Antibiotika und die Multiresistenz

Bakterien

Antibiotika und die Multiresistenz

Die Schleimhäute brennen und das Schlucken fällt schwer. Wenn kaum noch etwas hilft, sollen es Antibiotika richten. Doch Vorsicht: Antibiotika helfen nur gegen bakterielle Infektionen, nicht gegen Viruskrankheiten wie die Grippe. Viele Ärzte allerdings stellen das Rezept mit dem Biokampfstoff vorschnell aus, beklagt mancher Wissenschaftler.


Gefahr im Krankenhaus: Multiresistente Keime

Der oft fahrlässige Umgang mit Antibiotika führt dazu, dass etliche bakterielle Erreger sich längst auf die einstigen Wundermittel eingestellt haben. Die Keime werden resistent (widerstandsfähig) oder gar multiresistent gegen Antibiotika.

Infektionen wird man kaum wieder los. Auch Patienten sind mitverantwortlich, wenn sie die verschriebenen Mittel nicht vorschriftsmäßig einnehmen.

Ausgerechnet dort, wo man auf Heilung hofft, droht die größte Gefahr: im Krankenhaus. Hier nämlich treten kranke Menschen und Keime gebündelt auf.

Von Patient zu Patient können sich die Keime prima verbreiten und in den geschwächten Körpern wunderbar vermehren. Immer wieder treten auch Bakterien auf, die gegen viele gängige Antibiotika eine Resistenz aufgebaut haben.

Selbst eine kleine Infektion kann dann zur großen Gefahr werden.

Reserve-Antibiotika unter Verschluss

Der Erzfeind der Hygiene-Institute ist "Staphylococcus aureus". Ein Bakterium, das enorm anpassungsfähig ist und immer wieder mit multiresistenten Brüdern und Schwestern über Kranke herfällt.

Jede Uni hält daher einige Antibiotika unter Verschluss – das sollte sie zumindest. "Diese Stoffe darf nur der Oberarzt oder der Hygienearzt verabreichen.

Niemals werden die Präparate frei in die Station oder gar an den Patienten gegeben", versichert Professor Ingo B. Autenrieth von der Uni Tübingen.

So will seine Einrichtung gewährleisten, dass es gegen multiresistente Keime stets ein Ass im Ärmel gibt, an das sich die Bakterien nicht gewöhnen können – einen gewissenhaften Umgang vorausgesetzt.

Ein weiterer Grund, weshalb die Wundermittel nicht in den freien Verkauf kommen: Sie sind sehr viel teurer als die bekannten Produkte. Für den Kampf gegen die Keime gibt jede größere Klinik rund 20 Prozent ihres Etats aus.

Sollte gar kein Antibiotikum mehr wirken, bleibt nur eins: Man muss auch die nicht-resistenten Keime wieder im Patienten wachsen lassen. Diese vermehren sich nämlich schneller als die resistenten Keime. Warum?

Resistente Bakterien bauen die Informationen für Resistenz in ihre Erbinformation (DNA) ein. Das bedeutet, sie haben mehr Informationen, die sie bei der Teilung übermitteln müssen – ähnlich einem Rucksack, der immer voller wird.

Manchmal findet man gar Informationen für 16 Resistenzen auf einem DNA-Ring. Das ist erheblich mehr Erbinformation, die weitergegeben werden muss.

Der schneller wachsende und nicht-resistente Erreger tötet mit seinen Kampfstoffen den multiresistenten Keim ab. Riskant dabei: Wie widerstandsfähig ist der geschwächte Patient? Hartnäckige Erreger bleiben ein gewaltiges medizinisches Problem.

Eine offene Wunde im Operationssaal, an der Hände und Instrumente zu erkennen sind.

