Problem Atommüll

Atommüll im Zwischenlager Gorleben

Atommüll

Problem Atommüll

"Dieses ist, soweit ich es sehen kann, wenn man es ernstlich behandeln will, überhaupt kein Problem... Ich habe mir in Karlsruhe sagen lassen, dass der gesamte Atommüll, der in der Bundesrepublik im Jahr 2000 vorhanden sein wird, in einen Kasten hineinginge, der ein Kubus von 20 Meter Seitenlänge ist. Wenn man das gut versiegelt und verschließt und in ein Bergwerk steckt, dann wird man hoffen können, dass man damit dieses Problem gelöst hat." – Zitat des Physikers Carl Friedrich von Weizsäcker aus dem Jahr 1969

Langwierige Suche nach Endlager

Die Hoffnungen Weizsäckers haben sich nicht erfüllt. Die Entsorgungsmisere hat sich zum größten Problem der Kernenergienutzung entwickelt.

2017 gibt es noch in keinem der 30 Staaten, die Kernenergie nutzen, ein geeignetes Endlager für hochaktiven Atommüll, obwohl entsprechende Planungen und Vorarbeiten in vielen Ländern seit etwa vier Jahrzehnten laufen. Stattdessen wird wieder aufbereitet oder direkt zwischengelagert.

Seit dem 1. Juli 2005 ist die Wiederaufbereitung deutschen Atommülls verboten. Bleibt die Zwischenlagerung für 30 bis 40 Jahre. Heißer Atommüll fällt fast nur in Kernkraftwerken (Brennelemente, Wiederaufbereitung, Rückbau) an. Er enthält rund 95 Prozent aller zu entsorgenden Radioaktivität.

Den größten Anteil am Volumen aller radioaktiven Abfälle (rund 90 Prozent) hat sogenannter kalter Müll, der aus Kernkraftwerken, aber auch aus Forschung und Medizin stammt. Auch dieser Müll bereitet Sorgen. Ein Großteil wird in Landessammelstellen, privaten Sammelstellen und stillgelegten Kernkraftwerken zwischengelagert.

Zwischen 1970 und 2000 wurde ein Teil dieses Mülls im Endlager Morsleben in Sachsen-Anhalt eingelagert. Ein umstrittenes Vorgehen, weil nachweislich Grundwasser in die Lagerstollen eindringt. Am 17. April 2001 beschloss das Bundesamt für Strahlenschutz, unwiderruflich auf weitere Einlagerungen in Morsleben zu verzichten.

Als weiteres Endlager für schwach- oder mittelaktiven Müll ist seit Jahrzehnten der Schacht Konrad in einem ehemaligen Eisenerzbergwerk bei Salzgitter im Gespräch.

Seit einem Gerichtsbeschluss im März 2006 steht der geplanten Nutzung des Schachts nichts entgegen. Diesem Beschluss war ein 20 Jahre dauerndes Planfeststellungsverfahren vorausgegangen, das 2002 mit einer Genehmigung zur Endlager-Einrichtung durch das niedersächsische Umweltministerium endete.

Klagen gegen diesen Beschluss wies das Oberverwaltungsgericht in Lüneburg im Frühjahr 2006 ab – und gab damit endgültig grünes Licht für das Atommüll-Endlager. Die Vorbereitungen zum Umbau des Schachtes haben mittlerweile begonnen. Das Bundesamt für Strahlenschutz rechnet damit, dass die ersten radioaktiven Abfälle 2022 eingelagert werden können.

Atommüll-Fass vor Schacht Konrad

Der Schacht Konrad wird als Endlager ausgebaut

Der Skandal Asse

Eigentlich sollte das ehemalige Salzbergwerk in Niedersachsen Atommüll für die Ewigkeit aufbewahren. Doch schon nach 40 Jahren ist die Ewigkeit vorbei: Der radioaktive Abfall soll wieder herausgeholt werden.

Ein kurzer Blick zurück: Von 1967 bis 1978 wurden rund 126.000 Fässer mit leicht und mittelschwer radioaktiv belastetem Material eingelagert – zu Forschungszwecken. Tatsächlich nutzten die Kernkraftwerksbetreiber die Asse jedoch, um ihren "normalen" radioaktiven Abfall dort ebenfalls günstig zu entsorgen.

Nach Angaben des Umweltbundesministeriums kommen 71 Prozent der Abfälle im Atommülllager Asse aus der Wiederaufbereitungsanlage des Karlsruher Kernforschungszentrums. Dieser Abfall wurde von den Kernkraftwerksbetreibern dorthin geliefert und aufbereitet. Weitere drei Prozent radioaktiven Mülls stammten direkt von den Kernkraftwerken.

Seit 1978 dringen in über 600 Meter Tiefe täglich rund zwölf Kubikmeter Wasser ein. Ohne Konsequenzen, über 30 Jahre lang fast unbeachtet von der Öffentlichkeit. Erst als dies 2009 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, wurde gehandelt.

Ein Grund für die lange Untätigkeit könnte folgender sein: Das Atommülllager wurde bis Ende 2008 unter Bergrecht geführt. Betreiber war die Münchener Helmholtz-Gesellschaft unter Aufsicht des Bundesforschungsministeriums.

Nach Bekanntwerden immer neuer Pannen und Verstöße gegen den Strahlenschutz ersetzte die Bundesregierung 2008 das Helmholtz-Zentrum als Betreiber der Asse durch das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS).

