Tierwanderungen – Tierbeobachtung

Ein Waldrapp mit solarbetriebenem GPS-Sender.

Tierwelt

Tierwanderungen – Tierbeobachtung

Von Cora Richter

Mit kleinen GPS-Sendern können heute von praktisch jeder Tierart sämtliche Bewegungen rund um die Uhr automatisch erfasst und gespeichert werden. Die Anwendungsmöglichkeiten, die sich aus den Daten ergeben, scheinen grenzenlos.

Der Fettschwalm – vom Samenvernichter zum Samenverbreiter

Erst mit dem Beginn der systematischen Vogelberingung, wie sie etwa an der deutschen Vogelwarte Rossitten ab 1901 durchgeführt wurde, begann sich das Geheimnis um den Vogelzug zu lüften. Die kleinen Aluminiumringe sind inzwischen weitgehend durch winzige GPS-Sender ersetzt, die bei praktisch jeder Tierart eingesetzt werden können.

So können sämtliche Bewegungen rund um die Uhr automatisch erfasst und gespeichert werden. Die Anwendungsmöglichkeiten, die sich aus den Daten ergeben, scheinen grenzenlos zu sein.

Gerade alltägliche Bewegungsmuster geben den Forschern um den Verhaltensbiologen Martin Wikelski immer wieder neue Einblicke in das Verhalten der per Sender überwachten Tiere, wie das Beispiel des sogenannten Fettschwalms aus Venezuela zeigt.

Unter den Vögeln ist der Fettschwalm der einzige nachtaktive Früchtefresser weltweit und galt lange Zeit als "Schmarotzer" des Regenwaldes. Jede Nacht ziehen die Tiere auf der Suche nach reifen Früchten durch die Wälder. Am Tag kehren sie dann in große Erdhöhlen zurück, wo die Samen, die über den Kot ausgeschieden werden, in völliger Dunkelheit verrotten – so die Annahme.

Durch die Besenderung ergab sich ein neues Bild: Die Tiere sind oft mehrere Tage im Wald unterwegs und schlafen tagsüber in den Bäumen. Der Samen fällt dabei mit einer Portion Dünger versehen auf fruchtbaren Waldboden, sodass neues Pflanzenleben heranwachsen kann.

Erst nach einigen Tagen kehren die Vögel dann wieder zum Schlafen in ihre Höhle zurück. Fettschwalme werden aufgrund dieser Erkenntnisse inzwischen als wichtige Samenverbreiter im Amazonasgebiet betrachtet.

Die Gärtner Afrikas – Palmenflughunde in Ghana

Ganz ähnlich ist die ökologische Bedeutung der afrikanischen Flughunde. Als reine Vegetarier ernähren sich die Tiere ausschließlich von den Früchten des Waldes. Dazu verlassen sie abends ihre Schlafbäume und ziehen zu ihren Futterplätzen in die tropischen Wald- und Savannengebiete. Dabei legen sie bis zu 400 Kilometer zurück.

Auch sie scheiden die Samen der Pflanzen über ihren Kot wieder aus und pflanzen so Millionen Bäume quer durch Afrika. Kein Wunder, dass Flughunde auch als "Gärtner Afrikas" bezeichnet werden.

Doch die Flughunde werden noch aus einem anderen Grund mit Sendern versehen: Die Tiere werden für den Ausbruch der Ebola-Epidemie 2014 verantwortlich gemacht. Fledermäuse und Flughunde sind schon länger als Wirtstiere gefährlicher Viren bekannt. Für die Tiere ist die Erkrankung meist harmlos, allerdings können sie die Viren über Speichel, Kot oder Blut verbreiten und so letztendlich auch Menschen anstecken.

Da einmal infizierte Fledertiere den Antikörper des Virus im Blut aufweisen, können die Forscher – über die Wanderbewegungen der besenderten Tiere – auch Aussagen über die Ausbreitung von Viren wie Ebola treffen. Ein riesiger Erfolg für die Wissenschaft!

Die Gärtner Afrikas Planet Wissen 09.01.2017 02:23 Min. Verfügbar bis 09.01.2022 SWR

Ansteckungskreislauf Wildtier – Nutztier – Mensch

Etwa 70 Prozent aller großen Epidemien wie HIV, SARS, Schweinegrippe und Vogelgrippe entstehen durch die Interaktion zwischen Wildtieren, Nutztieren und Menschen. Bei der Verbreitung der Erreger spielen die rund 20 Milliarden Zugvögel, die jedes Jahr unterwegs sind, eine wichtige Rolle.

So werden in China, wo am häufigsten Vogelgrippe-Pandemien entstehen, Enten besendert. Das Ziel der Forscher ist es, mithilfe von Wildvögeln ein Beobachtungs- und Überwachungssystem für die Ausbreitung von Grippeviren oder anderen Krankheiten aufzubauen.

Dabei werden die Bewegungen der Tiere in der online zugänglichen Datenbank "Movebank" abgespeichert. Movebank gilt als der weltweit größte Online-Speicher für tierische Wanderungen. Ergänzt mit Informationen über den Gesundheitszustand der Vögel werden die Daten zu einem effektiven Überwachungsinstrument.

Sowohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als auch die amerikanische Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation haben großes Interesse an diesen Forschungsarbeiten.

Zwei Enten an einem steinigen Strand.

Bei dieser Stockente werden auch Herzschlag und Körpertemperatur erfasst

Tierbeobachtung aus dem Weltall

Um an die Daten der GPS-Sender zu kommen, sind die Forscher jetzt sogar bis ins Weltall vorgedrungen. Genauer: zur Internationalen Raumstation ISS. Denn gerade die ISS bietet optimale Voraussetzungen: In eineinhalb Stunden umrundet sie einmal die Erde. Und das mit rund 400 Kilometern Höhe sehr viel niedriger als die meisten anderen Satelliten.

Im Sommer 2018 wurde eine spezielle Antenne auf dem russischen Modul der ISS angebracht. Mit ihrer Hilfe sollen die Daten aus den speziell entwickelten Tiersendern ausgelesen und zum Kontrollzentrum in Oberpfaffenhofen weitergeleitet werden. Und zwar bei jedem Überflug.

Icarus heißt dieses Projekt, wobei Icarus für "International Cooperation for Animal Research Using Space" steht. Prototypen der Icarus-Sender wiegen gerade noch fünf Gramm und sind nicht größer als ein Daumennagel. Die solarbetriebenen GPS-Minisender sollen künftig noch leichter werden, damit auch die Knirpse im Tierreich – wie etwa Insekten – das Gerät tragen können.

"Die Tiere", erläutert Martin Wikelski, "können unsere Augen und Ohren sein. Und für uns den Puls des Planeten erspüren." Seine Vision bei diesem Langzeitprojekt ist die gleiche wie schon bei Alexander von Humboldt vor 200 Jahren: das globale Zusammenspiel des Lebens zu entschlüsseln.

Projekt Icarus – Wie Satelliten Forschern helfen Planet Wissen 17.12.2018 03:32 Min. Verfügbar bis 17.12.2023 WDR

Stand: 25.10.2017, 09:31

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