Meteoritenjäger aus Leidenschaft

Compuntersimulation eines Meteors im Weltall.

Asteroiden

Meteoritenjäger aus Leidenschaft

Für ein Gespräch über Meteoritenkunde nimmt Thomas Grau sich Zeit. Meteoritenkunde ist eine Wissenschaft für sich: Meteoroid, Meteor, Meteorit. Was ähnlich klingt, bezeichnet doch Unterschiedliches: den Ursprungskörper im All, die Lichterscheinung am Himmel, den außerirdischen Stein, der auf die Erde fällt. Da muss man schon genau sein! Dabei ist Thomas Grau alles andere als ein Pedant. Eher ein Schwärmer. Ein moderner Abenteurer. Jemand, der in dunkler Nacht über die Anzahl der Sterne staunt. Jemand, der sein Ingenieursstudium abbricht, um Meteoritenjäger zu werden. Und zwar hauptberuflich!

Ein Leuchten am Sternenhimmel

Seit 2002 sucht Thomas Grau Meteorite.

Thomas Grau

Angefangen hat alles in Eisenhüttenstadt. Hier wurde Thomas Grau 1972 geboren. Sein Vater ist Stahlarbeiter, seine Mutter Laborantin – solide Leute, die über Graus kindliche Leidenschaft für das Universum aber den Kopf schütteln. Meteoritenkunde ist eine Wissenschaft für sich: Meteoroid, Meteor, Meteorit. Was ähnlich klingt, bezeichnet doch Unterschiedliches: den Ursprungskörper im All, die Lichterscheinung am Himmel, den außerirdischen Stein, der auf die Erde fällt.

Die Faszination für die Sterne lässt Thomas Grau nicht los: Mit zwölf Jahren baut er sich sein erstes eigenes Fernglas. Im Studium schließt er sich den “Berliner Sternenfreunden" an, geht regelmäßig auf Exkursion vor die Tore der Stadt und beobachtet den Nachthimmel. Und irgendwann ist es dann so weit: Gleißendes Licht am Firmament. Ein Meteor! Groß und hell und wunderschön! Ein Erlebnis, das Grau nicht vergessen wird.

Und er will mehr erfahren: Wie oft passiert es, dass außerirdische Gesteinsbrocken in die Erdatmosphäre eintreten? Kann er [JK1] die die herunterfallenden Steine auf unserer Erde finden? "Post aus dem Weltall" – so nennt Grau die außerirdische Materie. Und es dauert nicht lange, bis er sich aufmachen wird, um nach dieser Post ganz gezielt zu suchen.

Ein Meteor über Bayern

Am 06. April 2002 stehen in bayerischen Polizeirevieren die Telefone nicht mehr still. Verängstigte Bürger melden Ufos am Nachthimmel. Andere berichten von einem Flugzeugabsturz in der Nähe des Schlosses Neuschwanstein. Dabei war es ein herabstürzender Meteorit, der um 22.20 Uhr für das Himmelsspektakel gesorgt hatte.

Thomas Grau erfährt von dem Ereignis aus der Presse. Er ist zu diesem Zeitpunkt Student. Und er hat Ferien. "Lass uns in die Berge fahren", schlägt er seiner Freundin vor – sie will lieber ans Meer. Doch Thomas Grau stimmt sie um. Die Suche nach einem Meteoriten ist für ihn ein Traum. Und ein Fund wäre für das junge Paar wie ein Sechser im Lotto: Schließlich ist außerirdische Materie auf unserer Erde seltener als Gold. Und damit wertvoll.

Der Fund von Neuschwanstein

Das Märchenschloss Neuschwanstein in Bayern.

In der Nähe des Märchenschlosses findet Grau den Meteorit

Und tatsächlich zahlen sich Graus Überredungskünste aus: "Ich habe vor Freude aufgeschrien, als ich den Stein gesehen habe", erzählt Grau. 1,7 Kilogramm ist der Meteorit schwer. Braun und gelb und rot und wunderschön. Sollte er echt sein, hätten die beiden Studenten einen Schatz geborgen. Sollte er echt sein, würden sie auf einen Schlag viel Geld bekommen. Vorsichtig transportieren sie den Stein in ihr Hotelzimmer, verstecken ihn in einem Strumpf und lassen ihn in den kommenden Tagen nicht mehr aus den Augen.

Wissenschaftler prüfen erst einmal die Echtheit des Steinbrockens. Doch das Warten lohnt sich. Das Land Bayern lässt sich nicht lumpen und zahlt den glücklichen Findern einen fairen Lohn in einem sechsstelligen Bereich. Über Geld spricht Thomas Grau nicht. Aber Experten schätzen, dass der Fund dem Studentenpaar 250.000 Euro einbrachte.

Der Mut, etwas Neues zu beginnen

Der Meteorit Neuschwanstein 1.

