Die Ameisenbärverkupplerin

Eine Frau (die stellvertretende Direktorin des Dortmunder Zoos Ilona Schappert) hält einem Ameisenbär eine Avocado entgegen. Der Ameisenbär hebt seine linke Pfote.

Ameisenbär

Die Ameisenbärverkupplerin

Von Alfried Schmitz

Um das Aussterben des Ameisenbären zu verhindern, haben Tierparks auf der ganzen Welt ein ausgeklügeltes Zuchtprogramm auf die Beine gestellt. Im Dortmunder Zoo laufen die Fäden dieses Netzwerks zusammen.

In den Savannen Südamerikas hat der Große Ameisenbär (lat. Myrmecophaga tridactyla) keine natürlichen Feinde. Den Raubkatzen ist er zu mager, sein Fleisch schmeckt ihnen nicht, sein borstiges Fell schützt ihn vor Attacken.

Zudem kann sich das eigentlich friedfertige Tier mit seinen gefährlichen Krallen gut verteidigen. Es ist vor allem der Mensch, der dem Großen Ameisenbären gefährlich wird, indem er ihm den Lebensraum raubt.

Die Internationale Union für die Bewahrung der Natur und natürlicher Ressourcen (IUCN) hat das Tier auf die Rote Liste der gefährdeten Arten gesetzt.

Ein umgittertes Freigehege in einem kleinen Hof. Ein Ameisenbär hebt die Linke Pfote. Man sieht eine lange gekrümmte Kralle. Eine Frau mit blauer Regenjacke hockt vor dem Ameisenbär und hält die ausgestreckte Pfote in den Händen.

Nicht ungefährlich – Ameisenbären haben lange Krallen

Dortmund – Hauptstadt der Ameisenbären

Es ist ein verregneter Vormittag. Der Dortmunder Zoo hat gerade geöffnet. Nur wenige Besucher stehen am Kassenschalter. Auch im Verwaltungsgebäude ist es noch ruhig.

Im zweiten Stock liegt das Büro der stellvertretenden Zoodirektorin Ilona Schappert. Die Diplom-Biologin sitzt am Computer. Auf dem Bildschirm: Zahlen, Namen, Orte und Jahreszahlen – auf den ersten Blick könnten das die Daten eines Einwohnermeldeamts sein.

Das sind sie aber nicht: Ilona Schappert verwaltet das internationale Zuchtbuch für Große Ameisenbären. "Wir haben schon 1978 den ersten Ameisenbären bekommen. 1979 wurde das erste Jungtier geboren. Mittlerweile zählen wir 62 Nachzuchttiere – und das ist einmalig in der ganzen Welt!"

Die stellvertretende Dortmunder Zoodirektorin Ilona Schappert an ihrem Schreibtisch. Mit der rechten Hand zeigt sie auf einen Computerbildschirm mit Daten von Ameisenbären.

Der Dortmunder Zoo führt ein weltweites Ameisenbär-Register

Ameisenbären in ganz Europa verkuppeln

Der Zoo habe sehr gute Zucht- und Haltungserfolge, sagt Schappert. "Ich führe das europäische Zuchtbucht: Darin werden alle Tiere in Europa erfasst."

Möchte ein europäischer Zoo einen Ameisenbären zur Paarung haben, müsse dieser Zoo bei Ilona Schappert in Dortmund anfragen.

Um Inzucht zu vermeiden, sucht die stellvertretende Zoodirektorin in der Kartei nach genetisch passenden Paarungspartnern. "Ich bin quasi die Heiratsvermittlerin der Ameisenbären."

In 17 europäischen Ländern leben Aufzuchttiere aus Dortmund. Insgesamt sind es 150 Tiere, verteilt auf 70 Zoos (Stand: 01/2017).

Ein weißgekachelter Raum. Auf einem Arbeitstisch aus hellem Holz stehen verschiedenen Metallschüsseln. Eine Frau steht an einem Spülbecken. Sie trägt eine dunkelblaue Wetterjacke mit gelbem Rückenaufdruck. Der Aufdruck zeigt die Zeichnung eines Ameisenbären und die Schriftzüge: Zoo Dortmund

Küche für Ameisenbären – hier wird die berühmte Dortmunder Mischung zubereitet

1600 Ameisenbären leben in Zoos

"Ich verwalte auch den internationalen Welttierbestand", sagt Ilona Schappert. "Durch diese internationale Vernetzung kann ich zu jedem Ameisenbären sagen, woher er kommt, wer seine Eltern und Verwandten sind." Der weltweite Bestand in den Zoos betrage derzeit etwa 1600 Tieren.

Ilona Schappert steht vom Schreibtisch auf und zieht sich die Regenjacke über. Vom Verwaltungsgebäude geht es quer durch den Zoo zu zwei flachen Steingebäuden. In der Mitte ein Hof mit aufgetürmten Heuballen.

Im Schuppen links wohnen die Ameisenbären, zwei männliche und fünf weibliche. Allesamt leidenschaftliche Langschläfer. Sie schlummern noch tief und fest.

Zeit genug, um erst einmal in den Schuppen auf der rechten Seite zu gehen. Dort haben die Ameisenbären ihre eigene Küche.

Tagesration in der Wildnis: 30.000 Ameisen

In seiner südamerikanischen Heimat vertilgt ein erwachsener Großer Ameisenbär um die 30.000 Ameisen oder Termiten pro Tag.

Eine Menge, die man in unseren Breiten nicht herbeischaffen kann. Daher musste man sich in Dortmund etwas Besonderes einfallen lassen, um die Tiere satt zu bekommen.

Die "Dortmunder Mischung", wie Ilona Schappert das Leibgericht ihrer Ameisenbären nennt, ist ein Brei aus gemahlenem Fleisch, Obst, Hundetrockenfutter, Haferflocken, Garnelen. Insgesamt sind es zehn Zutaten.

