Paludikultur

Planet Wissen 01.04.2019 01:11 Min. Verfügbar bis 01.04.2024 SWR

Moore

Nasse Bewirtschaftung von Moorflächen

Wenn Moore entwässert werden, setzen sie riesige Mengen klimaschädlicher Treibhausgase frei. Moore zu erhalten oder zu revitalisieren bedeutet deshalb aktiven Klimaschutz. Auch eine nasse Bewirtschaftung der Moore ist möglich – die so genannte "Paludikultur".

Von Jochen Zielke

Natürliche Ressourcen der Moore nutzen

Der Begriff Paludikultur leitet sich ab vom Lateinischen "palus", was so viel bedeutet wie Sumpf oder Morast. Unter Paludikultur versteht man die nasse Bewirtschaftung von Mooren. Sie kombiniert traditionelle Verfahren, wie Rohrmahd oder Streunutzung für Futter-  und Viehwirtschaft, mit neuen Verfahren zur Nutzung der Moor-Biomasse.

Dazu zählen zum Beispiel Strom- und Energiegewinnung über Biogasanlagen ebenso wie die Produktion von ökologisch wertvollen Bau- oder Dämmstoffen, die Fleischproduktion mithilfe von standortangepassten Wasserbüffeln, die Produktion von Torfersatzstoffen aus Torfmooskulturen oder der Anbau von Arzneipflanzen.

Vier Waserbüffel auf einer Wiese.

Wasserbüffel für "nasse" Viehwirtschaft

Mit Paludikultur Klimaschutz betreiben

Wo Paludikultur betrieben wird, bleiben die natürlichen Moorflächen mit ihren Torfen erhalten. Aus den Torfen entwässerter Moore dagegen können enorme Mengen Kohlendioxid entweichen und den Klimawandel befeuern.

Moore machen nur drei Prozent der Landmasse unserer Erde aus – Wälder dagegen 30 Prozent. Dennoch speichern die Moore doppelt so viel CO₂ wie alle Wälder der Erde zusammengenommen.

15 Prozent der weltweiten Moorflächen wurden bisher durch Menschen entwässert – allein das trägt fünf Prozent zur CO₂-Belastung der Atmosphäre bei.

Torfabbau mit Bagger.

Aus dem Torf trockengelegter Moore entweicht CO₂.

Die Zahlenbeispiele verdeutlichen, warum es sich lohnt, in Landschaften mit weitläufigen Moorgebieten Paludikultur zu betreiben. Dort die Landschaft trockenzulegen, um auf eher nährstoffarmen Böden intensive Landwirtschaft zu betreiben, ergibt nicht nur aus ökologischen Gründen wenig Sinn.

Um in Zeiten des Klimawandels die Nutzung fossiler Rohstoffe wie Kohle einzudämmen, werden Solar- oder Windkraftnutzung subventioniert.

Möglich wäre es auch, die Paludikultur in strukturschwachen Moorlandschaften finanziell zu fördern. In Landschaften, die aufgrund ihrer naturgegebenen klimatischen, geografischen Voraussetzungen nur bedingt für den Anbau von Mais, Kartoffeln oder anderen Kulturpflanzen semiarider Gebiete geeignet sind.

Großansicht eines Moorfeldes.

Durch Wiedervernässung Moore revitalisieren

Renaturierung durch Wiedervernässung

Auch trockengelegte oder abgetorfte Landschaften können wieder in intakte Moore verwandelt werden. Am Anfang steht die Wiedervernässung der Landschaft.

Zunächst müssen aufgeforstete Gebiete abgeholzt werden, Wiesen und Weideland gemäht, Böden von Vegetations-Relikten intensiver Landwirtschaft befreit werden. Viele Böden müssen für die Ansiedlung moortypischer Vegetation vorbereitet werden.

Bagger am Fluß.

Dämme stauen das Wasser neu auf

Gleichzeitig müssen Entwässerungskanäle geschlossen, Dämme zum Aufstauen von Wasser errichtet werden. Erst wenn die Landschaft neu geflutet und großflächig von Wasser bedeckt ist, kann sich die typische Moorvegetation neu ansiedeln. Der Prozess hin zur Entwicklung eines neuen, intakten Moores, in dem auch wieder Torf entsteht, kann viele Jahre, eventuell sogar Jahrzehnte in Anspruch nehmen.

Foto einer Biogasanlage von außen.

Strom aus Schilf und Moorgräsern

Die Säulen der Paludikultur

Je nach den örtlichen den Voraussetzungen bieten sich verschiedene Nutzungsmöglichkeiten der Moore an. Es gilt, Produkte der eigenen Region zu nutzen anstatt Schilf und Rohrkolben zu importieren, zum Beispiel aus China oder dem Senegal.