250.000 Euro soll der Meteorit wert sein

Sterne bestimmen unser Leben – bei Grau stimmt dieser Aberglaube wohl. Für ihn bricht mit dem Meteoritenfund eine neue Zeit an, privat und beruflich. Am Jahrestag des Funds von Neuschwanstein heiratet er. Und zwar die Frau, die er zu der Reise in die Alpen erst mühsam überreden musste. Und er bricht sein Ingenieursstudium ab.

"Seitdem warte ich darauf, dass die Arbeit vom Himmel fällt", sagt er schmunzelnd. Ein Witz, den seine Eltern allerdings alles andere als ulkig fanden. Wie ein Spieler verhalte er sich, schimpfen sie. Wer einmal gewinne, könne schließlich nicht damit rechnen, erneut den Jackpot zu knacken

Das richtige Suchen

Und tatsächlich muss auch Grau einsehen, dass die Meteoritenjagd kein einfaches Geschäft ist. Die Arbeitseinsätze sind schwer planbar. Selbst wenn ein Meteor am Himmel gesichtet wird, bleiben viele Fragen offen: Ist überhaupt ein Meteorit zu Boden gefallen oder ist die Materie vollständig verglüht? Haben Windböen die Flugrichtung des Steins verändert? Hat der matschige Untergrund den Meteoriten möglicherweise für immer verschluckt?

Zwei Jahre lang reist Thomas Grau Himmelserscheinungen in Europa hinterher. Erfolglos. Dann, im Jahr 2004, wird er endlich wieder fündig. Im spanischen Villalbeto della Pena kann er mehrere Meteorite bergen. Aber vor allem kann er für die Zukunft lernen, denn er nimmt sich Zeit zu forschen: "Ich wollte wissen, warum ein Meteorit an einem bestimmten Ort liegt, was beim Aufprall passiert", erklärt er. "Denn am wichtigsten bei der Jagd nach Meteoriten ist das richtige Suchen."

Und suchen kann er. Um das eigene Auge zu schulen, schießt er Golfbälle aufs freie Feld, kommt am nächsten Tag wieder und schreitet die Fläche ab. Immer in geraden Bahnen, den Kopf zu Boden gesenkt. Wenn die Gedanken abschweifen, summt er ein Lied: "Auch kleine Steine ziehen große Kreise" – ein Song von Udo Jürgens. So fokussiert er sich – und so ist er erfolgreich: 32 Meteorite hat er mittlerweile in ganz Europa aufgespürt.

 Die Befragung von Augenzeugen

Doch wer meint, die Meteoritenjagd sei ein einsames Geschäft, der irrt. Auch wenn Thomas Grau tagelang Wälder durchkämmt oder mit starrem Blick durchs Watt schreitet – vorher spricht er mit Dutzenden von Menschen. Mit einem Notizbuch in der Hand und vielen Fragen. Er muss Indizien sammeln – sie sollen ihm Hinweise darauf geben, wo der Meteorit zur Erde gegangen sein könnte.

"Es ist unglaublich schwer einen guten Zeugen zu finden", weiß Grau. "Das Himmelsereignis selbst ist so schnell und so ungewöhnlich, dass die meisten Menschen kaum in der Lage sind, es nachträglich zu rekonstruieren." Und so folgt Grau der Maxime: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Ein Meteor verglüht am Nachthimmel.

Ein Meteor verglüht am Nachthimmel

Bei einem Mann im slowenischen Jesenice legt er sich 2009 sogar in dessen Bett, um seine Aussage zu überprüfen. "Um berechnen zu können, wo der Stein runtergekommen ist, musste ich genau wissen, ob der Zeuge eher auf der rechten oder der linken Seite gelegen hat – und wo genau im Fenster die Lichterscheinung dann aufgeflammt ist."

Brocken aus der Frühzeit des Sonnensystems

Meteorite im Naturhistorischen Museum in Wien.

In Wien ist die größte Meteoritensammlung der Welt

Das macht wieder deutlich: Bei der Jagd nach Meteoriten muss Thomas Grau genau sein. Er kann sich keine Fehler leisten. Alle zwei Jahre muss er einen Meteoriten finden, um mit seiner Familie von dem Geschäft leben zu können.

Aber wenn er es dann geschafft hat, wenn er einen frischen Meteoriten in den Händen hält – dann ist er plötzlich wieder der Träumer, der er immer war: "Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich daran denke, dass so ein außerirdischer Brocken 4,6 Milliarden Jahre alt ist und aus der Frühzeit unseres Sonnensystems stammt", erzählt er. In solchen Momenten flammt sie dann wieder auf: die Faszination für Sterne und das Weltall, die ihn seit seiner Kindheit nicht mehr loslässt.

Autorin: Clara Walther

Stand: 30.05.2016, 09:54

Darstellung: