Lydia Möcklinghoff erforscht Ameisenbären

Fotos der Bildergalerie rund um Ameisenbärforscherin Lydia Möcklinghoff

Ameisenbär

Lydia Möcklinghoff erforscht Ameisenbären

Von Lydia Möcklinghoff

Wer an Ameisenbären denkt, muss oft unweigerlich schmunzeln. Lydia Möcklinghoff hält sich mehrere Monate im Jahr in Brasiliens Westen auf, um das Verhalten der Tiere zu erforschen. Planen kann man so eine Karriere kaum, sagt die Zoologin.

Wie wird man Ameisenbärenforscherin?

Früh morgens im südamerikanischen Outback. Ich packe Rucksack und Satteltaschen, um mit dem Maultier zu meinen Kamerafallen zu reiten, die ich vor einer Woche tief im Wald aufgestellt habe.

Als Zoologin forsche ich im Pantanal, einem riesigen Feuchtgebiet im Westen Brasiliens. Die nächste Stadt ist vier Stunden von hier entfernt.

Viele Monate im Jahr schlage ich mich hier mit der Machete durchs Dornengestrüpp, werde von Wasserbüffeln attackiert – und von meinem Forschungsobjekt ignoriert, dem Großen Ameisenbären.

Ich bin die weltweit einzige Verhaltensforscherin am Großen Ameisenbären in freier Wildbahn. Planen kann man so eine Karriere wohl kaum.

Purer Zufall, dass ich 2005, am Anfang meines Tropenökologiestudiums an der Uni Würzburg, den schicksalshaften Aushang am Schwarzen Brett sah: Gesucht wurde eine Praktikantin für ein Forschungsprojekt in Brasilien.

Irgendeine Studie mit Ameisenbären. Dazu ein Foto von einem komisch aussehenden Säugetier, das mit hochmütig erhobener, bananenförmiger Schnauze und wehendem Schweif aus dem Wald stapft.

Lydia Möcklinghoff

Lydia Möcklinghoff

Die Zoologin promoviert am Forschungsmuseum Koenig in Bonn. Seit vielen Jahren erforscht sie den Großen Ameisenbären im brasilianischen Outback.

Sie ist mehrfache Science-Slam-Gewinnerin und hat über das Abenteuer Artenschutz zwei Bücher veröffentlicht.

Die Seminare waren überfüllt, ich stand überall nur auf der Warteliste, also stieg ich – statt Däumchen in Deutschland zu drehen – spontan in den Flieger nach Brasilien.

Wenig später stand ich im Herzen Südamerikas – bei mehr als 40 Grad Celsius – vor meinem ersten, echten Ameisenbären. Ausgerechnet eine Mutter mit Baby!

Das kleine, flaschenkürbisförmige Jungtier lag schlafend auf ihrem Rücken, während sie den Boden der Savanne auf der Suche nach Termiten und Ameisen durchpflügte.

Dieses merkwürdige Tier, das sich geistig in einem Paralleluniversum aufzuhalten schien, zog mich sofort in seinen Bann. Wie die Ameise an seiner Zunge blieb ich bis heute am Großen Ameisenbären kleben.

Karte Südamerikas, in dem die Ländergrenzen und das Gebite des Pantanal eingzeichnet sind

Das brasilianische Pantanal ist eines der größten Feuchtgebiete der Erde

Das Pantanal im Westen Brasiliens

Ich forsche in einem der größten Binnenfeuchtgebiete und Naturparadiese unserer Erde, im brasilianischen Pantanal. Einmal jährlich, zur Regenzeit, wird das vielfältige Mosaik aus Galeriewäldern, Grassavannen, Flüssen, Salz- und Süßwasserseen großflächig überschwemmt.

Jaguare und Riesenotter leben an den Flüssen, Pumas und Tapire durchstreifen die Wälder. Es gibt dort fast 700 Vogelarten – in ganz Deutschland sind es bloß 500, wenn es hochkommt.

Die Region wird seit Jahrhunderten mittels traditioneller, nachhaltiger Rinderzucht bewirtschaftet. In den vergangenen Jahrzehnten wurden in dem ausgewiesenen Biosphärenreservat jedoch weite Teile des Landes für intensive Weidewirtschaft und die Gewinnung von Holzkohle entwaldet.

Mein Forschungsgebiet liegt auf einer sehr abgelegenen, gut geschützten und ökologisch geführten Rinderfarm. Jedes Jahr, wenn ich von der Stadt aus mit der kleinen Cessna dorthin fliege, kann ich sehen, wie die Zerstörung vormals intakter Natur durch großflächige Abholzungen immer weiter voranschreitet.

Nach einer Studie der Non-Profit-Organisation Conservation International könnte die reiche Natur des Pantanals bis 2050 verloren sein, wenn es bis dahin keine effektiven Schutzkonzepte gibt.

