"Jeder Fehler kann den Tod bedeuten"

eine grüne Schlange schlängelt sich durch das Unterholz

Reptilien und Amphibien

"Jeder Fehler kann den Tod bedeuten"

Die Reptilienauffangstation im nordrheinwestfälischen Rheinberg kümmert sich um Reptilien, die gefunden, abgegeben oder beschlagnahmt worden sind. Das ist nicht ganz ungefährlich: Einige der Tiere sind giftig.

Die Schlangen zeigen, wie sie drauf sind

Ulrich liegt still in der Ecke. Für das ungeübte Auge zeigt er keinerlei Regung. Trotzdem ist es beinahe unmöglich ihn nicht zu bemerken. Denn: Ulrich ist riesig! Er misst sieben Meter und wiegt fast 140 Kilogramm. Er ist der größte Netzpython, der in einem Zoo in Deutschland lebt.

Bis zu zehn Meter Länge und 200 Kilogramm Gewicht können Schlangen dieser Art erreichen. Die Schlange ist nicht giftig – und dennoch gefährlich.

"Von der Größe darf man sich nicht täuschen lassen", sagt Kevin Ritter, der in der Reptilienauffangstation eine Ausbildung als Tierpfleger absolviert. "Ulrich kann sich gut bewegen. Netzphytons können richtig abgehen, wenn sie jagen."

Trotzdem sitzt der 19-jährige Ritter seelenruhig neben dem wuchtigen Tier. Er weiß, wie er die Tiere zu nehmen hat: "Vor allem weiß ich, wann sie das letzte Mal gegessen hat", sagt er und schmunzelt. Auch als die Schlange anfängt zu zischen, bleibt er ruhig. "Ich hab sie immer im Blick. Mit der Zeit bekommt man ein Auge dafür, ob ein Tier aggressiv wird."

Junger Mann hat eine Babyschlange in der Hand. Neben ihm ist eine gigantische Schlange.

Ein Baby- und ein ausgewachsener Netzpython

Ritter ist im zweiten Lehrjahr. Vorher hat er bereits ein Schülerpraktikum im Terrazoo Rheinberg absolviert und anschließend ehrenamtlich ausgeholfen.

"Wenn die Reptilien mies gelaunt sind, beißen sie; haben sie gute Laune, sind sie lieb", sagt Ritter. Anders als andere Tiere oder manche Menschen würden sie sich nicht verstellen. "Wenn ich gut zu den Tieren bin, sind sie auch gut zu mir."

Während Ritter neben dem gigantischen Ulrich sitzt, hält er ein Jungtier fest – mit einer Hand. "Wenn sie klein sind, sehen sie süß aus. Aber darüber, dass sie größer und verdammt alt werden, denken wenige Tierhalter nach", sagt Ritter. Das sei ein Problem.

Denn: Sobald die Halter das merken, enden die Tiere oft in der Auffangstation. Diese gehört zum Terrazoo und beherbergt bis zu 500 gefundene, beschlagnahmte und eben abgegebene Tiere. Beschlagnahmt werden die Tiere beispielsweise vom Veterinärsamt, wenn sie nicht artgerecht gehalten werden oder die entsprechenden Haltungsnachweise fehlen.

Eine große glänzende Schlange wird vom Tierpfleger gehalten

Boas leben in Mittel- und Südamerika

Jeden zweiten Tag landet ein Tier in der Station

Vor allem Boas und Schildkröten enden häufig in der Auffangstation. Jeden zweiten Tag wird ein Tier abgegeben, schätzt die stellvertretende Leiterin Silvana Czok. Dazu kommen täglich zwei bis drei telefonische Anfragen.

Oft schieben die Tierhalter kuriose Gründe vor. Zum Beispiel habe man für einen Freund im Urlaub auf das Tier aufgepasst, der habe es aber nie abgeholt. Die Auffangstation bietet jedoch die zeitweise Unterbringung während des Urlaubs an.

"Es gibt aber auch tragische Fälle", sagt Czok. Zum Beispiel, wenn jemand seinen Arbeitsplatz verloren hat oder ein Tier beim Umzug nicht mitgenommen werden darf.

Viele Terrarien

In der Quarantäne bleiben neue Tiere etwa drei Monate lang

Wer ein Reptil halten möchte, sollte sich vorher informieren

Der größte Wunsch der Tierpfleger ist es, dass sich die Interessenten vor dem Kauf über die Tiere informieren. Oftmals fehle das entsprechende Sach- und Fachwissen. "Das ist wie bei einem Kind – man hat Verantwortung! Ich glaube, viele denken nicht darüber nach", sagt Czok. So würden nur wenige Leute bedenken, dass im Winter Stromkosten für die Beheizung des Terrariums entstehen oder bei Problemen die Tierarztbesuche teuer werden können.

