Pflanzen wie wir

Die Pflanze als Raubtier 03:42 Min. Verfügbar bis 30.12.2099

Pflanzen

Pflanzen wie wir

Pflanzen galten lange Zeit als recht simple Geschöpfe. Eingeschränkt in ihrer Bewegungsfreiheit und ohne augenscheinliche Kommunikation traute die Forschung ihnen nicht allzu viel zu. Doch zahlreiche Untersuchungen in den vergangenen Jahren offenbaren eine ganz neue Seite: Pflanzen können sehen, hören, schmecken, riechen und sich orientieren. Und das ist längst nicht alles: Pflanzen kommunizieren miteinander und bei Gefahr wehren sich mit ausgeklügelten Strategien.

Darum geht's:

  • These: Pflanzen können sehen, riechen und schmecken.
  • Forscher haben das Wurzelwerk als "Gehirn der Pflanze" im Verdacht.
  • Pflanzen können sich auch in dunklen Räumen orientieren.
  • Dornen, Gift und Co: Die Waffen der Pflanzen sind vielfältig.
  • Zur Fortpflanzung ist die Pflanze auf artfremde Partner angewiesen.
  • Einige Pflanzen können untereinander kommunizieren.

Mit allen Sinnen

Biologen haben in den vergangenen Jahren spektakuläre Entdeckungen bei ihren Pflanzenexperimenten gemacht. Die grünen Geschöpfe unterscheiden offensichtlich verschiedene Wellenlängen des Lichts, können also sehen. Aber damit nicht genug: Pflanzen "riechen" chemische Botenstoffe in der Luft und "schmecken" die Nährstoffe im Boden.

Und es bleibt nicht nur bei der Wahrnehmung: Sie reagieren auch entsprechend und passen sich den jeweiligen Bedingungen an. So wissen sie genau, wann es etwa notwendig wird Giftstoffe zu produzieren, um einen Feind abzuwehren, oder ob die Energie nicht doch besser in die Fortpflanzung gesteckt werden sollte.

Hat die Pflanze ein Gehirn?

Pflanzen haben keine Nerven wie tierische Lebewesen, trotzdem spüren sie es, wenn etwa eine Raupe an ihren Blättern frisst. Möglich ist das durch ihre Leitbahnen, die neben Wasser und Nährstoffen auch elektrophysiologische Signale weiterleiten, wie die Bonner Pflanzenforscher Dieter Volkmann und Frantisek Baluska bei ihren Untersuchungen feststellten.

Doch noch jagt die Vorstellung von einer Signalübertragung bei Pflanzen vielen Forschern kalte Schauer über den Rücken. Feststeht: Pflanzen reagieren auf ihre Umwelt. Sie empfangen Umweltsignale wie Licht, Wind, Temperatur, Bodenstruktur und Feuchtigkeit – und reagieren darauf. Forscher haben dabei das Wurzelwerk als "Gehirn der Pflanze" im Verdacht.

Freigelegte feine Pflanzenwurzeln, die miteinander vernetzt sind.

Gehirnähnliche Funktionen im Netz der Pflanzenwurzeln?

Alles im Lot

In den Wurzelenden der Armleuchteralge fanden Bonner Forscher unter dem Mikroskop kleine Steinchen in den Zellen, sogenannte Statolithen. Vergleichbar mit dem Innenohr des Menschen regeln die Statolithen den Gleichgewichtssinn der Pflanzen, indem sie sich dank der Schwerkraft immer "unten" ablagern.

Diese Entdeckung erklärt, warum beispielsweise der Spross einer vergessenen Zwiebel im Kühlschrank immer nach oben wächst. Trotz fehlenden Lichts weiß die Zwiebelsprosse dank der Statolithen, wohin sie wachsen muss.

Die Orientierung im Raum ist für Pflanzen überlebenswichtig. Schließlich müssen die Wurzeln zum Boden und damit zu Wasser und Nährstoffen nach unten wachsen, während der Spross der energiespendenden Sonne entgegen nach oben wächst.

Wie orientieren sich Pflanzen? 03:13 Min. Verfügbar bis 30.12.2099

Waffen der Reglosen

Doch was nützt die ganze Orientierung, wenn man von Natur aus zum Gefressenwerden bestimmt zu sein scheint. Überall, wo etwas Grünes keimt, wird der Appetit von zahllosen Pflanzenfressern geweckt. Ganz schön gefährlich, vor allem wenn man nicht einmal weglaufen kann. Fakt ist, Pflanzen sind alles andere als Opfer, schließlich gehören sie zu den erfolgreichsten Lebewesen auf diesem Planeten.

Sie haben raffinierte Strategien entwickelt, mit denen sie sich gegen allzu aufdringliche Besucher bestens wehren können. So bilden sie etwa spitze Stacheln und Dornen, Widerhaken oder Kristallhaare aus.

Außerdem sind sie erstaunliche Chemiker, die eine Vielzahl unterschiedlichster Stoffe herstellen können. Von einfach nur unangenehm schmeckenden Substanzen wie Bitterstoffen bis zum tödlichen Gift einer Tollkirsche reicht ihr Repertoire. Und in ganz besonders hartnäckigen Fällen holen sie auch schon mal fremde Hilfe, etwa indem sie mit speziellen Botenstoffen die Feinde ihrer Feinde anlocken.

Sex bei Pflanzen

Ganz andere Duftstoffe kommen bei der Fortpflanzung zum Einsatz. Als Lebewesen mit eher beschränktem Radius, ist das Finden und Zusammenkommen mit einem potenziellen Partner eine echte Herausforderung. Auch hier ist fremde Hilfe notwendig, speziell von Insekten, die mit dem entsprechenden Duft und dem Aussehen der Blüten angelockt werden.

Während es für die fliegenden Krabbler meist etwas zum Fressen gibt, geht es bei der Pflanze um Sex. Sie nutzt den Besuch als Liebesboten, dem sie ihren Pollen anvertraut, in der Hoffnung, dass er ihn zu einem Partner bringt und damit eine Befruchtung stattfinden kann.

Eine Biene sammelt auf einer Kamillenblüte Nektar und Pollen.

Kamillenblüte mit Besuch von einem fliegenden "Liebesboten"

Mit Duft kommunizieren

Pflanzen produzieren eine Vielzahl chemischer Botenstoffe, die zur Gruppe der sogenannten Aromaten, Acetogenine und Terpene gehören. Doch sie werden nicht nur zum Anlocken von Insekten eingesetzt, sondern auch für die Kommunikation untereinander verwendet.

Japanische Forscher entdeckten im Frühjahr 2014, dass Tomatenpflanzen ihre Nachbarpflanzen vor Feinden warnen. Pflanzen sind demnach weder still noch hilflos. Sie sind sogar sehr kommunikativ.

Eines steht fest: Der Pflanzenforschung steht eine aufregende Zeit bevor. Vielleicht ändert das auch den Blick auf das bislang unterschätzte Grünzeug.

Autorin: Andrea Wieland

Stand: 02.08.2017, 09:50

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