Blinde wieder sehen lassen – Interview mit Prof. Eberhart Zrenner

Gast Prof. Dr. Eberhart Zrenner

Sehen

Blinde wieder sehen lassen – Interview mit Prof. Eberhart Zrenner

Eberhart Zrenner und sein Team haben eine Sehprothese entwickelt, die blinde Menschen mit erblichen Netzhauterkrankungen wieder sehen lässt. 41 Patienten wurde dieser Netzhautchip bisher implantiert. Wie Eberhart Zrenner die Idee zu dem Chip kam, und warum sein Jugendhobby ihm half, die Idee umzusetzen, erklärt er im Interview mit Planet Wissen.

Herr Prof. Zrenner, warum haben Sie eine Sehprothese erfunden?

Eberhart Zrenner: Als Augenarzt habe ich in meiner Tübinger Spezialsprechstunde schon viele Patienten mit der Krankheit Retinitis pigmentosa betreut.

Es ist schrecklich, wenn Sie einem 20-jährigen Menschen sagen müssen, dass seine Sehfähigkeit immer schlechter wird, dass ein hohes Erblindungsrisiko besteht und wir keine Behandlungsmöglichkeit haben. Als Uniprofessor habe ich mich gefragt, ob wir nicht doch was tun können. Wenn nicht wir, wer sonst?

Wie sind Sie auf die Idee zu dem Seh-Chip gekommen?

Es kam einiges zusammen: Schon als Kind war ich ein leidenschaftlicher Radiobastler, später habe ich neben Medizin auch Elektrotechnik studiert. Bevor ich Augenarzt wurde, habe ich mich in den USA und bei der Max-Planck-Gesellschaft viele Jahre mit elektrischen Ableitungen von Netzhautzellen beschäftigt. Das nötige technische Interesse und biologisches Know-how waren also da.

Dann machte das Bundesministerium für Bildung und Forschung 1994 eine Ausschreibung: Die Frage war, ob es möglich sei, etwas dem Cochlea-Implantat Vergleichbares für Gehörlose auch für Blinde zu entwickeln.

Ich habe den biologisch-technischen Ansatz vertreten und ein interdisziplinäres Forscherteam dafür begeistern können. Wir haben uns dann gemeinsam an diesem Wettbewerb beteiligt.

Es folgten 20 Jahre Entwicklung. Gab es in dieser Zeit nie ethische Bedenken, Menschen einen Chip ins Gehirn zu pflanzen?

Wir haben diese Fragen mit Ethikern ausführlich diskutiert. Aber wir implantieren ja nicht direkt ins Gehirn, sondern in Augen von Vollblinden. Was wir machen, ist eher zu vergleichen mit einer Beinprothese.

Wir produzieren mit dem Chip ja keine zusätzlichen Fähigkeiten oder persönlichkeitsverändernden Eigenschaften, sondern geben in sehr reduzierter Form natürliche Fähigkeiten zurück. Es geht vor allem um mehr Lebensqualität, nachdem alles Sehen verloren gegangen ist. Dazu gehört eine Abwägung von Nutzen und Risiken. Das hat immer überzeugt.

Prof. Eberbart Zrenner (rechts) und sein Patient Shahram Bagheri

Prof. Eberbart Zrenner (rechts) und sein Patient Shahram Bagheri

Der Chip funktioniert und hat Sie weltberühmt gemacht. Was lässt sich an der Technik noch verbessern?

Bisher gibt es weltweit noch nichts, was besseres Sehen bei Vollblinden vermitteln würde. Die Größe des Sehfeldes ließe sich verdoppeln, einfach indem wir zwei Sehchips nebeneinander setzen. Es ist auch denkbar, dass die Kontraste noch besser werden. Farben zu sehen, wird jedoch schwierig werden.

Welche Ziele haben Sie für die nächsten Jahre?

Der Chip soll weltweit bekannt werden, um blinden Menschen mit Netzhautdegenerationen zu helfen. Wir sind dabei, ein Netz aufzubauen mit Zentren, die den Chip implantieren können.

Es geschieht langsam, denn die Kliniken müssen für die Operation geschult werden und Erfahrungen sammeln. Mittlerweile haben wir das schon in London, Oxford, Dresden, Budapest, Singapur und Hongkong erreicht. Daran werde ich weiter arbeiten.

Interview: Claudia Heidenfelder

Stand: 27.03.2014, 12:00

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