"Wir schlittern in eine Katastrophe"

Portrait von Jens Petermann im Studio.

Lebendiger Boden

"Wir schlittern in eine Katastrophe"

Der Brandenburger Landwirt Jens Petermann hatte im Jahr 2007 mit massiven Erosionen zu kämpfen. Ausgelöst wurden sie durch Regenfälle – und durch mangelndes Bodenleben. Für Jens Petermann ein Schlüsselerlebnis. In den folgenden Jahren befasste er sich intensiv mit dem Boden und der Frage, wie man ihn in der Landwirtschaft möglichst gut behandeln kann.

Planet Wissen: Herr Petermann, Sie mahnen, dass im Umgang der Landwirte mit dem Boden dringend ein Umdenken nötig ist. Warum, die Erträge sind doch hoch?

Jens Petermann: Das stimmt. Aber: So wie wir jetzt mit dem Boden umgehen, schlittern wir in eine Katastrophe. Ich vergleiche das mit den Leistungen eines Hochleistungssportlers. Der geht auch ganz zielgerichtet und mathematisch her und fragt sich: Was brauche ich für ein bestimmtes Ergebnis, welche Mittel helfen mir dabei? So behandeln wir den Boden im Normalfall.

Welche Mittel sind das beim Boden?

Mineraldünger steigert die Leistung, also die Höhe der Ernte. Kommt ein Schädling, werden massenweise Pestizide eingesetzt. Die töten nicht nur die Schädlinge, sondern auch die anderen Bodenlebewesen. Dazu kommen Fungizide und Herbizide zum Einsatz. Das Ergebnis ist ein künstlich aufgebautes System.

Eine Hacke und ein Unkrauteimer stehen in einem Gemüsebeet.

Mineraldünger steigert den Ertrag

... das nicht funktioniert?

Auf den ersten Blick scheint es zu funktionieren, was die Ergebnisse betrifft. Die langfristigen Folgen sieht man normalerweise nicht. Denn der Boden und seine Lebewesen sind ein sehr komplexer Lebensraum, dessen Gleichgewicht wir nicht künstlich erhalten können.

Ich vergleiche all die Mikro- und Makroorganismen in einem gesunden Boden, also Würmer, Milben und Bakterien und viele mehr, mit einem Immunsystem: Töten wir sie ab, können sich der Boden und die Pflanzen, die in ihm wachsen, nicht mehr aus eigener Kraft gegen Angriffe wehren.

Die Anfälligkeit für Krankheiten steigt. Dadurch braucht es immer mehr Dünger, immer mehr Pestizide. Das läuft nach dem beliebten Prinzip unserer Gesellschaft: Höher, schneller, weiter.

Was passiert eigentlich mit den chemischen Substanzen im Boden?

Auch die werden normalerweise von Mikroorganismen zersetzt und verstoffwechselt. Sind nur noch wenige Organismen im Boden, dann bleiben die Substanzen dort dauerhaft.

Heute ist Ihr Boden wieder in einem guten Zustand, was waren Ihre wichtigsten Maßnahmen?

Den Boden von oben zu bedecken und zu schützen, durch Bewuchs und Mulchen. Sehr wichtig für eine gesunde Bodenstruktur ist, ihn ganzjährig zu durchwurzeln. Und ich setze heute auf Artenvielfalt.

Mein Vorbild ist der Waldboden, in dem ein dauernder Stoffkreislauf herrscht und der Boden gesund ist. Heute ist mein Acker nicht mehr klinisch rein, da wächst einiges, was ich nicht gesät habe. Aber da muss man tolerant sein, anders geht’s nicht.

Nach den Erosionen auf Ihrem Acker haben Sie sich jahrelang intensiv mit dem Thema Boden und seinem Schutz befasst. Wie war es vorher, wussten Sie zu wenig?

Ich bin studierter Agraringenieur, habe eine Ausbildung, Berufserfahrung, mich regelmäßig als Landwirt beraten lassen und alle Auflagen eingehalten. Ich dachte, dass ich alles richtig mache. Und bis dahin hatte auch alles ganz gut funktioniert. Hätte ich vor den Erosionen die Zusammenhänge gekannt, wäre ich mit dem Boden auf meinen Äckern schon früher anders umgegangen.

Zwei Hände berühren vorsichtig ein kleines Pflänzchen im Beet.

Mulchen ist wichtig für eine gesunde Bodenstruktur

Dass sich ein konventioneller Landwirt so intensiv mit dem Thema Bodenschutz auseinandersetzt, ist eher eine Ausnahme. Warum eigentlich, der Boden ist doch die Existenzgrundlage jedes Landwirts?

Es gibt mehrere Gründe. Der Fehler liegt im System. Im Studium habe ich das auch nicht gelernt. Vielen Landwirten fehlt, genau wie den meisten anderen Menschen, schlicht das Wissen über den Boden.

Oder über die Folgen, die die übliche Bewirtschaftung auf die Bodenlebewesen hat, zum Beispiel mit dem Pflug. Dabei ist gerade das tiefe Pflügen ein massiver Eingriff und wirkt sich sehr negativ auf das Bodenleben aus.

Außerdem stehen die Landwirte unter Druck: Dass ich meinen Boden heute schonend bearbeite, wird sich erst langfristig auszahlen. Zudem sind die Bewirtschafter der Ackerflächen heute oft nicht die Eigentümer. Die haben gar keinen Anreiz, den Boden langfristig zu schützen, weil es sich eben nicht schnell auszahlt und sich diese Investition nicht lohnt.

Sie haben sich Ihr Wissen im Selbststudium angeeignet und sehr viel gelesen. Welche Möglichkeiten gibt es noch?

In der Landwirtschaft gibt es nur wenig unabhängige Beratung mit diesem Systemansatz. Es gibt die Offizialberatung, die wird von Lobbyisten querfinanziert. Die sind fokussiert auf Einzelbaustellen und helfen nicht dem System Boden.

Interview: Katharina Bueß

Stand: 27.11.2015, 11:00

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