Florale Familienbande

Efeu schlingt sich am Stamm eines Baumes nach oben zum Licht.

Sinne der Pflanzen

Florale Familienbande

Von Andrea Wieland

Pflanzen leben in einem ständigen Konkurrenzkampf: Wer wächst zuerst zum Licht, wessen Wurzeln erreichen zuerst Wasser oder neue Nährstoffe? Beim Kampf ums Überleben ist sich jeder selbst der Nächste. Aber gilt diese Regel auch für die eigene Verwandtschaft?

Pflanzen schlagen Alarm

Gefahr im Verzug? Ein Fressfeind ist angerückt? Pflanzen sind in der Lage, solidarisch zu handeln. Werden Akazien von Schädlingen befallen, geben sie über ihre Spaltöffnungen ein chemisches Warnsignal an die Nachbarn ab. Die produzieren daraufhin das Gift Tannin, das sie für Antilopen ungenießbar macht.

Auch Ahornbäume und Tomaten verhalten sich so. Allerdings profitieren von diesem Verhalten nur diejenigen Artgenossen, die sehr dicht an der befallenen Pflanze oder in Windrichtung stehen. Bläst der Wind die Warnung in die andere Richtung, verpufft sie im wahrsten Sinne des Wortes.

Familienbande unter der Erde

Eine einzige Roggenpflanze besitzt bis zu 13 Millionen Wurzelfasern, die ein riesiges dynamisches Kommunikationsnetz bilden. Ausgestattet mit diesem Netz können Pflanzen auch unter der Erde ihre nähere Umgebung erkennen.

Der schwierige Start als Samen Planet Wissen 18.02.2020 01:24 Min. Verfügbar bis 18.02.2025 SWR

Kanadische Forscher stellten 2007 fest, dass Meersenf-Pflanzen friedlich nebeneinander wachsen, wenn sie aus der gleichen Familie abstammen. Die Biologin Susan Dudley von der McMaster University fand heraus, dass der Meersenf dazu das Wachstum seiner Wurzeln drosselt.

Manche Pflanzen helfen sich auch

Die Tübinger Pflanzenforscherin Katja Tielbörger fand in einem Experiment heraus, dass sich Pflanzen sogar gegenseitig mit Gift versorgen. Die Hallersche Schaumkresse verteidigt sich gegen Feinde mithilfe von Schwermetallen, die sie aus dem Boden zieht. Katja Tielbörger halbierte die Wurzel einer Schaumkresse und setzte den einen Teil in einen Topf mit Schwermetallen, den anderen Teil in einen Topf ohne.

Als die Pflanzenforscherin auf den Pflanzenteil im neutralen Topf einen Fressfeind setzte, passierte Verblüffendes: Die Pflanze im metallhaltigen Topf schickte über eine Art Ableger, die Katja Tielbörger der Pflanze als Verbindung gelassen hatte, Schwermetalle hinüber. So konnte sich die angegriffene Pflanze verteidigen, obwohl sie eigentlich von Schwermetallen abgeschnitten war.

Solidarität aus Eigennutz

Und woran liegt es, dass Pflanzen Rücksicht nehmen? Nächstenliebe scheidet als Motiv vermutlich aus. In Studien konnte nachgewiesen werden, dass Pflanzen ihre Überlebenschancen erhöhen, wenn sie weniger Energie für den Konkurrenzkampf verbrauchen. Das könnte beispielsweise den Meersenf dazu bewegen, nicht gegen Familienmitglieder vorzugehen. Außerdem überlebt mit den verwandten Pflanzen auch ein Teil der eigenen Gene.

Stand: 13.02.2020, 16:00

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