Wichtig sei die Zugabe von feinem Torf. Diesen brauchten die Tiere, um die Mahlzeiten besser verdauen zu können. Denn auch wenn die Tiere in der Wildnis einen Termitenhügel ausschlürfen, saugen sie jede Menge Sand und Erde ein. 

Ameisenbären sind eigentlich Einzelgänger

Der Wohn- und Schlaftrakt der Tiere im Dortmunder Zoo besteht aus Einzelboxen. Ameisenbären sind keine Rudeltiere, die in einem Familienverband leben.

Nur wenn die Mutter ein Junges bekommen hat, trägt sie dieses neun Monate auf dem Rücken. Die Väter kümmern sich nach der Paarung weder um die Partnerin noch um den Nachwuchs.

Menschenscheu sind die Tiere allerdings nicht. Ameisenbärin Sandra, mit 23 Jahren schon eine reife Dame, ist regelrecht verschmust. Sie ist auch das einzige Tier, das von seinem Strohlager aufsteht, neugierig den Rüssel durch das Gitter ihrer Wohnbox steckt und den Besuch eifrig beschnuppert.

Die anderen Ameisenbären lassen sich nicht stören und schlafen zusammengerollt weiter.

Ein überdachtes Tiergehege mit einzelnen vergitterten Boxen auf der linken und rechten Seite eines Ganges. Aus einer geöffneten Box treten eine Tierpflegerin und ein Ameisenbär in den Gang.

Tierpflegerin Ilona Mayer mit Lieblingsameisenbärin Sandra

Ilona Mayer ist als Tierpflegerin für die Ameisenbären im Dortmunder Zoo zuständig. "Sandra ist mein erster Ameisenbär, den ich mit der Hand aufgezogen habe", sagt sie. "Ich war so etwas wie der Azubi von Sandra. Ich habe über Sandra alles gelernt, was man über Ameisenbären lernen muss."

Wer so ein Tier von klein auf bis ins hohe Alter begleitet, entwickele eine besondere Beziehung zu ihm, sagt Ilona Mayer. "Sandra ist mein Lieblingstier hier im Zoo."

Den Feldforschern helfen

Die Forschung widmet sich dem Ameisenbären bisher eher stiefmütterlich. Die Biologin Lydia Möcklinghoff aus Köln will das ändern. Jedes Jahr reist sie nach Brasilien, um das Verhalten von Großen Ameisenbären zu untersuchen.

Um ein genaues Bewegungsprofil der Ameisenbären in ihrem brasilianischen Lebensraum erstellen zu können, hat Lydia Möcklinghoff einzelne Tiere mit Sendern ausgestattet. Diese schütteln die Sendehalsbänder jedoch immer wieder ab.

Der Dortmunder Zoo will die Forscherin daher mit einem ungewöhnlichen Experiment unterstützen: "Wir statten die Zootiere auch testweise mit solchen Sendern aus", sagt die stellvertretende Zoodirektorin, "um zu beobachten, wie sie die Hals- und Körperbänder abwerfen."

Auf der einen Seite können die Ergebnisse aus dem Zoo helfen, die Feldforschung zu verbessern. Auf der anderen Seite profitiert der Zoo davon, wenn die Ameisenbärforscherin Lydia Möcklinghoff neue Erkenntnisse über das Verhalten von Ameisenbären in der Wildnis gewinnt.

Die Ergebnisse können etwa helfen, die artgerechte Haltung in den Zoos zu verbessern.

Ein männlicher Ameisenbär liegt zusammengerollt auf Stroh und schläft in seiner Box im Dortmunder Zoo

Ameisenbärmännchen in Dortmunder Zoo bei seiner Lieblingsbeschäftigung

Zuchterfolg mit Stofftier-Trick

Dass sich die Ameisenbären im Dortmunder Zoo wohlfühlen, zeigen die Zuchterfolge. In etwa vier Fünftel der Fälle verlaufen die Schwangerschaft und die Aufzucht durch das Muttertier gut.

Die Tierpfleger müssen das Jungtier nach der Geburt regelmäßig wiegen, um festzustellen, ob es ausreichend Milch von der Mutter bekommt.

"Das ist ein heikler Moment", sagt Ilona Schappert. "Das Jungtier will nicht von seiner Mutter getrennt werden und hat den Reflex, sich festzuhalten. Es gerät in äußerste Panik und fängt an zu schreien."

Die Muttertiere können dann sehr aggressiv reagieren, weil sie das Gefühl haben, dass ihr Baby in Gefahr ist.

"Wir regeln das so, dass wir das Jungtier sofort auf ein Stofftier setzen", sagt Schappert. "Das geht so schnell, dass es gar nicht merkt, dass es von der Mutter getrennt ist. Das Junge klammert sich sofort an das Stofftier und kann problemlos gewogen werden."

Hat die Mutter zu wenig Milch, füttert die Tierpflegerin Ilona Mayer mit der Nuckelflasche nach. Vor einigen Jahren musste sie ein Ameisenbärbaby durchgehend mit der Flasche großziehen.

Als der kleine Leo auf die Welt kam, kümmerte sich seine Mutter nicht um ihn. Der kleine Ameisenbär überlebte aber. Um Leo eine artgerechte Erziehung zu bieten, brachten die Zoomitarbeiter ihn zu einer anderen Ameisenbärenmutter, die gerade ein weibliches Jungtier geboren hatte.

"Das hat prima geklappt. Leo und seine Stiefschwester Karina leben jetzt gemeinsam in der Türkei, im Zoo von Bursa", sagt Ilona Schappert, die das Tier erfolgreich vermittelt hat.

Weiterführende Infos

Stand: 29.10.2018, 09:00

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