Um wirkungsvolle Antibiotika wachsen keine Bakterien

Natürliche Kampfstoffe

Antibiotika sind natürliche Kampfstoffe, die die Medizin einsetzt, um das Wachstum von Bakterien zu hemmen. Meist greifen sie die Zellwände von Bakterien an, oder sie hemmen die Teilung des Bakteriums im Innern.

Auch dann erkennt der Wirkstoff seinen Feind über Eiweiße in der Zellwand. Tierische Zellen haben keine Zellwände. Somit haben Antibiotika auch keine direkte Auswirkung auf unser Vitalsystem.

Einst wurden ausschließlich Pilze gegen Bakterien eingesetzt. Heute allerdings setzt man auch Bakterien gegen Bakterien ein. Die natürliche Produktion von Antibiotika ist bemerkenswert. Denn Pilze und Bakterien geben ihre Giftstoffe nach außen ab.

Tiere und höhere Pflanzen hingegen produzieren zwar auch Gifte, ihre Substanzen verbleiben aber in den Zellen und werden oft erst bei Verletzungen frei.

Schimmelpilz als Wunderwaffe

Auf einen Zusammenhang zwischen Pilz und Bakterium wurde 1928 erstmals der Schotte Alexander Fleming aufmerksam. Das Versuchsergebnis wurde ihm sozusagen "frei Haus" geliefert:

Fleming kehrte aus seinem Urlaub in sein Labor an die Universität London zurück. Er stellte fest, dass seine Bakterienkolonien von einem Schimmel überzogen waren, dessen Keime sich als Schwebeteilchen mit der Luft verbreiten.

Schwarzweiß-Bild, das den Forscher Alexander Fleming in seinem Labor zeigt. Fleming sitzt an einem Schreibtisch, auf dem zahlreiche Laborutensilien stehen.

Fleming gilt als Entdecker der Antibiotika

Fleming wollte die Versuchsschalen zunächst wegwerfen. Dann aber bemerkte er, dass das Bakterium "Staphylococcus" sich dort nicht mehr ausbreiten konnte, wo der Schimmel gewachsen war. Bei dem Pilz handelte es sich um den Pinselschimmel Penicillium.

Endlich hatte Fleming einen Wirkstoff gegen jene Bakterien gefunden, an denen er seit Anfang der 1920er Jahre forschte. Doch die Fachwelt beachtete seine Veröffentlichungen nicht. Ihm selbst fehlte das Geld.

Während seine Erkenntnisse in den Archiven ruhten, suchte das Militär während des Zweiten Weltkriegs dringend nach einem Mittel gegen Infektionen, an denen immer mehr verwundete Soldaten starben.

Mit einem enormen Etat ausgestattet, griffen die jungen britischen Wissenschaftler Howard Walter Florey und Ernst Boris Chain 1939 auf Flemings Arbeiten zurück – mit Erfolg.

Bereits 1944 hatten die alliierten Truppen einen Wirkstoff gegen bakterielle Erreger. Die späte Anerkennung für sein Schaffen erhielt Fleming 1945 zusammen mit Florey und Chain: den Nobelpreis für Medizin.

Einige Jahre nach dem Krieg waren Antibiotika keine Mangelware mehr. Sie kommen gegenwärtig gegen Keime bakterieller Infektionen wie Lungenentzündung, Tripper, Cholera, Syphilis, Diphtherie, Typhus, Tuberkulose und Borreliose zum Einsatz. Der Erreger der Pest gilt in Europa weitgehend als ausgestorben.

Die Strategie bakterieller Erreger ist tückisch: Anfangs vermehren sie sich nur. Die Giftproduktion erfolgt erst, wenn die Anzahl der Keime eine spezifische Anzahl überschritten hat – frei nach dem Motto: "Gemeinsam sind wir stark."

Mediziner bezeichnen diese Zeit als Inkubationszeit. Nun erst bemerkt der Körper die Invasion – und wird mit der Vielzahl der Herde kaum noch fertig.

Autor: Remo Trerotola

Stand: 15.11.2017, 09:24

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