Die "Killeralge" Caulerpa taxifolia

Unterwasseraufnahme: Ein dichter Bewuchs mit grünen Algen der Art Caulerpa taxifolia in seichtem, klaren Wasser sehr gut zu erkennen.

Algen

Die "Killeralge" Caulerpa taxifolia

Von Susanne Decker

Hübsch anzuschauen ist sie: kräftig grün gefärbt, mit kleinen gefiederten Blättchen. Fast könnte man meinen, was sich da als Unterwasser-Rasen sanft in der Strömung wiegt, sei eine Art Seegras. Aber dieser Eindruck täuscht! Was an Caulerpa so aussieht wie kleine Blättchen, Stängel und Wurzeln, sind gar keine.
Caulerpa ist eine Grünalge, keine "höhere Pflanze". Alles, was sie mit Seegras gemeinsam hat, ist die Vorliebe für flache Meereszonen. Was sie dagegen wie eine höher organisierte Pflanze erscheinen lässt, ist eine erstaunliche evolutionäre Parallelentwicklung.

Gänseblümchen machen’s anders

Algen unterscheiden sich grundlegend von den höheren Pflanzen. Sie können alle Nährstoffe, die sie zum Überleben brauchen, über ihre gesamte Oberfläche aufnehmen. Deshalb sind auch riesenhafte, mehrzellige Tangblätter wesentlich einfacher aufgebaut als zum Beispiel ein Gänseblümchen.

Das Gänseblümchen muss Wasser und Nahrung über ein ausgeklügeltes Gefäßsystem entgegengesetzt der Schwerkraft vom Boden bis zum Blütenblatt transportieren. Algen hingegen sind permanent von Wasser umgeben und nehmen die Nährstoffe direkt aus dem Wasser auf.

Was so aussieht wie Blatt, Stängel und Wurzel, wird von den Wissenschaftlern mit den griechischen Synonymen "Phylloid", "Cauloid" und "Rhizoid" beschrieben.

Gigantischer Einzeller

Die verblüffende äußere Parallele vieler Makroalgen zu den höheren Pflanzen ist schon erstaunlich genug. Aber die Grünalge Caulerpa setzt noch einen drauf. Eine einzelne Caulerpa-Alge kann bis zu mehreren Metern Länge heranwachsen.

Diese Tatsache erstaunt zunächst weniger. Das beinahe Unfassbare spielt sich im Innenleben der Alge ab, denn Caulerpa besteht nur aus einer einzigen vielfach verzweigten Zelle. Sie gehört damit zu den größten einzelligen Organismen der Welt.

Damit widerspricht Caulerpa den Grundlagen der Zellentheorie, welche die Naturforscher Jakob Schleiden und Theodor Schwann Mitte des 19. Jahrhunderts formulierten. Nach den Erkenntnissen der beiden Forscher können einzelne Zellen eine bestimmte Größe nicht überschreiten, da der Zellkern nur einen bestimmten Wirkungsradius besitzt.

Caulerpa dürfte es nach dieser Theorie also gar nicht geben. Normalerweise bestehen solche großen und komplexen Organismen aus hunderttausenden mikroskopisch kleiner Zellen.

Die Schlauchalgen, zu denen auch Caulerpa zählt, lösen dieses Problem auf ihre eigene Art: Eine Caulerpa-Zelle besitzt viele Kerne, die im Zellsaft der Alge wie in einem verzweigten Schlauchsystem umherschwimmen.

Unterwasseraufnahme: Caulerpa taxifolia mit 'Stiel' aus dem die 'Blätter' wachsen.

Keine Pflanze, sondern ein "Einzeller"

Wie Caulerpa taxifolia zur Killeralge wurde

Caulerpa taxifolia kommt normalerweise in tropischen und subtropischen Gewässern vor. Ihr attraktives Grün und die hübschen gefiederten Blättchen machen sie zu einer attraktiven und beliebten Aquarien-Zierpflanze. So gelangte die Alge auch in das Ozeanografische Museum von Monaco und von dort, so wird vermutet, 1984 irgendwie in das Meer vor der Haustür.