Seitdem steht die Asse unter Atomrecht und unter Aufsicht des Bundesumweltministeriums. Dieses gab neue Gutachten in Auftrag, und die Untauglichkeit der Asse als Endlager wurde mit immer neuen Schreckensnachrichten Schritt für Schritt deutlicher.

Das BfS plädierte Anfang 2011 dafür, den Atommüll wieder aus der Asse herauszuholen. Dies sei "nach jetzigem Kenntnisstand die beste Variante beim weiteren Umgang mit den dort eingelagerten radioaktiven Abfällen".

Die Kosten für die Rückholaktion werden auf etwa vier bis sechs Milliarden Euro geschätzt; diese würde nach derzeitiger Einschätzung des BfS etwa zehn Jahre dauern. Zahlen tut dies vor allem der Steuerzahler – eine Rechtsgrundlage zur Beteiligung der Kernkraftwerksbetreiber gibt es bisher nicht.

Endlager in Gorleben?

Die Suche nach einem zentralen Endlager wurde schon in den 1960er Jahren begonnen. Der Salzstock in Gorleben war jahrzehntelang Favorit für die Lagerung hochradioaktiven Mülls und wurde mehr als 20 Jahre lang auf seine Tauglichkeit untersucht. 2000 stoppte der damalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin die Untersuchungen in Gorleben.

Im Jahr zuvor hatte er einen "Arbeitskreis Auswahlverfahren Endlagerstandorte" (AK End) einberufen. Dieses 16-köpfige Expertengremium sollte "ein nachvollziehbares Verfahren für die Auswahl von Standorten zur Endlagerung aller Arten radioaktiver Abfälle in Deutschland entwickeln".

Eine weitere Zielvorgabe lautete: Ein einziges Endlager soll ausreichen. Die Suche begann damit praktisch bei Null.

Im Dezember 2002 überreichte der Arbeitskreis Trittin einen Bericht, in dem die Kriterien für die Suche und Auswahl eines Endlagers dargestellt wurden. Die darin gestellten geologischen Bedingungen waren nicht wesentlich neu.

Neu waren dagegen sozialwissenschaftliche Kriterien, die zum Beispiel die Zustimmung der Bevölkerung vorsahen. Nach Ansicht Trittins war der Standort Gorleben aus diesem Grund "voraussichtlich als Standort verbrannt", weil es bei der Entscheidung für Gorleben an Transparenz und Akzeptanz der Bevölkerung gefehlt habe.

Aufgrund der Erfahrungen, die derzeit und in der Vergangenheit in der Asse gemacht wurden, forderte Heinz Smital, Atomphysiker bei Greenpeace, ebenfalls das Aus für den Salzstock Gorleben: "Wer nach den Asse-Erfahrungen in einem Salzstock sogar hochradioaktive Abfälle für eine Million Jahre einlagern will, gehört eigentlich hinter Schloss und Riegel gesperrt." Die Suche nach einem geeigneten Endlager müsse neu beginnen.

Das sah der ehemalige Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) anders: Im März 2010 gab er bekannt, dass Gorleben wieder auf seine Eignung als Endlager untersucht werde. Sollte sich der Salzstock als geeignet erweisen, könnte dort in etwa 20 Jahren Atommüll eingelagert werden.

Im November 2011 gab Röttgen auf einer Sitzung mit Vertretern der 16 Bundesländer bekannt, nun doch eine Alternative zum Endlager Gorleben zu finden wollen.

Die Suche wird auf ganz Deutschland ausgeweitet. Selbst Bayern und Baden-Württemberg haben sich bereit erklärt, ein Lager einzurichten, sofern die nötige Sicherheit gewährleistet werden könne.

Salzstock im Endlager Gorleben

Jahrelang wurde Gorleben untersucht

Hohe Anforderungen an Endlager

Die Anforderungen an ein Endlager für hochradioaktiven Müll sind hoch: Grundlage für die Suche ist eine Langzeitsicherheit von einer Million Jahren.

Gesucht wird in Tiefen zwischen 300 und 1500 Metern, in denen beispielsweise Seismik, Störungspotenziale im Deckengebirge oder Isolationsvermögen des Gesteins stimmen müssen. Radioaktive Stoffe sind so lange gefährlich, bis sie in andere, nichtradioaktive Stoffe zerfallen sind.

Die Halbwertzeiten der Bestandteile vieler radioaktiver Abfälle zeigen, dass das lange dauert. Von Plutonium-239 zerfällt beispielsweise innerhalb von 24.400 Jahren die Hälfte (!) der Ursprungsmenge, bei Jod-129 liegt die Halbwertzeit bei 15,7 Millionen Jahren.

Auch der eigentliche Müll muss für die Endlagerung vorbereitet – in der Fachsprache "konditioniert" – werden. Eine Pilotkonditionierungsanlage wurde in Gorleben eingerichtet.

Dort wird erprobt, wie die vier Meter langen Brennstäbe verpackt werden können. Dafür vorgesehen sind sogenannte Pollux-Behälter, in die der radioaktive Müll aus den Castor-Behältern umgeladen werden muss.

Gelbe Fässer in einer unterirdischen Halle

Gibt es wirklich ein sicheres Endlager?

Autorin: Silke Rehren

Stand: 05.09.2018, 09:24

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