Luftaufnahme der Seenlandschaft im Pantanal

Die uralte Kulturlandschaft muss geschützt werden

Der Schutz des Naturparadieses

Was also tun? In einer uralten Kulturlandschaft, in der 98 Prozent in Privatbesitz sind, kann die Ausweisung von Schutzgebieten nur ein Teil der Problemlösung sein.

Langfristig muss eine Nutzungsform entwickelt werden, die ökonomisch sinnvolles mit nachhaltigem und wildtierverträglichem Landmanagement verbindet.

Dafür ist Forschung nötig: Man muss herausfinden, welche Tierarten überhaupt vorkommen und welche Art der Landnutzung ein Problem für sie darstellt.

Wer braucht den Wald als Lebensraum, und wieviel davon wird benötigt? Neben meiner Forschung am Ameisenbären möchte ich diese Fragen auch für die anderen Säugetiere des Pantanals beantworten.

Dazu ist es wichtig herauszufinden, welche Arten sich wo aufhalten und vor allem wo sie sich nicht oder nicht mehr aufhalten.

Lydia Möcklinghoff befestigt eine Kamerafalle an einem Baum

Kamerafallen dokumentieren den Bestand der Tiere

Säugetiere mithilfe von Kamerafallen erforschen

Um das zu erforschen, verwende ich Kamerafallen. Diese hänge ich in verschiedenen Lebensräumen, Schutzgebieten und Gegenden unterschiedlicher Landnutzung auf.

Kamerafallen sind autonome Fotoapparate, die durch Wärme und Bewegung von selbst auslösen – also bei allen Warmblütern, die vorbeilaufen.

Um diese Geräte auf einem Gebiet von mehr als hundert Quadratkilometern zu verteilen, muss ich teilweise abenteuerliche Wege zurücklegen, auf dem Pferd, im Kanu und zu Fuß.

Mehr als einmal wurde ich von einer wildgewordenen Horde Wasserbüffel, Wespen oder auch Wildschweinen attackiert. Aber es lohnt sich.

Bisher konnten durch die Bilder der Kamerafallen 31 Säugetierarten nachgewiesen werden. Da auf diesen auch die Uhrzeit und das Wetter aufgezeichnet werden, erfahre ich zudem viel darüber, wie die Tiere leben.

Wir wissen inzwischen, wann welche Art wo unterwegs ist – und das sind genau die Informationen, die wir für ihren Schutz brauchen.

Ein Ameisenbär

Ameisenbär Günther schmeißt sich in Pose

Den Ameisenbären Namen geben

Von jedem Ameisenbären, der mir begegnet, mache ich ein Foto. Mittlerweile habe ich für mein Studiengebiet ein Fotoregister mit etwa 30 Tieren, die ich seit Jahren immer wiedersehe.

Unterscheiden kann ich sie anhand der Fellzeichnung. Tropfenförmiger, schwarzer Fleck auf weißem Vorderbein? Klar, das ist Günther. Es gibt auch noch Uwe, Heino, Karl und Alfons.

Benannt habe ich die Ameisenbären übrigens nach meinen Skatjungs, mit denen ich in Köln jeden Montag in der Kneipe Skat spiele.

Neben einem Foto speichere ich die Position der Tiere und kann so mitverfolgen, wer sich wann wo aufhält.

Weltweit ist das die erste Studie, die über mehrere Jahre zeigen kann, dass Ameisenbären in stabilen Nachbarschaftsverhältnissen wohnen. Man kennt sich und geht sich aus dem Weg.

Ameisenbären sind Einzelgänger. Denkt man mal darüber nach, haben sie mit meinen Skatbrüdern so einiges gemein.

Lydia Möcklinghoff kämpft für den Ameisenbären Planet Wissen 27.11.2017 03:50 Min. Verfügbar bis 01.02.2022 WDR

Artenschutz: Urlaub geht anders

In meiner Heimatstadt Köln denken alle, ich fahre schön in den Urlaub, wenn ich für meine Forschung wieder nach Südamerika aufbreche. Caipirinha am Strand und so.

Dass ich mich in den kommenden Monaten zwischen Moskitos, Feuerameisen und Zecken mit der Machete durch den Dornenwald schlage, wollen die Leute gar nicht hören, glaube ich.

In brütender Hitze stehe ich in der Savanne herum, bis sich ein träger Ameisenbär endlich aus dem Wald bemüht. Und mein Haus im Sumpf teile ich mir mit einem Haufen von Frosch-, Riesenotter- und Fledermausforschern.

Tatsächlich verlangen Tierforschung und Artenschutz eine Menge Zeit und Herzblut. Sie bedeuten viel Arbeit, wenig Geld, große Glücksmomente und auch viele Rückschläge.

In rasantem Tempo verschwinden Tier- und Pflanzenarten für immer von der Bildfläche. Biologen und Artenschützer wie ich kämpfen dafür, bedrohte Arten zu schützen. Es ist ein Kampf gegen die Zeit.

Sonnenuntergang im Pantanal

Dieser Ausblick entschädigt für manch harten Arbeitstag

Autorin: Lydia Möcklinghoff

Stand: 19.07.2019, 10:45

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