Eigentlich war die Wassertemperatur dort für die Tropenalge zu kühl. Aber offenbar wurde ausgerechnet eine mutierte Variante freigesetzt, der das kalte Wasser nichts ausmachte. Natürliche Feinde gab es nicht, und so hatte Caulerpa taxifolia freie Bahn für ungehemmtes Wachstum.

Aus einem kleinen Caulerpa-Büschel wurde ein ernsthaftes ökologisches Problem, denn Caulerpa wächst schnell. Wird sie verletzt, sorgt ein effizienter Reparaturmechanismus für eine schnelle Wundheilung. Ein abgerissenes Stück Caulerpa ist in der Lage, sich zu einer vollständigen neuen Pflanze zu entwickeln.

Aus einer kleinen Kolonie kann also schnell eine Population von ungeheurem Ausmaß werden. So kam es, dass sich ein gigantischer grüner Caulerpa-taxifolia-Rasen über weite Teile des Mittelmeerbodens ausbreitete.

Grüne Wüste im Mittelmeer

Für Fische, Schnecken, Muscheln und Seeigel ist es seitdem vorbei mit dem einst üppig dahinwogenden einheimischen Unterwasser-Seegras-Wald, der ihnen Versteck und Nahrung bot. Caulerpa ist keine Alternative, denn sie bildet einen Giftstoff, das Caulerpinin. Harmlos für den Menschen, aber ungenießbar für die Meeresbewohner.

Die bleiben nach und nach weg und Caulerpa taxifolia kann sich noch ungehemmter vermehren – ein Teufelskreis. Das empfindliche Unterwasser-Ökosystem droht zu zerbrechen.

Der saftige Eindruck, den das knallige Grün eines Caulerpa-Rasens erweckt, täuscht. Im Prinzip gleicht der Meeresgrund vor der Mittelmeerküste einer Wüste, nur wenige Lebewesen sind noch übrig.

Und nicht nur das Mittelmeer ist betroffen. Inzwischen gehen Meeresforscher davon aus, dass sechs- bis zehntausend Hektar Meeresgrund von Caulerpa überzogen sind. Schiffe reißen mit ihren Ankern Caulerpa-Stücke ab und verbreiten die invasive Grünalgen-Spezies über die Weltmeere.

Kann man der Plage Herr werden?

Genanalysen haben gezeigt, dass es sich bei der Plage um einen einzigen Klon einer mutierten Caulerpa-taxifolia-Variante handelt. Und so ist man fieberhaft auf der Suche nach der Achillesferse des ungebetenen Gastes. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit.

Viel wurde schon probiert: Verbrennen mit Trockeneis, ausreißen, mit Salz überdosieren, Lichtentzug. Bisher fruchtete noch keine der zunächst vielversprechend erscheinenden Lösungen.

Dann setzte man die Hoffnung auf eine kleine gelbe Meeresschnecke namens Elysia subornata. Ein natürlicher Feind von Caulerpa – allerdings in den tropischen Meeren zu Hause. Die Schnecke hat sich auf Caulerpa spezialisiert und ist auch immun gegen das giftige Caulerpinin. Mit ihrem speziellen Mundwerkzeug raspelt die Schnecke die Alge auf und saugt sie einfach aus.

Ein Risiko ist es trotzdem, eine exotische Art als natürlichen Feind einzusetzen. So etwas kann rein theoretisch aus dem Ruder laufen. So forscht man fieberhaft weiter an möglichen Lösungen. In Kalifornien ist es inzwischen sogar schon verboten, Caulerpa taxifolia zu besitzen, zu verkaufen oder zu transportieren. Menschen weltweit sind aufgerufen, jede Entdeckung von Caulerpa taxifolia umgehend zu melden.

Seit dem Jahr 2006 wird eine rückläufige Verbreitung von Caulerpa taxifolia im Mittelmeer beobachtet. Ob es an Fraßfeinden liegt, die inzwischen gegen das Caulerpa-Gift immun geworden sind, oder welche Ursache für den Caulerpa-Schwund noch verantwortlich sein könnte, darüber besteht noch keine Klarheit.

Stand: 16.05.2018, 09:55

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