Interview: Was hilft gegen Erkältungen?

Das Bild zeigt eine niesende Frau vor Winterlandschaft

Viren

Interview: Was hilft gegen Erkältungen?

Einmal zu dünn angezogen oder im Durchzug gestanden – und schon sind wir erkältet. Das ist Quatsch, sagt der Düsseldorfer Virologe Professor Ortwin Adams im Interview. Schuld sei nicht die Kälte, sondern Viren. Und die sind nicht einfach zu bekämpfen.

Planet Wissen: Sie haben 2009 das "Respiratorische Virennetzwerk" gegründet. Dort sammeln Sie Daten aus 20 Laboren in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Was wollen Sie mit diesem Netzwerk erreichen?

Ortwin Adams: Wir wollen, dass Ärzte sich jederzeit informieren können, welche Grippe- oder Erkältungsviren gerade in welcher Region zirkulieren. Wer auf unsere Seite geht, kann anhand der vielen farbigen Kurven die Verbreitung der wichtigsten Erreger ablesen. So können wir auch erkennen, wie häufig virale Infekte überhaupt auftreten.

Sie sammeln in Ihrem Virennetzwerk vor allem Daten. Warum konzentrieren sich Forscher nicht lieber darauf, die Erkältungserreger ganz zu besiegen?

Dass sich so wenig Forscher mit der Bekämpfung des Virus' befassen, liegt vor allem daran, dass die Viren, die eine Erkältung auslösen, schwer zu fassen sind. Es können über 200 unterschiedliche Virenstämme einen Schnupfen auslösen. Meist gehören die Erreger zur Gruppe der Rhinoviren, doch auch von ihnen gibt es rund 150 verschiedene Typen.

Virologe Ortwin Adams

Virologe Ortwin Adams

Tatsächlich sind wir, wenn unser Körper sich an einem Virustyp abgearbeitet hat, einige Zeit gegen diesen geschützt. Doch zum einen bleibt der Schutz unvollständig: Rhinoviren machen uns nicht so krank, dass wir eine bleibende Immunität entwickeln wie beispielsweise bei Mumps oder Masern. Zum anderen kann man sich mit jedem der anderen Erkältungserreger noch weiter infizieren.

Der sogenannte banale Schnupfen ist in den meisten Fällen vor allem einfach lästig, weil er uns in unserem Wohlsein beeinträchtigt und uns auch oft schlecht schlafen lässt.

Bei Menschen mit schwachem Immunsystem, mit Lungenerkrankungen und bei Schwangeren oder älteren Menschen kann er jedoch schwerer verlaufen oder auch der Wegbereiter für nachfolgende Infektionen, etwa mit Bakterien, sein.

Stark vergrößerte Abbildung eines Rhinovirus'

Das Rhinovirus löst Erkältungen aus

Die häufige Harmlosigkeit der Rhinovirusinfektionen, die meist der Auslöser für eine Erkältung sind, macht sie in einer Beziehung sogar noch tückischer: Das Virus nistet sich bei seinem Wirt, dem Menschen, zunächst unbemerkt ein und vermehrt sich dann massenhaft in dessen Nasen- und Rachenbereich. Bis der Betroffene wirklich krank im Bett liegt, hat er meist schon viele angesteckt.

Gegen Grippe kann man impfen. Warum nicht gegen Erkältung?

Bei der Grippe haben wir das Phänomen, dass jedes Jahr zwei bis drei Stämme existieren, die wir als Mediziner genau ausmachen können. Wir beobachten bereits im Vorfeld die zirkulierenden Grippeviren auf der Südhalbkugel und leiten daraus ab, wie der aktuelle Impfstoff zusammengesetzt werden sollte. Dieser Impfstoff bietet dann zwar keinen hundertprozentigen Schutz, ist aber meist wirksam.

Um nun gegen Erkältung zu impfen, müsste ja ein Impfstoff entwickelt werden, der alle rund 200 Typen enthält. Da gab es bislang nie ernste Ansätze, denn das wäre wahnsinnig aufwendig. Vielleicht ist es sogar unmöglich.

Impfstoff wird in Oberarm gespritzt

Eine Impfung gegen Erkältungen ist nicht in Sicht

Wir Mediziner haben deshalb die Hoffnung fast aufgegeben, in absehbarer Zeit einen Impfstoff zu entwickeln. Es gibt eher Bemühungen, die richtigen Medikamente zu entwickeln.

Der Mensch kann Kinder im Reagenzglas zeugen und Organe verpflanzen. Da wird doch gegen einen banalen Schnupfen ein Kraut gewachsen sein?

Tatsächlich wird hier intensiv geforscht. Allein die Deutschen geben jährlich rund anderthalb Milliarden Euro für Erkältungsmedikamente aus, es ist ein Riesenmarkt. Ich bin allerdings skeptisch, was den Nutzen angeht. Denn die Wirkung lässt sich nur selten auch wissenschaftlich nachweisen.

Hilfreich sind abschwellende Nasentropfen für eine kurze Zeit, doch sie machen bei zu langer Anwendung abhängig. Auch Halsschmerztabletten nutzen viele. Hier hilft allerdings vor allem der durch das Lutschen verursachte Speichelfluss, weniger der Wirkstoff selbst.

Bei Hustensäften lässt sich eine nennenswerte Wirkung gar nicht beweisen, ebenso wenig bei Vitamin C, obwohl es dazu viele Studien gegeben hat.

Auch bei den vielen Mitteln, die das Immunsystem grundsätzlich stärken, fehlt ein eindeutiger Beleg, dass sie gegen Erkältungen helfen.

Was raten Sie denn dann, wenn wir uns vor Erkältung schützen wollen?

Das Einzige, was wirklich hilft, ist, den Kontakt zu anderen Menschen zu meiden, doch das ist ja unmöglich. Da die Viren sich bis zu drei Stunden an Türklinken, Tastaturen und anderen viel genutzten Gegenständen halten, bleibt als wichtigster Tipp: häufig die Hände waschen und vermeiden, sich selbst mit den Händen an den Mund zu fassen.

Und was die Stärkung unserer Immunabwehr angeht: regelmäßig lüften oder raus an die frische Luft. Denn dass Kälte krank macht, konnte bislang keine Studie belegen. Und das, obwohl Wissenschaftler schon seit mehr als hundert Jahren teilweise bizarre Studien durchführen, für die sie ihre Probanden beispielsweise mit nassen Socken frieren lassen.

Wahrscheinlich sind wir im Winter deswegen öfter krank, weil wir ständig mit vielen anderen Menschen in beheizten Räumen eng zusammensitzen und die Viren sich so leichter übertragen.

Grundsätzlich zeigen Studien auch, dass Stress ein Risikofaktor für die Erkältungsanfälligkeit ist. Vielleicht müssen wir die Auszeit, die unser Körper uns regelmäßig verordnet, einfach akzeptieren.

Interview: Britta Schwanenberg

Stand: 18.01.2016, 09:55

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