Konflikte mit Wildtieren

Mehrere Wölfe nebeneinander

Wildtiere in Deutschland

Konflikte mit Wildtieren

Im Dezember 2004 hat die Deutsche Wildtier Stiftung eine Umfrage in Auftrag gegeben. Demnach war die Hälfte aller Deutschen der Meinung, dass alle einst in Deutschland lebenden Wildtiere das Recht haben, sich hier wieder anzusiedeln. Nur etwa 30 Prozent waren gegen die Rückkehr großer Wildtiere wie Wolf und Braunbär. Doch tatsächlich ist die Freude über die Rückkehr der Wildtiere meist schnell verflogen, wenn diese in der Nähe von menschlichen Siedlungen auftauchen. Dabei gilt: je größer das Tier, desto größer die Bedenken.

Futterneid und Konkurrenzdenken

Seit sich die Bestände des Kormorans nach dem Tiefpunkt in den 1970er Jahren wieder erholt haben, bekommt der Wasservogel wieder Stress mit dem Menschen. Die Kormorantötungen Mitte Juni 2005 im Anklamer Stadtbruch in Mecklenburg-Vorpommern schlugen hohe Wellen.

In dem Naturschutzgebiet hatten Jäger mehrere tausend Kormorane erschossen – mit Erlaubnis des Landesumweltamtes Mecklenburg-Vorpommern. Erst nach massiven Protesten und der Einschaltung des Bundesamtes für Naturschutz ließ sich der Umweltminister Mecklenburg-Vorpommerns umstimmen und setzte die Tötungen aus.

Im April 2008 trieb eine nächtliche Scheinwerfer-Aktion im Radolfzeller Aachried am Bodensee die Naturschützer auf die Barrikaden. Das grelle Licht sollte die Kormoraneltern von den Nestern vertreiben. Die Brut sollte damit ausgekühlt und vernichtet werden. Die Argumente der Fischer: Die Kormorane nehmen überhand und dezimieren die Fischbestände. Mit ihrem Appetit auf Fische gefährden sie angeblich auch geschützte Fischarten.

Kormoran breitet seine Flügel an einem Teich aus.

Kormorane – von Fischern gejagt

Das sieht man beim Naturschutzbund Deutschland (NABU) anders. Für die Naturschützer ist klar: Der Kormoran ist kein ökologisches, sondern ein psychologisches Problem. Der Vogel tritt hier in Konkurrenz mit dem Mensch. Das wirkliche Problem ist demnach der exklusive Anspruch der Angler auf ihre Fische.

Auch mit den anderen Wildtieren gibt es Probleme. Hauptsächlich dann, wenn sie mit uns Menschen die Tafel teilen. Je größer und hungriger, umso schwieriger die Akzeptanz. Beim Kormoran sind es Angler und Fischzüchter, die um ihre Fischbestände fürchten. Wenn Luchs oder Wolf auf ihren Streifzügen das Vieh eines Bauern reißen, können sie kaum mit dessen Sympathie rechnen.

Und auch mancher Jäger ist nicht gerade begeistert, wenn "sein" Wild dezimiert wird. Immer wieder werden vor allem im Bayerischen Wald illegale Abschüsse von Luchsen gemeldet.

Naturschützer sehen die größte Gefahr für den Luchsbestand im Bayerischen Wald in der geringen Akzeptanz bei den Jägern. Diese würden keine Beutekonkurrenten dulden und das Wild ausschließlich für sich selbst beanspruchen.

Vom Wolf getötetes Schaf

Problematisch: ein gerissenes Schaf

Die großen Unbekannten

Angst und Unsicherheit wachsen mit der Größe der wilden Tiere. Wir haben verlernt, mit ihnen zu leben, haben Berührungsängste und wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen. Was, wenn wir ihnen im Wald begegnen? Martin Klatt, Referent für Artenschutz des NABU Baden-Württemberg, ist sicher, dass selbst die großen Raubtiere wie Wolf, Luchs und Bär für den Menschen nicht gefährlich sind.

Schon allein deswegen, weil wir ihnen in der Regel gar nicht begegnen. Die Tiere sind sehr scheu und gehen uns aus dem Weg. Selbst die Wildtierforscher müssen sich lange und intensiv auf Spurensuche machen, wenn sie ihren Forschungsobjekten begegnen wollen.

In Ländern wie Rumänien oder Bulgarien gibt es noch relativ viele Wölfe und Bären. Dort haben die Menschen kein Problem mit ihnen. Und das, obwohl man sich hier öfter begegnet. Zum Beispiel wenn Meister Petz mal in den Dörfern vorbeischaut, um die Mülltonnen nach Fressbarem zu durchsuchen. Die Menschen lassen die Tiere einfach in Ruhe – und lassen sich von ihnen auch nicht aus der Ruhe bringen.

Martin Klatt sieht in einem Auto, das mit 50 Kilometern pro Stunde durch eine Tempo-30-Zone fährt, eine weit größere Gefahr, als sie von den Wildtieren ausgeht. Der einzige Unterschied: An diese Gefahr haben wir uns gewöhnt.

In aller Regel sind es die Tiere, die durch den Menschen Schaden nehmen – nicht umgekehrt. Wir haben uns entwöhnt und müssen erst wieder lernen, die Tiere in unserer Nähe zu akzeptieren. Es ist ein weiter Weg, der nur mit Aufklärung und der nötigen Offenheit beschritten werden kann.

Autoren: Andrea Wengel/Tobias Aufmkolk

Stand: 02.01.2019, 09:43

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