1) Energiegewinnung durch Biomasse

Die Biomasse von Gräsern und anderen Pflanzen aus nassen Moorwiesen lassen sich zur Energie- und Wärmeerzeugung nutzen. Mit dezentralen Biogasanlagen könnten kleinere Dorfgemeinschaften versorgt werden.

Erste Versuchsanlagen brachten schon positive Ergebnisse. Ein Konzept für dünner besiedelte, strukturschwache Standorte, das auch umweltfreundliche Arbeitsplätze bieten würde.

2) Beweidung nasser Moorwiesen

Es gibt einige alte, heimische Nutztierrassen, die sich zur Viehzucht auf nassen Moorwiesen eignen. In Bayern hat man gute Erfahrungen mit alten Rinderrassen aus dem Alpenvorland gemacht. In Mecklenburg-Vorpommern haben sich Wasserbüffel bewährt, die gut mit dem nasskalten Niedermoor-Terrain zurechtkommen und auch härtere Gräser gut verwerten können. Wurst, Fleisch und Büffel-Mozzarella gibt es schon auf dem Darß und auf Rügen.

Wasserbüffel auf feuchter Weide.

Wasserbüffel grasen im Moor

3) Nasse Forstwirtschaft

Schwarzerlen wachsen gut auf nassen Moorböden. Aus ihrem Holz können Furniere, Möbel oder Spanplatten erzeugt werden. Das Holz eignet sich auch zur Energiegewinnung.

4) Bau- und Dämmmaterialien

Reetdächer haben im Norden und Osten Deutschlands eine lange Tradition. Schilf kann auch hervorragend mit Lehm vermischt und als Dämmmaterial eingesetzt werden. Und Schilf eignet sich auch zur Energiegewinnung. Rohrkolben werden als Füll- und Dämmstoff genutzt und eignen sich auch als Kissenfüllungen.

5) Arzneipflanzen kultivieren

Die Moorkundler der Universität Greifswald testen seit einigen Jahren Pflanzen mit interessanten Inhaltsstoffen darauf, ob sie sich in Moorgebieten kultivieren lassen könnten.

Zu den Pflanzen mit Potenzial gehört bisher vor allem der Sonnentau. Er enthält Substanzen, die sich bei Atemwegserkrankungen verwenden ließen. Sonnentau könnte mit Torfmoosen kultiviert werden. Auch Lungenenzian oder Fieberklee könnten interessant werden. 

6) Torfmooskultivierung

Die Charakterpflanze der Moore bietet das größte Potenzial. Viele Moore in Deutschland sind bereits großflächig abgetorft. Der Bedarf an Torf im Gartenbau und zur Anzucht von Pflanzen ist weiter enorm groß.

Statt Torf aus dem Baltikum einzuführen – und damit dort Moorflächen zu zerstören – wollen die Greifswalder Moorexperten Torfmoos wie einen nachwachsenden Rohstoff kultivieren. Erste Versuche in niedersächsischen Torfabbau-Betrieben waren bereits erfolgreich. Abgetorfte Bereiche wurden erfolgreich wiedervernässt und nach fünf Jahren erneut abgeerntet.

Das Torfmoos soll sich gut als Torfersatzstoff eignen. Das Verfahren soll wirtschaftlich sein und nicht nur Torfabbau-Betrieben eine neue wirtschaftliche Perspektiven für ihre brachliegenden abgetorften Flächen bieten.

Torfmoos-Zucht

Planet Wissen 01.04.2019 02:13 Min. Verfügbar bis 01.04.2024 SWR

Biotop Moor und Tourismus

Auch der Tourismus ist ein wichtiger Faktor für strukturschwache Moorregionen. Das Moor ist ein einzigartiger und wunderschöner Lebensraum. Er bietet vielen seltenen und vom Aussterben bedrohten Tier- und Pflanzenarten eine Zuflucht.

In den Niedermoor-Gebieten am Federsee beispielsweise wurden mehr als 270 Vogelarten beobachtet, die dort Nahrung und einen ruhigen Ort zum Brüten finden.

Für Touristen, die Ruhe und Erholung beim Wandern suchen und einen einzigartigen Lebensraum erkunden möchten, sind viele Moore ein lohnenswertes Ziel. Mit ihrem Besuch helfen Touristen, Moore zu erhalten, den Menschen vor Ort bieten sich Arbeitsplätze im Umweltschutz, in der Freizeit- und Gastronomie-Branche. Man könnte sagen: eine Win-win-Situation. 

Quelle: SWR | Stand: 01.04.2019, 09:32 Uhr

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