"Es gibt keine gefährlichen Haie, nur gefährliche Situationen"

Haie

"Es gibt keine gefährlichen Haie, nur gefährliche Situationen"

Haie gelten manchen als Killermaschinen, die Menschen fressen. Als Schrecken der Meere. Blödsinn, sagt Erich Ritter. Der Schweizer Biologe forscht seit mehr als 35 Jahren an Haien. Auf den Bahamas lehrt er, wie Taucher mit den Meeresbewohnern am besten umgehen. Die meisten Haiunfälle ließen sich vermeiden – davon ist Ritter überzeugt.

Planet Wissen: Herr Ritter, wie sind Sie auf den Hai gekommen?

Weißer Hai mit weit aufgerissenem Maul.

Wer bleibt da schon ruhig? Ein weißer Hai zeigt die Zähne

Erich Ritter: Mit sieben Jahren hatte ich wegen irgendwas Hausarrest. Das war langweilig. Also habe ich heimlich den Fernseher angemacht. Und da lief ein Film über Haie. Das hat mich fasziniert. Später sah ich den Film Doktor Dolittle mit Rex Harrison. Da habe ich zu meiner Mutter gesagt: Ich will auch mit Tieren sprechen - und zwar mit Haien! Ich will Haidoktor werden. Und das habe ich dann auch gemacht.

Und, können Sie inzwischen mit Haien sprechen?

Haie sprechen ja nicht so wie wir Menschen. Aber sie kommunizieren untereinander. Und auch mit dem Menschen - was sehr selten ist. Der Grund: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ein Hai auf einen Menschen trifft. Wir können aber lernen, die Körpersprache der Haie zu verstehen, die Situation aus ihrer Perspektive zu sehen.

Warum fürchten sich so viele Menschen vor Haien?

Wenn wir nicht sehen können, was auf uns zukommt, fürchten wir uns. Und das ist im Wasser der Fall. Hinzu kommt eine Urangst aus der Zeit, als der Mensch noch großen Landraubtieren ausgeliefert war: die Angst, gefressen zu werden. Und das trauen wir dem Hai zu - obwohl wir nicht auf seinem Speiseplan stehen. Das Wasser ist zudem ein fremdes Element für uns: Darin können wir uns nicht so bewegen wie an Land. Wir haben keine Kontrolle. Das ängstigt uns!

Und: Der Hai ist kein Sympathieträger. Er hat weder ein Kuschelfell noch Gefieder oder ausdruckvolle, runde Augen; sein Gebiss erinnert an ein zynisches Grinsen.

Wie gefährlich sind Haie für den Menschen?

Die weltweiten Zusammenstöße mit Haien erfasst das Global Shark Attack File in Princton. Die Anzahl ist über Jahre konstant geblieben: rund 80 bis 100 Zusammenstöße pro Jahr - darunter sind auch die Fälle, in denen ein Hai einen Menschen nur im Vorüberschwimmen gestreift hat.

Rund zehn Menschen sterben jedes Jahr durch Haiunfälle. Zum Vergleich: Flusspferde töten durchschnittlich rund 2900 Menschen, Elefanten 500 und Schlangen bis zu 90.000. Aber: Jeder Mensch, der durch einen Hai stirbt, ist einer zu viel. Daher versuchen wir, Menschen auf Begegnungen mit Haien vorzubereiten.

Ein Flusspferd mit weit aufgerissenem Maul im Wasser.

Flusspferde sind sehr aggressiv

1992 haben wir auf den Bahamas die Sharkschool gegründet. Dort beschäftigen wir uns ausschließlich mit der Hai-Mensch-Beziehung. Wir vermitteln, wie ein Hai denkt und agiert. Zu unseren Kunden zählen etwa Menschen, die in ihrem Beruf Haien begegnen: Taucher, Surfer, Lifeguards, Forscher oder Marine-Kampfschwimmer. Oder Menschen, die sich besonders für diese Tiere interessieren. Auch Menschen, die eine Haiphobie haben, kommen zu uns. Mein Lieblingsbegriff in diesem Zusammenhang ist Angstzination: Wir wollen die Angst vor Haien in Faszination verwandeln. Wir betreiben auch aktive Interaktionsforschung. Wir rekonstruieren Unfälle, schauen, was schiefgelaufen ist und warum es zu einer Verletzung oder einem Todesfall kam.

