Der Kleingarten

Blaue Hütte in einem Kleingarten.

Gartenkultur

Der Kleingarten

Kleingärten sind ein bisschen wie eine Miniaturausgabe des Eigenheims. Die meisten Besitzer der parzellierten Naherholungsgebiete leben in Wohnungen, wo Pflanzen höchstens auf der Fensterbank oder dem Balkon wachsen. In ihren Kleingärten können sie wenigstens zeitweise dem Großstadtgrau der Mehrfamilienhäuser entfliehen und sich ein wenig Natur gönnen. Die Deutschen lieben ihre kleine umzäunte Freiheit: Mehr als eine Million Kleingärten werden regelmäßig gepflegt und gehegt.

Wurzeln der Kleingartenbewegung

Ihre historischen Wurzeln hat die Kleingartenbewegung in Deutschland. Der eigentliche Ursprung der Gärtchen ist eng mit den sozialen Missständen der Industrialisierung im 19. Jahrhundert verbunden: Beengte Wohnverhältnisse in den Städten, Armut und Mangelernährung waren dringende Probleme. Wer einen Kleingarten besaß, konnte nicht nur in die Natur fliehen, sondern sich auch mit Nahrung versorgen.

Den ersten Kleingärtnerverein gründete 1814 Landgraf Carl von Hessen in Kappeln an der Schlei. Mit den Erzeugnissen der kleinen Parzellen sollten sozial Schwache dabei unterstützt werden, sich selbst zu versorgen. Das Land, auf dem die Kleingartenanlage entstand, wurde aber bald wieder für andere Zwecke benötigt.

Das gleiche Schicksal ereilte viele Armengärten, die es zwischen 1830 und 1840 in Leipzig, Berlin und Kiel gab. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in einigen Städten dauerhaft Kleingartenanlagen gegründet, wie zum Beispiel die Laubenkolonien des Roten Kreuzes in Berlin.

Ein Mann arbeitet in seinem Kleingarten. Im Hintergrund ist der Förderturm einer Zeche zu sehen.

Kleines Paradies in der Großstadt

Schrebergärten zum Wohl der Kinder

Die Naturheilbewegung des 19. Jahrhunderts sah in den Kleingärten nicht nur eine günstige Versorgungsquelle für Arme, sondern auch eine Möglichkeit für Stadtbewohner, mehr Licht, Luft und Bewegung zu bekommen.

Als einer der Väter der Naturheilkunde gilt der Leipziger Arzt Daniel Gottlob Moritz Schreber (1808-1861). Während seiner Tätigkeit stellte er fest, dass viele Kinder in der Großstadt an Haltungsschäden litten.

Mit Bandagen und Korsetts war dem Problem nicht beizukommen. Was die Kinder seiner Meinung nach brauchten, war viel Bewegung an der frischen Luft. Mit der Entstehung der nach ihm benannten Gärten hatte Schreber aber nicht unmittelbar zu tun.

Sein Schwiegersohn Ernst Innocenz Hauschild legte 1864, also erst nach Schrebers Tod, eine Spielwiese in Leipzig an, auf der Kinder unter Betreuung toben und turnen konnten. Zu Ehren seines Schwiegervaters nannte Hauschild die Wiese "Schreberplatz".

Erst durch Heinrich Karl Gesell wurde aus dem Schreberplatz eine richtige Kleingartenanlage. Der Lehrer ließ die Kinder Beete anlegen, mit denen sie auch aus bewegungstherapeutischer Sicht die Gartenarbeit erlernen sollten.

Doch den Kleinen machte das Hacken, Säen und Gießen bald keinen Spaß mehr und die Beete verwilderten. Damit die Anlage nicht völlig mit Unkraut überzogen wurde, übernahmen die Eltern fortan die Pflege der kleinen Gärten.

So wurden aus den Beeten für die Kleinen Gärten für die ganze Familie. Der ehemalige Spielplatz mauserte sich zur Kleingartenanlage. Bereits 1870 gab dort 100 parzellierte Flächen, die "Schrebergärten" genannt wurden. Dieser Name hat sich bis heute als alternative Bezeichnung für Kleingärten gehalten.

Der Holzstich zeigt den Leipziger Arzt Daniel Schreber.

Daniel Gottlob Moritz Schreber

Zuflucht nach dem Krieg

Während und nach den beiden Weltkriegen erfüllten die Kleingärten wieder hauptsächlich die Funktion, die sie bereits in ihren Anfängen inne hatten. Sie dienten der hungernden Bevölkerung als zusätzliche Nahrungsquelle.

Die Gartenlauben wurden nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs zum Teil sogar als Wohnungen benutzt. Oft wurden die Lauben ohne Genehmigung ausgebaut und so bewohnbar gemacht.

Aufgrund der großen Not in der Nachkriegszeit wurden diese Schwarzbauten aber meistens von den Behörden genehmigt. Ihre Bewohner erhielten lebenslanges Wohnrecht, so dass man bis heute noch in alten Kleingartenanlagen richtige kleine Wohnhäuser finden kann.

Vom Spießergarten zum Familienparadies

Mit dem Wirtschaftswunder verloren die Kleingärten ihre Bedeutung für die Lebenshaltung und entwickelten sich über die Jahrzehnte zum Inbegriff des Spießertums.

Kleingärten standen in der Spießer-Skala auf einer Stufe mit Gartenzwergen, Bausparen und gehäkelten Klorollenbezügen auf der Hutablage. Da die Jugend sich nicht für die Gärtnerei interessierte, wurden viele Kleingartenanlagen zu reinen Rentnervereinen.

Doch dieser Trend hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Immer mehr Familien wissen das eigene kleine Naturparadies zu schätzen und mieten sich in den Kolonien ein.

Laut einer Studie des Bundesverbands Deutscher Gartenfreunde (BDG) ist das Durchschnittsalter in den über 15.000 Kleingartenvereinen seit dem Ende der 1990er Jahre um zehn Jahre gesunken. Insgesamt, so der BDG, nutzen in Deutschland etwa fünf Millionen Menschen mehr als eine Million Kleingärten.

Vor einer Kleingartenlaube sitzen drei ältere Menschen und unterhalten sich.

Früher waren Kleingärten nur was für Ältere

Autoren: Silke Hempel/Natalie Muntermann/Johannes Eberhorn

Stand: 04.04.2018, 09:00

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