Auch Uwe Ringelhan, der Leiter der Auffangstation, sieht das ähnlich: "Heutzutage kaufen sich die Leute etwas – und informieren sich erst danach darüber", sagt er. Es sei ratsam, sich vorher schlau zu machen, beispielsweise im Internet.

Bidlergalerie: Die Reptilienauffangstation in Rheinberg

Grüne Leguane, Boas oder Aligatoren – Reptilien wie diese landen immer wieder in der Reptilienauffangstation in Rheinberg. Der Grund: Die Tierhalter haben das Wachstum der Tiere unterschätzt.

Kopf eines grünen Leguans

Grüne Leguane werden häufig in der Auffangstation abgegeben. Der Grund: Die Tierhalter haben das Wachstum des Tieres unterschätzt. Ausgewachsen brauchen die Leguane fast ein ganzes Kinderzimmer für sich allein, um genug Platz zu haben. Und vielfältige Klettermöglichkeiten.

Grüne Leguane werden häufig in der Auffangstation abgegeben. Der Grund: Die Tierhalter haben das Wachstum des Tieres unterschätzt. Ausgewachsen brauchen die Leguane fast ein ganzes Kinderzimmer für sich allein, um genug Platz zu haben. Und vielfältige Klettermöglichkeiten.

Ebenfalls unterschätzt: das Wachstum der Boas. Silvana Czok, die stellverterende Leiterin der Auffangstation in Rheinberg, hält hier ein Jungtier – und muss sich dafür nicht sonderlich anstrengen.

Diese Boa ist da schon bedeutend größer. Kevin Ritter, der Auszubildende, trägt Handschuhe, um die Schlange zu halten. Viele Tierhalter informieren sich vor dem Kauf nicht über das Wachstum der Tiere – und sind häufig überfordert.

Die Alligatordame Betty ist ein Albino und damit extrem selten. Es gibt nur etwa 61 Exemplare auf der Welt. Betty ist relativ zutraulich: Sie kommt zur Tür, wenn der Auszubildende Kevin Ritter diese öffnet. Manche Mitarbeiter können sie sogar streicheln, da sich das Tier ihre Stimme merkt. Sind die Pupillen schlitzförmig geformt, ist Betty gut drauf. Werden sie runder, steht der Alligator unter Stress.

Auch Warane leben in der Auffangstation. Einer von ihnen kommt sogar auf den Schoß der Mitarbeiter. Trotzdem ist Vorsicht geboten: Warane können mit ihrem Schwanz peitschen, was sehr schmerzhaft sein kann.

Eine Laune der Natur – so bezeichnet Uwe Ringelhan, der Leiter der Auffangstation, die Schildkröten Tom und Jerry. Diese sind ab der Speiseröhre zusammengewachsen, haben aber zwei Gehirne, die sich nicht immer ganz grün sind. Manchmal versuchen Tom und Jerry nämlich in zwei verschiedene Richtungen gleichzeitig zu paddeln. Fast 95 Prozent solcher Tiere sterben nach der Geburt, sagt Ringelhan.

Lecker, lecker! Das ist das Futter für die Reptilien. Die Insekten krabbeln zwar in einer offenen Plastikbox herum, entkommen aber selten: Die Oberfläche ist zu glatt und rutschig. Immer wieder gibt es aber doch ein paar Ausreißer. Damit diese nicht zur Plage werden, dürfen einige Gekkos frei durch die Auffangstation laufen und die Insekten fressen.

Jeder Mitarbeiter in der Auffangstation habe ein Tier, das er besonders mag, sagt die stellvertretende Leiterin Silvana Czok. Sie selbst sei ein Fan von der Chinesischen Krokodilschwanzechse. Die Besucher mögen vor allem das Chamäleon. Die bunte Eidechse ist sehr zutraulich und klettert gerne auf den Mitarbeitern herum.

"Grüne Mambas sind sehr flink und wendig", sagt der Auszubildende Kevin Ritter. Die Baumbewohner sind begabte Kletterer und zudem sehr neugierig.

Im Terrazoo Rheinberg leben nicht nur Reptilien, sondern auch Kattas. Ebenfalls im Zoo: Schweine, Vögel und ein Fuchs. Manchmal bekommt die Auffangstation auch Anfragen, ob Affen untergebracht werden können.


Vorsicht: Giftig!

Auch giftige Tiere werden in der Auffangstation und im Terrazoo gehalten. Ihre Terrarien sind mit einem Totenkopfsymbol gezeichnet. In der Ausstellung befinden sich beispielsweise Inlandtaipane – ein Biss reicht angeblich, um 230 Leute zu töten. Damit die Tierpfleger nicht gebissen werden, gibt es Sicherheitsvorkehrungen.

"Natürlich darf nicht jeder an die Giftschlangen ran", sagt Czok. Vorkenntnisse müssen vorhanden sein. Denn: "Jeder Fehler kann den Tod bedeuten", sagt Ritter.

