Fischerei-Reform

Fischer entleeren ein Fangnetz voller Fische

Überfischung der Meere

Fischerei-Reform

Mehr als ein Drittel der weltweiten Fischbestände ist überfischt. 2013 haben sich die Gremien der Europäischen Union auf eine Reform der europäischen Fischereipolitik geeinigt, um die Fischbestände zu retten. Was hat die Reform bislang bewirkt?

Leere Meere – Die Folgen der Überfischung

Um den Fisch in unseren Weltmeeren steht es immer noch nicht gut. Zu diesem Ergebnis kommt nach Untersuchungen die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, kurz FAO.

Mehr als ein Drittel der weltweiten Fischbestände sind überfischt. Die Folge einer Fischereipolitik, die vor allem in den 1980er und 1990er Jahren auch in Nord- und Ostsee vor allem die Bestände von Kabeljau, Scholle und Hering stark dezimiert hat.

Die Zahl der riesigen Fabrik-Trawler nahm enorm zu, die Fischerei-Lobby begünstigte durch politische Einflussnahme die Überfischung der Meere. Festgesetzte Fangquoten wurden nicht eingehalten, die Kontrollen der Fischer wurden nur lasch gehandhabt.

Bis zur Jahrtausendwende brachen etliche Fischbestände in Nord- und Ostsee fast komplett zusammen. Stark betroffen waren vor allem die Kabeljau-Bestände im Nordatlantik. Dadurch gerieten tausende Arbeitsplätze in der Fischerei in Gefahr.

Danach setzte sich auch in den Fischereigremien der Europäischen Union die Einsicht durch, dass die Fischbestände besser gemanagt werden müssen, um Gewinne in der Fischindustrie zu gewährleisten.

Kehrtwende in der Fischereipolitik?

Zum Schutz der Fischbestände einigten sich im Mai 2013 die EU-Kommission für maritime Angelegenheiten und Fischerei, EU-Rat und Parlament nach langwierigen, jahrelangen Verhandlungen endlich auf eine Reform der gemeinsamen Fischerei-Politik. Das oberste Ziel: Den maximalen Dauerertrag sicher stellen, indem man durch Aufstellen längerfristige Managementpläne dafür sorgt, dass die Bestände sich erholen können und gesund bleiben.

Zu den Eckpunkten der Reform zählen:

  • Den unerwünschten Beifang reduzieren und auch den Rückwurf unterbinden. Damit dürfen von den gefangenen Fischen keine quotierten Arten mehr aussortiert und über Bord geworfen werden. Das heißt, der gesamte Fang an quotierten Fischen muss an Land gebracht werden und wird auf die Fangquote angerechnet.
  • Die Fangmenge regulieren, damit sich die Fischbestände erholen können und eine nachhaltige Fischerei überhaupt erst möglich wird. Darüber hinaus sollen künftig Meeresforscher bei der Festsetzung der Fangquoten mitbestimmen.
  • Die Fangflotten verkleinern und in der Fischindustrie Überkapazitäten, vor allem bei Riesentrawlern, abbauen und Subventionen überdenken. 
  • Regionale Fischerei-Lösungen zulassen, da jedes Land unterschiedliche natürliche Ressourcen und soziale und wirtschaftliche Gefüge aufweist, die je eigene  Anforderungen an die Fischerei stellen.
Dorsche im Netz unter Wasser.

Dorsche in der Ostsee – die Bestände stehen unter Druck

Die Fischerei-Reform – Erfolg für die Bestände in Nord- und Ostsee?

Nach Aussagen von Vertretern des Thünen-Instituts haben sich etliche Fischbestände im Nordatlantik und in Nord- und Ostsee mittlerweile relativ gut erholt. Man muss die Sachlage aber differenziert betrachten:

Grafik: Zustand der Fischbestände in der Nordsee und dem Nordatlantik:

Zustand der Fischbestände in der Nordsee und dem Nordatlantik (Stand 2018)

grün = stabiler Bestand; rot = gefährdeter Bestand; orange = kritischer Bestand

Die Bestände von Scholle und Seelachs liegen im grünen Bereich. Das heißt, sie sind so stabil, dass eine langfristige Befischung auf Grund der Fangquotenempfehlungen möglich ist, ohne ihren Bestand zu gefährden.

Bei Kabeljau und Hering zeigt sich ein gemischtes Bild, abhängig vom Seegebiet des Fischbestandes. Die Entwicklung des Kabeljau-Bestandes in der Nordsee muss genau verfolgt werden, auch der Heringsbestand steht in der Nordsee im Fokus der Forscher.

Schlecht sieht es bei Schellfischen in der Nordsee und Makrele im Atlantik aus. Ihre Bestände sind gefährdet und müssen geschont werden.

Grafik: Fischbestände in der Ostsee

Zustand der Fischbestände in der Ostsee

grün = stabiler Bestand; rot = gefährdeter Bestand; orange = kritischer Bestand

Sehr heterogen ist das Bild der wichtigsten Fischbestände in der Ostsee. Hier sind der westliche Hering und der westliche Dorsch gefährdet, während der östliche Hering einen nachhaltig befischbaren Bestand aufweist und der östliche Dorsch in seinem Bestand nur eingeschränkt befischbar ist. Der Schollen-Bestand dagegen hat sich gut erholt.

