Der erste große Reaktorunfall

Blick auf die britische Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield in der englischen Grafschaft Cumbria.

Tschernobyl

Der erste große Reaktorunfall

Tschernobyl war nicht der erste Reaktorunfall in der Geschichte der Atomenergie. Wo fand der erste Störfall statt, bei dem es fast zum Super-GAU gekommen wäre?

Nach dem Zweiten Weltkrieg forcierten Großbritannien, die USA und die Sowjetunion den Bau von Atombomben. Das britische Kernkraftwerk Windscale im Nordwesten Englands sollte Großbritannien mit Plutonium für das britische Atombombenprogramm versorgen. Durch den Bau des Werkes katapultierte sich Großbritannien in den Kreis der Atommächte.

Doch das von 1947 bis 1950 zügig hochgezogene Werk hatte technische Defizite. Einmal im Jahr musste es für drei Tage ausgeschaltet werden.

Beim Herunterfahren am 10. Oktober 1957 kam es im Reaktorkern zu einem Brand, in dessen Folge sehr viel Radioaktivität freigesetzt wurde. Von der radioaktiven Wolke betroffen waren die Irische See, Großbritannien und das europäische Festland.

Vier Tage lang versuchte die Belegschaft, den Brand zu löschen. Glücklicherweise kam es nicht zu einer Explosion. Um den Reaktor hatte sich am Ende ein Löschsee von 9000 Kubikmeter radioaktivem Wasser gebildet. Das Gelände musste dekontaminiert werden.

Erst nachdem eine riesige radioaktive Wolke mit verdampftem Löschwasser zum Himmel aufgestiegen war, ahnte auch die benachbarte Bevölkerung, dass es im Reaktor Probleme gegeben hatte.

Offiziell wurde der Brand drei Jahrzehnte geheimgehalten. In späteren Untersuchungsberichten einigten sich Wissenschaftler auf etwa 100 Todesopfer. Wie viele es wirklich waren, sollte die Öffentlichkeit nie erfahren. Kurz nach dem Unfall wurde das Werk in Sellafield umbenannt.

Heute ist der ursprüngliche Sellafield-Reaktor nicht mehr in Betrieb. Stattdessen ist eine Wiederaufbereitungsanlage daraus entstanden, in der lange Zeit auch radioaktives Material aus Deutschland und der ganzen Welt verarbeitet wurde.

Sellafield gehört heute zu den ältesten Kraftwerken der Welt und machte in den vergangenen Jahren immer wieder negative Schlagzeilen. Zum Beispiel Ende Mai 2005: Da wurde bekannt, dass 83.000 Liter radioaktives Abwasser ausgetreten waren. Erst nach neun Monaten entdeckten Techniker ein undichtes Rohr. Nach Angaben der Betreiber wurde die Flüssigkeit komplett in der Anlage aufgefangen. Die Folge: Teile der Anlage sind stark kontaminiert.

Nach der Atomkatastrophe in Fukushima 2011 hat der Bedarf an radioaktiver Wiederaufbereitung stark abgenommen. 2018 soll das Werk endgültig schließen. Danach beginnen die Abbauarbeiten. Pläne für ein neues Atomkraftwerk in der Nähe von Sellafield liegen schon vor.

Autorin: Christiane Gorse

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Stand: 05.09.2018, 09:08

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