahr stärker daran gestört, dass Förster in Deutschland eigentlich Plantagenbesitzer sind statt Waldhüter.

Der ökonomische Druck im staatlichen Forstdienst bestimmt die Regeln. Ich will keine Fichtenmonokultur verwalten, nur weil die Fichte aus Sicht der Sägewerke die beste Baumart ist. In meinem Forst in Hümmel in der Eifel haben wir einen einzigartigen alten Buchenwald.

Seit 2003 gehört zu meinem Revier auch ein Bestattungswald, der Ruheforst. Von den Besuchern, die dahin kamen, habe ich eine neue Sicht auf die Bäume gelernt. Die schauen sich im Wald um und sagen: "Der Baum gefällt mir, der ist krumm und schief wie mein Lebensweg."

Da habe ich gemerkt, dass ich mich als Förster immer stärker von dieser Bewunderung für die ursprüngliche Natur entfernt hatte, obwohl ich als Kind genauso empfunden habe. Nach langem Hin- und Herüberlegen habe ich dann meine Beamtenstelle aufgegeben.

Die Hümmeler haben daraufhin gesagt: "Den wollen wir aber nicht gehen lassen" und haben mich als Gemeindeförster wieder angestellt. Nun habe ich mehr Freiheiten, den Wald zu bewirtschaften.

Waldweg durch Fichtenwald

"Ich will keine Fichten-Monokultur verwalten"

Sie sind berühmt geworden mit einer sehr vermenschlichten Darstellung unseres Waldes. Wie genau funktioniert das mit den Baummüttern, die ihre Kinder stillen?

Wie wir Menschen kümmern sich auch die Bäume um ihren Nachwuchs. Sie räumen ihnen genau den Platz unter ihren Wipfeln ein, den die jungen Bäume brauchen, um ausreichend Zucker, also Nahrung produzieren zu können.

Die Wurzeln dieser Bäume sind unterirdisch miteinander verbunden. Und die großen Bäume kümmern sich um die keimenden Bäume unter ihrem Dach, indem sie ihnen über die Wurzeln Zucker und andere Nährstoffe abgeben. Man kann also auch sagen: Bäume stillen ihren Nachwuchs.

Sie sagen auch, dass die Baumfamilie ihre Vorfahren versorgt. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Am Anfang habe ich einmal im richtigen Moment genau hingeguckt: In meinem Buchenwald fand ich damals unter Blättern und Moos einen uralten Stumpf. Es waren die jahrhundertealten Reste einer Buche. Und ich habe mich gefragt, wie die noch leben kann, ohne Stamm, ohne Fotosynthese.

Gemeinsam mit Biologen der Aachener Hochschule, mit denen ich eng zusammenarbeitete, kam ich nach längerer Forschung zu der Überzeugung, dass die umstehenden Bäume den Baumkrüppel seit mehr als 400 Jahren über ihre Wurzeln mit Zuckerlösung versorgen. Das ist Nachbarschaftshilfe im besten Sinne. Und ein Beweis dafür, dass Bäume als Gemeinschaft leben.

Buchensprössling in Wald

"Bäume stillen ihren Nachwuchs"

Kann man wirklich menschliche Familienstrukturen und sogar Gefühlswelten auf den Wald übertragen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass es eine Waldgemeinschaft gibt, in der jedes Lebewesen seine Rolle hat. Innerhalb dieser Gemeinschaft warnen sich Bäume, Pilze und andere Waldpflanzen gegenseitig vor Gefahren, sie beraten sich und tauschen sich aus.

Wie genau das funktioniert, ist noch lange nicht endgültig erforscht. Ich bin aber sicher, dass über die Pilzstrukturen alle miteinander vernetzt sind, wie in einem "wood wide web". Die Pilze sind sozusagen die "Fernmelder" eines Waldes: Sie warnen vor Trockenheit, damit Bäume ihre Wasservorräte strecken können.

Bäume können auch Entscheidungen treffen. Sie haben in ihren Wurzelspitzen gehirnähnliche Strukturen, die beispielsweise beschließen, in welche Richtung ein Baum wächst. In einem intakten Wald schließen kleine Bäume nur dann auf, wenn große in der Nähe sterben. Nur ein einziger Baum macht so an einem Ort das Rennen.