Die Entwicklung der Fischbestände hängt von vielen Faktoren ab. Nicht nur von den festgelegten Fangquoten, auch Beifang-Mengen, Klima – oder Ernährungsfaktoren spielen eine Rolle.

Beispiel Kabeljau/Dorsch: So wird der Kabeljau in der Nordsee oft in "gemischten Fischereien" gefangen. Das heißt, er geht den Fischern in einem Mix mit anderen Fischen ins Netz, stellt manchmal ungewollten Beifang dar. Wenn so zu viele kleine Jungfische abgefischt werden, können sie den Bestand nicht mehr mit Nachwuchs versorgen. 

In der Ostsee liegen die Gründe für die Bestandsgefährdung oft auch in den unterschiedlichen Lebensbedingungen, die in den jeweiligen Bestandsgebieten vorherrschen. Hier sind Klimawandel und mit ihm einhergehend höhere Temperaturen, Salzgehalt und auch der Eintrag von Nährstoffen aus der Landwirtschaft Faktoren, die sich auf die Reproduktion der Bestände negativ auswirken.

Wissenschaftler beim Wiegen oder Vermessen eines Fisches

Meeresbiologen untersuchen die Testfänge

Wie werden Fangquoten ermittelt

Um gefährdete Bestände zu schonen, werden jährlich von der EU-Fischereikommission Fangquoten festgesetzt. Dabei wird das Gremium von Wissenschaftlern beraten, die zumeist dem Internationalen Rat für Meeresforschung (ICES) angehören.

Die Wissenschaftler überwachen und erforschen die Bestandsentwicklung von 110 Fischarten, sprechen aber lediglich Empfehlungen die Festlegung der Fangquoten aus. Daneben spielen für den ICES auch politische, wirtschaftliche oder soziale Interessen eine Rolle.

Für Deutschland gibt das Thünen-Institut Empfehlungen zur Festlegung der Fangquoten ab. Ein kompliziertes und nicht unproblematisches Unterfangen. Denn das Meer ist groß und sehr tief. Kein Lebensraum, in dem sich Veränderungen in den Populationen der Bewohner leicht beobachten beziehungsweise ermitteln lassen. Meist handelt es sich bei den Bestandsangaben um Hochrechnungen, die auf den Ergebnissen von Testfangfahrten basieren.

Forschungsschiffe der Thünen-Institute sind den größten Teil des Jahres in Nord- und Ostsee, sowie auch im Nordatlantik unterwegs, um Daten zu sammeln. In zuvor ausgewählten Arealen nehmen sie Fangstichproben. Neben Größe, Gewicht und allgemeinem Gesundheitszustand charakterisiert auch das Alter der Fische den Zustand der Fischbestände.

Vom Alter hängt die  Geschlechtsreife ab. Ein wichtiger Faktor, um vernünftige Vorhersagen und Fangempfehlungen für die Zukunft abgeben zu können. Zusätzliche Informationen erhalten die Meeresbiologen auch über Anlandeprotokolle der Fischerei-Industrie oder, in den Ostsee-Gebieten, sogar von Anglern.

Fischer kippen Fische über Bord

In Zukunft sollen Fischer den Beifang nicht mehr über Bord werfen dürfen

Bestandsmanagement: Stellschraube „Beifang“

Ein Ziel der Fischerei-Reform ist nachhaltige Fischerei. So können die Meeres-Ökosysteme am besten geschützt werden. Eine Stellschraube hierbei ist das sogenannte Anlandegebot. Die Fischerei-Reform von 2013 gibt den Fischern vor,  ihren Beifang an Bord zu behalten und an Land zu bringen. Dieser wird dann auf ihre eigentliche Fangquote angerechnet.

Das erhöht zum einen die Übersicht über den Bestand (früher wurde alles über Bord geworfen werden und nicht protokolliert) und zum anderen den Druck auf die Fischer nachhaltig zu fischen , denn sie müssen jetzt auch Ladekapazität vorhalten, die ihnen dann für den eigentlichen gewünschten Fang fehlt.

Je mehr Beifang, desto weniger kostbaren Speisefisch kann der Fischer verkaufen. Deshalb wird er aus eigenem Interesse versuchen, durch speziell abgestimmte Fangmethoden nur die richtigen Fische mit entsprechender Größe ins Netz zu bekommen.

Berg von Fischresten.

Wertloser Beifang – Millionen Tonnen gehen jährlich wieder über Bord

Reformkritik: Mangelnde Kontrollen

Das Problem, das einhellig von Umweltverbänden aber auch vom Thünen-Institut vorgebracht wird:  Fang-Logbücher sind zwar vorgeschrieben, doch die Zahl der Kontrollen liegt bestenfalls bei ein bis zehn Prozent. Zudem sind die Strafen bei Regelverstößen nicht allzu hoch.

Sich nicht konform zu verhalten, wird den Fischern leicht gemacht. Immer noch geht viel Beifang über Bord. Eine Lösung könnten Videoaufzeichnungen vom Fanggeschehen an Bord sein. Sie würden den staatlichen Kontrolleuren sehr helfen, schwarzen Schafen auf die Schliche zu kommen.

Autor: Joachim Meissner

Stand: 09.08.2018, 13:00

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