Riechen, Hören, Schmecken

Kann der Teufelszwirn Tomaten riechen? 02:08 Min. Verfügbar bis 30.12.2099

Pflanzen wie wir

Riechen, Hören, Schmecken

Pflanzen analysieren ständig ihre Umwelt. Selbst kleine Veränderungen werden registriert. Dabei wägen sie die verschiedenen Bedingungen permanent ab und entscheiden, wann Anpassungen notwendig werden. Klingt nach einem Science-Fiction-Film für Pflanzenfreunde? Von wegen! Man muss ihre Fähigkeiten nur etwas genauer betrachten, um zu verstehen, was Pflanzen alles können.

Darum geht's:

  • Der Teufelszwirn kann seine Wirtspflanze am Geruch erkennen.
  • Manche Pflanzen können mithilfe akustischer Signale kommunizieren.
  • Die Tabakpflanze hat verschiedene Abwehrstrategien gegen Feinde.
  • Kommunikation über Duftstoffe nennen Forscher "grüne Sprache".
  • Der Aronstab hat eine besondere Fortpflanzungsstrategie entwickelt.

Riechen ohne Nase

Riechen ohne Nase, Nervensystem oder Gehirn gilt eigentlich als unmöglich. Doch der Teufelszwirn beweist das Gegenteil. Forscher konnten in Experimenten nachweisen, dass der Keimling des Teufelszwirns Gerüche erkennt und sogar verorten kann.

Für das Pflänzchen eine überlebenswichtige Fähigkeit, denn der Teufelszwirn ist ein Schmarotzer und benötigt zum Überleben eine Wirtspflanze, wie etwa Tomaten. Genau deren spezifische Duftstoffe kann der Keimling identifizieren und versucht mit seinem knappen Energiespeicher aus dem Samen zur Wirtspflanze zu wachsen.

Eine Tomatenpflanze unter Glas, also ohne Duftsignale, lässt er dabei links liegen. Hat der kleine Spross eine Tomatenpflanze erreicht, beginnt er sofort deren Wasser- und Nährstoffbahnen anzuzapfen.

Hören unter der Erde

Der Pflanzenneurobiologe Professor Stefano Mancuso von der Universität Florenz ist davon überzeugt, dass Pflanzen hören können. Im Experiment zeigte sich, dass die Wurzeln von Maispflanzen unter Laborbedingungen bei tiefen Tönen im rechten Winkel zur Schallquelle hin wuchsen, während sie sich bei hohen Tönen von der Schallquelle entfernten. Offensichtlich können die Wurzeln Töne in Form von Schallwellen wahrnehmen und auch ihre Tonhöhe unterscheiden.

Versuche australischer Forscher mit Basilikum, Fenchel und Chili zeigen ebenfalls, dass Pflanzen mithilfe akustischer Signale kommunizieren. Das könnte eine Erklärung dafür sein, warum Chili neben Basilikum sehr gut wächst, Fenchel dagegen das Wachstum der Chili-Pflanze hemmt.

Erkennen, wer da frisst

Wenn Gefahr droht, können Pflanzen nicht davonlaufen – aber es scheint, dass sie das auch gar nicht nötig haben. Denn sie haben im Laufe ihrer Evolution eine Reihe von raffinierten Abwehrstrategien entwickelt, mit denen sie sich bestens etwa gegen Fressfeinde wehren können.

Verteidigung bei Pflanzen 02:54 Min. Verfügbar bis 30.12.2099

Der Wilde Tabak zum Beispiel hat eine Doppelstrategie gegen Schädlinge parat: Wenn seine Blätter angebissen werden, produziert er das Nervengift Nikotin und transportiert es an die betroffenen Stellen, um so die Angreifer abzuwehren. Das funktioniert hervorragend – nur nicht bei der Raupe des Tabakschwärmers (Manduca sexta). Die Raupen sind immun gegen das Gift, reichern es in ihrem Körper an und schützen sich damit selbst vor ihren Fressfeinden.

Doch auch in diesem Fall weiß sich der Tabak zu helfen, denn tatsächlich ist er in der Lage, seine Fressfeinde anhand ihres Speichels zu unterscheiden. Kaum sind die Raupen geschlüpft und beginnen an den Blättern zu fressen, wechselt der Tabak die Strategie und beginnt quasi um Hilfe zu schreien, indem er spezielle Duftstoffe aussendet.

Die Duftstoffe sind für bestimmte Weichwanzen unwiderstehlich und locken die Tiere zum Tabak. Der Clou dabei: Die kleinen Wanzen sind Räuber und haben kleine, frisch geschlüpfte Raupen zum Fressen gern. Der Tabak lockt also die Feinde seines Feindes an – eine wirklich beeindruckende Strategie.

Grüne Sprache

Kommunikation über Duftstoffe nennen Pflanzenforscher auch die "grüne Sprache". Flüchtige organische Verbindungen werden von Pflanzen über ihre Spaltöffnungen in die Luft verbreitet und können auf dem gleichen Weg von anderen Pflanzen wahrgenommen werden.

Wird etwa ein Ahornbaum von Schädlingen befallen, produziert er einen chemischen Warnstoff und setzt ihn frei. Die umstehenden Bäume "riechen" die Warnung und beginnen sich entsprechend zu wappnen.

Dafür produzieren sie einen speziellen Saft, der in der Rinde und den Blättern einlagert wird. Wird der vorgewarnte Baum schließlich befallen, reichen einige wenige Bissen, bevor sich die Schädlinge angewidert von ihm abwenden.

Unglaublich und unwiderstehlich: der Aronstab

Und auch in Sachen Sex setzen Pflanzen auf unwiderstehliche Duftstoffe! Eine besonders raffinierte Taktik hat der Aronstab entwickelt. Der auffällige Stab der Blüte heizt sich auf zehn Grad über der Außentemperatur auf.

Ein Geruch von Fäulnis und Fäkalien lockt zusätzlich Abortfliegen und andere Insekten an. Doch die Wände der Blüte sind glatt und unbegehbar. Über kurz oder lang rutschen die Tiere in das Blüteninnere und sitzen dort fest.

Zweck der vorübergehenden Festnahme: Zum einen sollen die Gefangenen mitgebrachte, fremde Aronstab-Pollen abliefern, zum anderen sollen sie zu Boten für den eigenen Pollen werden. Dafür regnet mitten in der Nacht ein gelber Pollenschauer auf die Insekten nieder. Über und über mit Pollen bedeckt werden sie am nächsten Morgen wieder freigelassen.

Sex bei Pflanzen 02:32 Min. Verfügbar bis 30.12.2099

Pflanzen sind demnach nicht hilflos ihrem Schicksal als Nahrungsressource für Mensch und Tier ausgeliefert. Sie können ihre Umwelt analysieren, sich fortpflanzen und sich gut gegen Schädlinge zur Wehr setzen.

Autorin: Andrea Wieland

Weiterführende Infos

Stand: 02.08.2017, 09:33

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