Castor - Ein umstrittener Behälter

Ein großer, scheunenartiger Transportbehälter, in dem ein Castor transportiert wird. Auf dem weißlackierten Behälter steht in blauer Schrift www.Kernenergie.de

Atommüll

Castor - Ein umstrittener Behälter

Sobald er ins Rollen kommt, sind Schlagzeilen garantiert: der Castor. In dem tonnenschweren Behälter aus Gusseisen und Stahl werden ausgediente Brennstäbe aus Kernkraftwerken und in Glas eingeschmolzene hochradioaktive Stoffe aus Wiederaufbereitungsanlagen in Atommüll-Zwischenlager transportiert und über Jahrzehnte zwischengelagert.

Jeder Transport ein Großeinsatz

Nahezu jeder Castor-Transport wird von großen Protestaktionen der Atomkraftgegner begleitet, die an der Sicherheit der Behälter zweifeln und versuchen, die Transporte zu stoppen.

Somit sind fast immer Tausende von Polizisten zur Sicherung der Behälter im Einsatz, die Kosten liegen in Millionenhöhen. Die Anlieferung von sechs Castor-Behältern im März 1997 in Gorleben kostete beispielsweise rund 56 Millionen Euro, etwa 30.000 Polizisten waren dabei im Einsatz.

Auf einer Autobahn begleiten zahlreiche Polizeifahrzeuge einige LKW

Jeder Transport bedeutet einen Großeinsatz für die Polizei

Die Marke Castor

Der Name ist die Abkürzung für "cask for storage and transport of radioactive material", was übersetzt "Behälter zur Lagerung und zum Transport radioaktiven Materials" bedeutet.

Castoren werden von der deutschen Firma GNS (Gesellschaft für Nuklearservice) herstellt, die die Bezeichnung markenrechtlich geschützt hat. Der Grundkörper in Zylinderform wird aus Sphäroguss, einem speziellen Gusseisen mit Kugelgraphit, hergestellt.

Zum Verschließen werden bei Castoren zwei Deckel benutzt, zwischen denen sich leicht-flüchtiges Gas befindet. An entweichendem Gas können undichte Stellen erkannt werden.

Es gibt verschiedene Typen von Castoren. Der V19 beispielsweise ist sechs Meter lang, hat einen Durchmesser von 2,5 Metern und eine Wanddicke von 42 Zentimetern. Dieser Castortyp kann 19 ausgediente Brennelemente aufnehmen und wiegt beladen rund 126 Tonnen.

Die Brennelemente sind 400 bis 500 Grad heiß, wenn sie in die Castoren geladen werden. Die Behälter sind daher mit Kühlrippen ausgestattet, die dafür sorgen sollen, dass die Oberflächentemperatur nicht über 85 Grad steigt. In den Behälterwänden sind außerdem Moderatorenstäbe eingebracht, um die auftretende Gamma- und Neutronenstrahlung zu bremsen.

Castoren vom Typ HAW 20/28 CG werden zur Überführung von Atommüll aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague nach Deutschland eingesetzt. HAW steht für "high active waste", also hochaktiver Abfall.

Nach der Wiederaufbereitung wird der anfallende radioaktive Müll mit Glas verschmolzen und in Stahlzylindern versiegelt. 20/28 bedeutet, dass wahlweise 20 oder 28 Glaskokillen in dem Castor-Behälter untergebracht werden können.

Ein blauer Castor wird aus einem AKW heraustransportiert

Ein blauer Castor wird aus einem AKW heraustransportiert

Crashtests

Jeder Castor-Typ wird vor dem Einsatz einem Zulassungsverfahren der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung unterzogen. Die vorgegebenen Testbedingungen sollen mehr als 95 Prozent aller möglichen Transportunfälle abdecken.

Zu den wichtigsten zählen Falltests und Feuerprüfungen. So werden Castoren zum Beispiel eine halbe Stunde von Flammen mit einer Temperatur von mindestens 800 Grad umgeben.

Auch einen freien Aufprall aus neun Metern Höhe auf ein unnachgiebiges Fundament müssen sie aushalten. Es gibt aber Situationen, für die sich das Verhalten der Castor-Behälter nicht voraussagen lässt. Atomkraftgegner weisen etwa immer wieder auf die mögliche Gefahr durch terroristische Anschläge hin.

Ziele der Castor-Transporte

Castor-Transporte steuern vor allem die zentralen Zwischenlager in Deutschland an: das westfälische Ahaus, das niedersächsische Gorleben und Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern.

Brennelemente, die für eine Endlagerung vorgesehen sind, müssen 20 bis 40 Jahre überirdisch zwischengelagert werden, bis sie so weit abgekühlt sind, dass sie in einem Endlager aufgenommen werden können.

Während 1995 schon 57 Castor-Transporte mit 305 Behältern in Ahaus angekommen waren (Kapazität: 4200 Tonnen), konnten die Lieferungen nach Gorleben erst im gleichen Jahr beginnen.

Langwierigere atomrechtliche Verhandlungen zwischen Bund und Landesregierung verzögerten die Transporte in das schon 1983 fertiggestellte Lager. Nach dem Transport von zwölf Castor-Behältern im November 2002 nach Gorleben waren 32 von 420 Stellplätzen für 3800 Tonnen Atommüll belegt.

Zwischen Mai 1998 und Januar 2000 waren Castor-Transporte vorübergehend verboten. Im April 1998 wurde bekannt, dass seit Mitte der 1980er Jahre radioaktive Verunreinigungen an Behältern, Lkws und Waggons gemessen wurden. Der zulässige Wert von vier Becquerel (Bq) wurde weit überschritten. Einzelne punktuelle radioaktive Partikel, sogenannte "Hot Spots", erreichten bis zu 100.000 Bq.

Die vielfach verwendete Schlagzeile "Castor-Skandal" ist indes falsch: Verunreinigungen wurden bei der Ankunft von Behältern in Frankreich und England festgestellt. Die dafür eingesetzten Behälter kommen aus französischer beziehungsweise britischer Produktion. Als reine Transportbehälter weisen sie etwas andere konstruktive Eigenschaften als die Castor-Behälter auf, die auch der längerfristigen Zwischenlagerung dienen.

Seit der Novellierung des Atomgesetzes im Jahr 2005 ist der Transport von abgebrannten Brennstäben zur Wiederaufbereitung verboten. Daher finden in Deutschland nur noch Castor-Transporte statt, die bereits aufbereiteten Atommüll aus dem Ausland nach Deutschland zurückbringen.

Ein Castor-Behälter wird im Zwischenlager Ahaus entladen

Castor-Behälter im Zwischenlager Ahaus

Standortnahe Zwischenlager eingerichtet

Zur Entlastung der Zwischenlager Ahaus, Gorleben und Lubmin wurden die Kernkraftwerksbetreiber durch das neue Atomgesetz von 2002 dazu verpflichtet, standortnahe Zwischenlager direkt bei den Atomkraftwerken einzurichten.

Die erste Genehmigung für ein dezentrales Zwischenlager wurde dem Kernkraftwerk Emsland in Lingen im November 2002 erteilt. Einen Monat später wurde die Zwischenlagerung am Kraftwerk Grohnde genehmigt. Heute sind zwölf Zwischenlager an den Atomkraftwerken in Betrieb. Ein weiteres befindet sich im Genehmigungsverfahren.

Atomkraftwerk Grohnde

Im AKW Grohnde wurde ein Zwischenlager eingerichtet

Autorin: Silke Rehren

Stand: 05.09.2018, 09:26

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