"Vielfalt macht ein System stabil"

Portrait-Aufnahme von Volker Kranz im Studio

Lebendiger Boden

"Vielfalt macht ein System stabil"

Volker Kranz widmet sich als Landschaftsgärtner ganz seinem Lieblingsthema: Permakultur. Was das ist, wie man das Prinzip im eigenen Garten umsetzen kann, und warum nichts tun manchmal das Beste für den Boden ist, erklärt er im Interview.

Planet Wissen: Herr Kranz, Ihr Spezialgebiet, Permakultur, ist in Deutschland noch relativ unbekannt. Worum geht es dabei?

Volker Kranz: In der Permakultur geht es um das Herstellen stabiler, langfristiger Systeme. Eine strenge Definition von Permakultur gibt es nicht, aber es gibt einige Regeln. Eine davon lautet: Ein Garten sollte einen Ertrag bringen. Das kann in Form von Ernte sein, Ruhe oder Schönheit. Und Ökologie spielt eine wichtige Rolle.

Was muss ich im Garten tun, damit er ökologisch ist?

Zum Beispiel auf die Auswahl der Pflanzen achten. Zedern etwa sind ökologisch nicht sinnvoll, denn auf sie sind hier keine Tiere angewiesen. Es gibt keine Verbindung zur Tierwelt, ökologisch gesehen könnte man genausogut eine Fernsehantenne in den Boden stecken.

Eichen dagegen bieten einer Vielzahl von Tieren einen Lebensraum, Hirschkäfern, Holzkäfern, Eichhörnchen oder Eichengallwespen. Sie alle brauchen die Eiche, um leben zu können.

Welche Regeln gibt es noch?

Feedback akzeptieren! Wenn ich Spinat pflanze, und der wächst nicht. Stattdessen wächst aber die Melde. Dann sollte ich nicht versuchen, mit allen Mitteln den Spinat hochzupäppeln, sondern stattdessen die Melde essen. Die schmeckt fast genau so.

Welches Prinzip gilt noch?  

Nutze Randzonen! Denn Randzonen sind in der Natur meist sehr produktive Zonen. Also zum Beispiel die Randzonen vom Gemüsebeet oder der Bereich zwischen einem Teich und einer Wiese. In solchen Bereichen findet man ganz viel Leben.

Also ist es sinnvoll, viele Randzonen zu schaffen. Dadurch vermeidet man außerdem Monokulturen und schafft automatisch ein vielfältiges Gelände.

Warum sind Monokulturen überhaupt schlecht, die sind doch sehr beliebt.

Sie sind schlecht für den Boden. Wächst nur eine Pflanze, so entnimmt sie dem Boden einseitig ganz bestimmte Stoffe, wie Kupfer oder Stickstoff. Das führt zu ausgelaugten Böden.

Wachsen dagegen verschiedene Pflanzen mit verschiedenen Interessen, so entnehmen sie dem Boden gleichmäßig diese verschiedenen Stoffe und geben zugleich etwas zurück. Denn auch die Bodenlebewesen fressen ganz unterschiedliche Pflanzenstoffe. Die Vielfalt der Akteure macht ein System stabil.

Gibt es denn ein Rezept, wie man einen Garten im Sinne der Permakultur anlegen kann?

Genau das ist das Problem: Ein Rezept gibt es nicht. Die Lösungen sind sehr unterschiedlich. Es hängt immer davon ab, was ein Garten mitbringt, wie der Boden dort ist und so weiter. Man braucht übrigens nicht mal ein großes Stück Land, um einen Garten anzulegen.

Heißt das, ich kann auch ohne Garten Permakultur betreiben?

Ja! Es genügen kleine Nischen, die man möglichst effektiv nutzt. Das kann ein kleiner Grünstreifen ums Stadthaus sein oder ein Dachgarten. Auch Landwirtschaft fängt nicht erst bei 20 Hektar Land und einem Traktor an.

So wurden in der Sowjetunion 70 Prozent der Lebensmittel nicht in den großen landwirtschaftlichen Produktionsstätten hergestellt, sondern in den Datschen. Die Leute waren gezwungen, Nischen zu nutzen.

Und sie waren erfinderisch: In der Regentonne kann man Wasserlinsen anbauen oder Kürbis auf dem Kompost. Eine weitere Regel lautet übrigens: Betreibe den Garten mit möglichst wenig Aufwand.

Das klingt ja toll ...

Das heißt aber nicht, dass man sich ins Bett legen kann. Sondern, dass man sehr viel beobachten muss. Einfach den Garten und seinen Boden intensiv studieren. Wie reagiert er auf äußere Einflüsse, was wächst, was nicht?

Dazu muss man Arbeit anders definieren. Es geht nicht darum, möglichst aktiv zu sein, zu graben oder zu spritzen. Sondern mit sehr kleinen Eingriffen großen Nutzen zu erzielen. Dafür braucht man einen langen Atem, wird aber im besten Fall mit sehr ertragreichen Systemen belohnt.

Interview: Katharina Bueß

Stand: 27.11.2015, 12:00

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