Jagd auf dem Prüfstand

Neben einer Tanne ist der Schattenriss eines Jägers mit Gewehr im Anschlag zu sehen, im Hintergrund eine Wiese.

Geschichte der Jagd

Jagd auf dem Prüfstand

Immer wieder steht die Jagdpraxis in Deutschland in der Kritik. Jäger sollen die Wildbestände regulieren und dafür sorgen, dass die Wildschäden in der Land- und Forstwirtschaft nicht ausufern. Ein Blick auf die Statistik belehrt zeigt jedoch: Bei manchen Arten steigen die Zahlen kontinuierlich, bei anderen gehen sie gegen Null. Sieht so eine funktionierende Wildtierregulation aus?

Jagdhandwerk in Zahlen

Jedes Jahr werden von Bund und Ländern die Abschusszahlen des Vorjahres veröffentlicht. Es handelt sich dabei um die erlegten Tiere, die von den Jägern gemeldet wurden. Da die realen Wildbestände bislang nicht erfasst werden können, dient diese Methode seit jeher als Richtwert für die Tierbestände.

Schon auf den ersten Blick ist zu erkennen, dass bei vielen Tieren wie zum Beispiel dem Schalenwild (Rehe und Wildschweine) die Zahlen in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich angestiegen sind, während bei Rebhühnern oder Feldhasen ein drastischer Rückgang zu verzeichnen ist.

Die punktuellen Einbrüche sind mit besonders kalten Winter- oder Frühjahrstemperaturen bei anhaltenden Niederschlägen zu erklären. 

Grafik: Geschossene Tiere pro Jahr

Die Zahl der geschossenen Tiere steigt kontinuierlich an

Auch wenn die Abschusszahlen nur ein grober Indikator für die realen Wildtierzahlen sind – eine gelungene Wildtierregulation sieht anders aus und legt eher einen horizontalen Verlauf der Linie nahe.

Jäger vernachlässigen ihre Pflichten

Die Bedingung hierfür wäre allerdings, dass die Jäger in jedem Jahr den Zuwachs der Population wieder zurückregulieren. Das scheint nicht zu funktionieren. Überhaupt entsprechen diese Zahlen nicht dem häufig gehörten Vorurteil, dass Jäger nicht genug bekommen können vom Erlegen der Wildtiere.

In vielen Revieren beklagen sich die Förster und Landwirte eher über nachlässige Jäger, die ihren Pflichten nicht nachkommen, während die Wildschäden immer weiter zunehmen.

Die meisten Jäger sind Freizeitjäger und haben, wie so viele, zu wenig Zeit für ihr Hobby. Wer kann es ihnen verdenken, dass niemand tagelang auf dem Hochsitz auf ein Wildschwein warten will.

Außerdem sind die Jagdpachtpreise mitunter beträchtlich und die Jagdpächter erwarten deshalb einen entsprechenden Gegenwert.

Hohe Wildbestände scheinen da das probate Mittel zu sein. Nicht selten lässt sich beobachten, dass Jäger das Wild füttern, was ihnen eigentlich untersagt ist. Gerade im Winter werden auf diese Weise die natürlichen Regulatoren der Wildbestände, nämlich Kälte und Nahrungsmangel ausgeschaltet.

Der Ruf nach mehr Professionalisierung

Auch lautet der Vorwurf vieler Jagdkritiker, dass die Jäger das Wild falsch bejagen, indem sie fast das ganze Jahr zur Jagd gehen und so die Tiere scheu machen.

Neuere Wildmanagementkonzepte raten eher dazu, dem Wild längere Ruhezeiten zu gönnen, damit es häufiger aus dem Wald herauskommt und sich dadurch auch der Verbiss an den Bäumen reduziert.

Röhrender Rothirsch steht auf freier Fläche

Ein kapitaler Rothirsch – für viele Jäger eine begehrte Trophäe

Dieses Wildmanagement verlangt allerdings in den verbleibenden Jagdzeiten ein besonders effektives Bejagen, was sich nur durch ein revierübergreifendes Jagdkonzept realisieren lässt, das geplant und professionell umgesetzt werden muss.

Die Rede ist zum Beispiel von sogenannten Regiejagden, bei denen sich der einzelne Jäger oder Revierpächter einer Gruppenstrategie unterordnen muss.

Es geht dabei auch um Fortbildungs- und Schießnachweise, um die Fähigkeiten mit der Waffe ständig zu trainieren, aber auch das einmal gelernte Fachwissen immer wieder auf den neusten Stand zu bringen.

Eine solche Professionalisierung würde nach Meinung der Jagdkritiker die Jagd effektiver machen und die hohen Bestände auf ein für Forst- und Landwirtschaft verträgliches Maß reduzieren.

Solche Forderungen kollidieren allerdings mit den Freizeitinteressen vieler Jäger, die das freie und selbstbestimmte Jagen nach Waidmannsart bevorzugen.

Unser Ökosystem sendet falsche Signale

Die Jäger sehen sich nicht als "Schädlingsvernichter“, die dafür zu sorgen haben, dass Land- und Forstwirtschaft ungestört immer höhere Erträge auf ihren Flächen erwirtschaften können und die zusehen, wie die Naturräume nach und nach verschwinden.

Die Anbauflächen vieler Nutzpflanzen wie zum Beispiel Mais und Raps haben sich in der Tat seit den 1960er Jahren fortlaufend vergrößert. Viele erstrecken sich bis direkt an den Waldrand.

Grafik: Anbaufläche Mais Raps (Grafik SWR)

Seit den 1960er Jahren haben die Anbauflächen von Mais und Raps stetig zugenommen

Dazu kommt die fortschreitende Klimaerwärmung. Dadurch werden die Winter milder und die Bäume hängen fast jedes Jahr voller Eicheln, Kastanien und Buchäckern.

Das bedeutet einen reich gedeckten Tisch für einige Populationen wie Wildschweine und Rehe, die zudem genügend Unterschlupf in den modernen Agrarsteppen finden.

Diese optimalen Lebensbedingungen senden ein klares Signal an die Tiere. Nämlich, dass das Ökosystem reichlich Platz für einen noch größeren Bestand bietet.

Gleichzeitig gibt es kaum noch Brachen im Freiland oder Waldflächen, die nicht unter forstwirtschaftlicher Nutzung stehen. Unsere Landschaft ist zu einer reinen Kulturlandschaft geworden, in der das Wild eigentlich überall stört, egal ob es sich im Wald oder außerhalb des Waldes aufhält. 

Die Situation verschärft sich

Dieses Problem besteht zurzeit in ganz Europa und führt zu einer Deregulation der Wildbestände, die weitere Konsequenzen nach sich ziehen könnte.

Seit die afrikanische Schweinepest in Osteuropa angekommen ist, wird befürchtet, dass durch die hohen Wildschweinbestände früher oder später die Krankheitserreger auch in die Tiermastanlagen eingeschleppt werden könnten und ganze Bestände gekeult werden müssen.

Eine Rotte Wildschweine im winterlichen Wald

Wildschweine vermehren sich rasant und drohen zur Plage zu werden

Es besteht Handlungsbedarf auf allen Ebenen. Mehr Jagen ist dabei nur eine der Optionen. Eine gute Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Lagern wäre eindeutig hilfreicher, anstatt sich gegenseitig den schwarzen Peter zu zuschieben.

Autor: Jörg Wolf

Stand: 02.11.2017, 14:00

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