Katastrophenvorhersage – der sechste Sinn der Tiere

Ein Wasserbüffel wird besendert.

Tierwanderungen

Katastrophenvorhersage – der sechste Sinn der Tiere

Von Cora Richter

Vor Naturkatastrophen verhalten sich Tiere oft ungewöhnlich: 1975 etwa fand man nahe der chinesischen Metropole Haicheng etliche Schlangen, die mitten im Winter aus ihren Verstecken gekrochen und im Schnee erfroren waren. Kurz darauf wurde die Millionenstadt von Erdstößen der Stärke 7,3 erschüttert. Im März 2009 verschwanden am Ruffino-See in den italienischen Abruzzen plötzlich mitten in der Laichsaison sämtliche Erdkröten: Wenige Tage später zerstörte ein Erdbeben die nahe gelegene Stadt L’Aquila.

Hühner und Wasserbüffel als Lebensretter

Als 2004 der verheerende Tsunami in Südostasien auf die Küste zurollte, flohen Elefanten, Wasserbüffel und Hühner ins Landesinnere. Einige Bewohner der Insel Simeuluё erinnerten sich an die Überlieferungen ihrer Vorfahren und deuteten das seltsame Verhalten von Wasserbüffeln und Hühnern richtig. So konnten sie sich rechtzeitig vor der Flutwelle in Sicherheit bringen.

Berichte über außergewöhnliches Verhalten von Tieren mit anschließendem Ausbruch einer Naturkatastrophe gibt es reichlich – schon seit der Antike. Wissenschaftliche Studien dazu sind dagegen rar. Eigentlich kaum zu glauben, bei dem Potenzial, das im sechsten Sinn der Tiere steckt.

Frühwarnsystem auf vier Beinen

An den Hängen des Ätnas – Europas aktivstem und gefährlichstem Vulkan – haben Forscher um den Verhaltensbiologen Martin Wikelski eine Studie durchgeführt. Sie statteten Ziegen, die am Ätna weiden, mit GPS-Halsbändern aus. Die Ziegenhaltung ist auf Sizilien eine jahrhundertealte Tradition.

Einen Sommer lang, in dessen Verlauf es sieben größere Ausbrüche am Vulkan gab, wurde jede Bewegung der Ziegen aufgezeichnet. Die Forscher interessierten sich besonders für das Verhalten der Tiere kurz vor einem Ausbruch. Und tatsächlich: Rund vier bis sechs Stunden vor einem Vulkanausbruch zeigen die Tiere ein verändertes, auffälliges Verhalten.

Offensichtlich haben die Tiere ein feines Gespür für die Vorgänge im Inneren des Vulkans. Erstmalig belegt damit eine wissenschaftliche Studie, dass Tiere wirklich einen sechsten Sinn haben. Könnten wir also künftig Tiere als Biosensoren für bevorstehende Naturkatastrophen einsetzen?

Eine Ziegenherde.

Eine Ziege mit Halsbandsender

Albatrosse warnen vor Wirbelstürmen

So sind Meteorologen sehr an Albatrossen interessiert. Die Vögel fliegen in niedriger Höhe über den Ozean, in einer Zone, die auch für die Entstehung von Wirbelstürmen wichtig ist. Könnte eine Beobachtung der Tiere eventuell Voraussagen ermöglichen, wann und wo solche Stürme entstehen?

Einen ganz andere Vorhersage würde die Beobachtung von Störchen ermöglichen. Große Ansammlungen dieser Tiere finden sich häufig dort, wo eine Heuschreckenplage die Tiere sich quasi am gedeckten Tisch versammeln lässt. Wandernde Heuschreckenschwärme vernichten jedes Jahr ganze Ernten. Rund ein Fünftel der Weltbevölkerung ist davon betroffen.

Störche auf einem Feld in Marokko

Könnten Störche eine Heuschreckenplage ankündigen?

Damit sich aber aus Tierbewegungen handfeste Regeln oder Voraussagungen ableiten lassen, müssen die Forscher weltweit möglichst viele tierische Spezies mit Sendern versehen und lernen, die gewonnenen Daten richtig zu interpretieren. Ziel der Forscher um Martin Wikelski ist es, mithilfe der Tierwelt künftig ein weltweites Katastrophen-Monitoring aufzubauen.

Stand: 25.10.2017, 09:28

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