Daher wird erst einmal der Umgang mit ungiftigen Schlangen begutachtet, bevor es an die giftigen Tiere geht. Außerdem wird ein Gesundheitscheck gemacht. Wer am Herzen erkrankt ist, sollte nicht mit giftigen Schlangen arbeiten.

Wie die Haltung von gefährlichen Haustieren in Deutschland geregelt ist Planet Wissen 29.11.2016 01:37 Min. UT Verfügbar bis 29.11.2021 WDR

Bekommt ein Tierpfleger schließlich die Erlaubnis, mit giftigen Tieren zu arbeiten, sollten immer zwei Personen am Becken stehen, sodass im Notfall einer der beiden Hilfe holen kann.

Gleichzeitig ist die richtige Ausrüstung wichtig: Handschuhe und Haken, um die Schlange von sich wegzuhalten. Bei Spei-Kobras ist außerdem ein Visier oder eine Schutzbrille nötig. Der Pfleger trägt am besten feste Kleidung, sodass kein Gift an die Haut kommen kann.

drei Haken hängen an der Wand

Haken halten die Schlangen vom Körper fern

Nach dem Biss einer Giftschlange: ab ins Krankenhaus!

Ein Gegengift gibt es nicht vor Ort. Der Grund: Es darf nicht verabreicht werden, wenn unklar ist, ob und wie viel Gift in die Blutbahn gelangt ist. Im Zweifelsfall kann das Gegengift sonst gefährlicher sein, als der Biss.

Stattdessen wird bei einem Biss die Klinik angerufen, der Betroffene wird mit einem Hubschrauber schnellstmöglich in ein Krankenhaus gebracht und nach einem Bluttest versorgt, sagt Ritter.

Nach Angaben von Silvana Czok gab es seit der Übernahme des Terrazoos 2011 keinen Giftbiss in der Auffangstation.

Bisse von ungiftigen kleinen Schlangen sind hingegen häufig: "Das gehört dazu. Man merkt das kaum. Das ist wie wenn man in eine Brennnessel fasst", sagt Czok. Auch Ritter nimmt es mit Humor. Er hält eine kleine ungiftige Schlange und sagt zu ihr: "Wenn du mich beißt, kommst du auf den Grill." Zwei Mal musste er schon nach einem Biss ins Krankenhaus.

Auf einem Zettel ist ein Totenkopf zu sehen

Vorsicht: Giftig!

Gefahrentierschulungen statt Verbot

Damit das aber nicht mit giftigen Schlangen passiert, macht Kevin Ritter extra eine spezielle Gefahrentierschulung. In seiner Ausbildung kommen Reptilien nämlich eigentlich erst im dritten Lehrjahr vor.

In der Schulung lernt er unter anderem den richtigen Umgang mit giftigen Tieren, Sicherheitsvorkehrungen und die wissenschaftlichen Namen der Tiere. Denn die gelten weltweit.

So eine Schulung würde sich auch Czok für alle Tierhalter wünschen. "Viele sind dafür, die Haltung generell zu verbieten – wir nicht!" Denn dann würde es noch mehr Unfälle geben, sagt Czok. "Das ist wie mit Süßigkeiten und Kindern. Man mag verbotene Sachen."

Stattdessen sollten Tierhalter eine Art "Führerschein für Giftschlangen" machen müssen, den sie nur nach einer bestanden Prüfung erhalten. Zudem sollte das entsprechende Material wie Haken und ein Notfallplan zu Hause vorhanden sein.

Junger Mann steht vor einem Terrarium mit einer Schlange in der Hand

Azubi Ritter hat keine Angst, sondern Respekt vor den Reptilien

Den Schlangen gegenüber: keine Angst, aber Respekt

"Wenn sie Ahnung haben, finde ich es nicht schlimm, wenn jemand Gifttiere hält. Ich finde es schlimm, wenn ein Tierhalter nichts über die Tiere weiß. Das ist wie mit einem Hund: Da muss man ja auch vorher wissen, wie groß er wird und wie viel Auslauf er braucht", sagt Ritter.

Ritters Lieblingstiere im Zoo sind die Weißlippenbambusottern: "Da gehe ich jeden Morgen hin und gucke." Als sie klein waren, durfte Ritter die giftigen Reptilien aufpäppeln. Angst hat er aber eher weniger, stattdessen Respekt vor dem Tier und davor, was es kann.

Vermittlung

Die Auffangstation vermittelt Tiere. "Aber nicht an jeden X-beliebigen", sagt Czok. Interessierte müssen unter anderem Erfahrung in der Terraristik und in der Sachkunde haben. Außerdem muss die artgerechte Haltung langfristig sichergestellt sein. Dazu werden unter anderem die Platzverhältnisse geprüft.

Beratung

Als eine ihrer Aufgaben versteht die Auffangstation die Beratung bei Fragen zur Haltung von exotischen und giftigen Tieren.

Autorin: Lisa Tüch

Stand: 13.09.2017, 15:23

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