Wie sieht Ihre Vision des idealen deutschen Waldes aus?

Zunächst einmal wünsche ich mir mehr wilde, unberührte Natur. Denn davon gibt es zurzeit weniger als zwei Prozent in deutschen Wäldern. In meiner Vision eines idealen Waldes in Deutschland sind zehn bis 15 Prozent der Wälder menschenleer.

Eingriffe von außen, seien sie auch im Sinne der Pflege, finden hier nicht statt. Der Mensch hält sich raus und überlässt diesen Teil der Natur ganz sich selbst.

Forstwirtschaft gibt es natürlich immer noch, ich möchte meinen Berufsstand nicht abschaffen. Aber es ist eine neue, sanftere Form der Forstwirtschaft: Wir verzichten weitestgehend auf Maschinen.

Stattdessen setzen wir wieder verstärkt auf Pferde und lassen die Bäume in Frieden alt werden. In meinem Forst in Hümmel haben sogenannte Rückepferde längst die schweren Maschinen ersetzt und der Waldboden kann aufleben.

Abgestorbene Buchen im Unesco-Welterbe-Wald

Wohllebens idealer Wald: unberührte, wilde Natur

Die aus meiner Sicht wichtigste Veränderung in unseren Wäldern vollzieht sich ganz von selbst, wenn wir uns in der Bewirtschaftung stärker zurückhalten. Die Baumarten des Waldes ändern sich. Nadelhölzer werden nicht mehr die beherrschende Baumart sein.

Stattdessen gibt es fast nur noch Laubbäume. Allen voran die heimische Buche. Die müsste fast 80 Prozent ausmachen. Denn so sähe der natürliche Waldbestand in Deutschland ohnehin aus, wenn der Mensch nicht die Fichtenwälder als Plantagen angelegt hätte.

Was bedeutet das für die Förster?

Aus meiner Sicht muss sich ein grundlegender Wandel vollziehen. Förster gelten ja im Allgemeinen als Naturschützer, als Waldhüter, doch das stimmt nicht. In unserer Forstwirtschaft bestimmt vor allem eine knallhart kalkulierte Holzproduktion die Regeln.

Mein größter Kritikpunkt ist folgender: Alle Informationen über den Wald stammen von Förstern, die staatliche Forstverwaltung hat in Deutschland ein Beratungsmonopol.

Förster aber sind eine Nutzergruppe, genau wie Landwirte. Und Nutzergruppen sollte man deshalb misstrauen, weil sich in ihren Darstellungen Eigeninteressen und allgemeine Wünsche vermischen. Ich bin nicht grundsätzlich gegen Holzwirtschaft, aber ich möchte sie ehrlich darstellen.

Zunächst aber müssen wir alle uns die Frage stellen, was für einen Wald wir hier in Deutschland wollen. Denn der Wald gehört nicht der Forstwirtschaft, er gehört allen Menschen in Deutschland. Wenn dann eine moderne Vision entstanden ist, brauchen wir eine neutrale Kontrollbehörde, die dafür sorgt, dass Arten- und Naturschutz nicht unter ökonomischen Interessen leiden.

Seit Ihrem Bucherfolg sind Sie der berühmteste Förster Deutschlands. Hat so viel Ruhm auch eine Kehrseite?

Dass sich mein Buch so gut verkauft, war für den Verlag eine absolute Überraschung. Auch ich hätte niemals damit gerechnet. Es freut mich, dass ich Menschen für meine Ideen begeistern kann. Denn ich möchte mit meinen Büchern ja tatsächlich etwas bewegen: Ich wünsche mir eine andere Forstwirtschaft, als wir sie in Deutschland zurzeit haben.

Forstverbände und Bauernverbände reagieren auf meine Ideen allerdings weniger begeistert und ich muss mit Anfeindungen von verschiedenen Seiten leben. Insofern hat der Ruhm für mich auch eine Kehrseite.

WDR | Stand: 20.09.2016, 16:41

Darstellung: