Julia "Butterfly" Hill: Vom Model zur Baumbesetzerin

Mammutbäume.

Naturschutzgeschichte

Julia "Butterfly" Hill: Vom Model zur Baumbesetzerin

Von Helge Bendl und Laura Niebling

Im Dezember 1997 kletterte Julia Hill in die Krone eines Mammutbaumes in Nordkalifornien. 738 Tage harrte sie hier in 65 Metern Höhe auf einer winzigen Plattform aus, um den Redwood-Baum vor der Abholzung zu bewahren.

Die Mission hatte Vorrang

"Ich bin im härtesten Winter hochgeklettert, seit bei uns das Wetter aufgezeichnet wird. Dazu kam noch der Wind, der mit bis zu 150 Stundenkilometern durch die Baumspitzen raste. Trotz zehn Lagen Kleidung war mir immer noch kalt", erzählt Julia Hill.

Fließendes Wasser, ein Dach über dem Kopf, eine Toilette: Auf alles verzichtete die Aktivistin, und auch die Karriere als Foto-Modell und das eigene Restaurant, das sie einst besessen hatte, waren ihr nicht mehr wichtig – die spontan begonnene Mission hatte Vorrang. Jetzt ging es darum, den Baum zu retten, den die Umweltschützer "Luna" getauft hatten.

Umweltschützerin Julia Hill besetzt einen Mammutbaum

Mit 24 Jahren "besetzte" Julia Hill einen Mammutbaum

Frau des Jahres

Daran änderten auch Einschüchterungsversuche nichts: Weder der Hubschrauber der Holzfirma, der über ihr kreiste und sie fast vom Baum wehte, noch der Qualm der Napalm-Brandsätze, die unweit des Baumes die Reste des Kahlschlags abfackelten, brachten sie wieder auf die Erde.

Dass die Firma sie mit Nebelhörnern und Scheinwerfern am Schlaf hinderte und auch Unterstützer davon abhielt, Julia Hill mit Essen zu versorgen, machte die Aktivistin im ganzen Land bekannt.

Magazine kürten sie zur "Frau des Jahres", Schauspieler und Politiker solidarisierten sich mit der neuen Königin der weltweiten Umweltbewegung. Bis "Luna" und die Bäume um sie herum gerettet waren.

"Ich habe mit meinem Körper geschützt, was ich schützen kann. Andere Areale müssen von anderen bewahrt werden – nach meiner Aktion wissen viel mehr Menschen, dass etwas getan werden muss", sagt Julia Hill, die überhaupt nicht fanatisch wirkt, sondern in einem schlicht religiösen Sinn nur "Gutes tun will".

"Ich bin nicht verrückt. Es ist doch verrückt, wenn man die letzten Redwood-Wälder der Welt auch noch abholzen will. Eine Baumbesetzung ist die letzte Chance, ein solches Wesen zu retten."

Ein Auto fährt durch den ausgehöhlten Stamm eines riesigen Mammutbaumes.

Mammutbäume sind beeindruckende Riesen

Die "Stimme des stummen Waldes"

Ihre Integrität hatte am Ende nicht nur die Waldarbeiter überzeugt, mit denen sie zum Schluss sogar scherzte, sondern auch den Chef der Holzfirma. Das Areal um "Luna" steht inzwischen unter Schutz, und Julia Hill nutzt ihre Popularität, um Spendengelder für Umweltschutzprojekte an anderen Orten zu sammeln. Sie hält Vorträge an Schulen und moderiert Workshops.

Die "Stimme des stummen Waldes", wie man sie einst nannte, will weiterhin ihre Botschaft verkünden: Dass es sich lohnt, den Planeten zu schützen. Und dass es wichtig ist, die Baumriesen Nordamerikas zu achten und sie genauer kennen zu lernen.

Dass immer mehr Menschen die US-Nationalparks besuchen, um die uralten Sequoien und Douglasien, Kiefern, Fichten und Redwoods einmal mit eigenen Augen zu sehen, gefällt nicht nur den in den Baumkronen forschenden Wissenschaftlern, sondern auch der Umwelt-Aktivistin: "Ein Baum kann dein Freund sein – darum sollte man sie genauer kennen lernen."

Was wurde aus "Luna" und Hill?

Während Hill 1999 ihre eigene Umweltschutzorganisation "Circle of Life Foundation" gründete, sowie 2006 die Gruppierung "What's your tree!" und das Buch "The Legacy of Luna" schrieb, geriet der Baum selbst aus dem Blick der Öffentlichkeit.

So kam es, dass Umweltaktivisten erst 2000 feststellten, dass man versucht hatte, den Baum abzuholzen, trotz des Wildreservats um ihn herum. Sein Stamm war bis zur Hälfte von einer Kettensäge durchgesägt worden. Maßnahmen zur Rettung wurden eingeleitet. Mit einem Stahlkabel konnte der Baum gesichert werden. Heute hat er sich erholt.

Und Hill? Steht immer noch für den Erhalt der Natur, lebt inzwischen vegan, und in Deutschland ist inzwischen sogar ein Arboretum, eine Baumsammlung, nach ihr benannt.

Der Preis für den Erfolg ist, dass sie bei kühleren Temperaturen und vor allem im Wald dicke Socken und Handschuhe tragen muss. Die Winter und Nächte auf "Luna" haben ihren Zehen und Fingern so schwere Erfrierungen beigefügt, dass sie bei erneuter Unterkühlung Gefahr liefe, sie zu verlieren.

Umweltaktivistin Julia Hill am 4.6.2011 in Kassel

Hill ist nach wie vor für den Umweltschutz aktiv

SWR/WDR | Stand: 29.05.2020, 10:45

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