Wie läuft so ein Kurs ab?

Ein Weißer Hai springt aus dem Wasser, um eine Robbe zu fangen.

Haie sind Jäger. Menschen stehen aber nicht auf dem Speiseplan

Ein Kurs dauert eine Woche und besteht aus Theorie und Praxis. Wir erklären den Teilnehmern einiges über Haie, ihr Verhalten und ihre Wahrnehmung. Wir machen mit ihnen Entspannungsübungen, damit sie sich im Ernstfall selbst beruhigen und kontrollieren können. Und wir gehen mit ihnen ins Meer, schwimmen zwischen Haien und begleiten ihre ersten Begegnungen mit Haien.

Worauf muss man achten, wenn man einen Hai trifft?

Wichtig ist: Ruhe bewahren, nicht wegschwimmen! Ein Hai wird immer eine gewisse Distanz wahren und nicht einfach auf einen zuschwimmen und zubeißen. Er hat eine Art Intimzone von ein bis zwei Körperlängen. Hält ein Mensch diese nicht ein, fühlt der Hai sich bedroht.

Weißspitzenhai mit Pilotfischen vor Hawaii.

Pilotfische eskortieren einen Weißspitzenhai vor Hawaii

Je ruhiger und kontrollierter ich mich bewege, desto entspannter wird auch die Begegnung mit dem Hai ablaufen. Haie spüren Angst und Stress ihres Gegenübers. Den eigenen Puls kontrollieren zu lernen - etwa durch autogenes Training - ist für die Begegnung mit einem Hai sehr hilfreich.

Das scheint nicht immer zu helfen: 2002 hat Sie ein Hai angegriffen.

Ja, das war während der Dreharbeiten zu einer Dokumentation. Einer meiner Mitarbeiter hatte nicht aufgepasst und mir nicht signalisiert, dass ein Bullenhai von hinten anschwimmt. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Hai eine Person genauer auskundschaften will.

Haie wollen wissen, was dieses unbekannte Wesen ist. Wenn man sich ihnen zuwendet und sie wegdrückt, ist alles gut. Ich habe mich nicht umgedreht! Ich wusste ja nicht, dass er da war. Leider ging das erste Anstoßen in einen Probebiss über. Das Tier geriet in Stress, konnte nicht wegschwimmen und biss ein noch einmal zu. Ich verlor meine Wade - und wäre fast verblutet.

Trotzdem setzen Sie sich weiter für die Haie ein.

Einem lebenden Hai wird die Flosse abgeschnitten.

Mensch und Hai: Wer ist für wen gefährlicher?

Natürlich. Haie sind wunderbare und sensible Tiere. Sie sind sozial, pflegen wahre Freundschaften. Der Hai ist der König der Meere. Er kontrolliert die maritimen Nahrungsketten. Ohne ihn würde das Ökosystem zusammenbrechen. Der Mensch hat die Bestände jedoch beängstigend verringert: durch die Fischerei und das Finning, das Abschneiden der Schwimmflossen bei lebendigem Leib.

Der Mensch tötet zwischen 70 und 100 Millionen Haie jedes Jahr. Nicht der Mensch muss den Hai fürchten, sondern der Hai den Menschen. Wir müssen aufhören, die Natur beherrschen zu wollen. Wir sollten wieder begreifen, dass wir nur ein Teil der Natur sind. Wir können nicht nur Tiere schützen, die wir mögen und niedlich finden.

Interview: Barbara Garde

Stand: 21.11.2014, 12:00

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