Ana Zirner macht ihr Leben öffentlich

Big Data

Ana Zirner macht ihr Leben öffentlich

Ana Zirner ist Regisseurin. Für ihr nächstes Theaterstück "Privacy" untersucht sie, wie Menschen leben, wenn Computer jeden Schritt registrieren und jede Handlung vorausberechnen. Ihr Versuchsobjekt: Sie selbst!

Ana Zirner sammelt seit Februar 2016 Daten über sich selbst – und zwar solche, die sie täglich an verschiedenen Stellen preisgibt: beim Surfen im Internet, bei der Nutzung eines Fitness-Armbands und bei Tests von Online-Partnerbörsen.

Ana macht also das, was viele normale User im Internet auch tun. Veröffentlicht wird ihre Datenspur für jeden sichtbar auf ihrer Homepage. Warum Ana das Experiment startet:

"In der Recherche geht's mir darum, Grenze zu spüren, weil ich mir das nicht vorstellen kann. Ich hab so diese Einstellung, die ich inzwischen selbst infrage stellen würde: Ich hab ja nichts zu verbergen, also warum sollte es mir was ausmachen? Und ich hab auf der anderen Seite das Gefühl, dass solange das keine Einzelpersonen sind, die meine Daten ausspähen, sondern so ganz abstrakte Firmen, dass mir das egal ist. Und das finde ich ganz furchtbar, dass es mir egal ist."

Ana Zirner, Theaterregisseurin

Selbstversuch der Kollegin Martina

Kollegin Martina macht genau das Gegenteil von Ana und zieht sich digital total zurück: kein Facebook mehr, kein WhatsApp, das Telefon schaltet sie nur noch zuhause und im Büro an. Wie ergeht es Martina im Verlauf des Projekts im Gegensatz zu Ana?

Ana Zirners Selbstversuch

Können Algorithmen die Regisseurin beeinflussen? Bei Persönlichkeits- und bei Dating-Profilen fühlt sich Ana jedenfalls nicht gut getroffen. Die Auswertungen erscheinen ihr oberflächlich.

Interessanter sind für sie die Körperdaten, die sie von einem Startup-Unternehmen erheben lässt. 50 Werte werden in einem mobilen Labor insgesamt gemessen, darunter Körperform, Fett- und Muskelmasse, Blutfette, Blutzucker, Leber- und Nierenwerte, Blutdruck, Puls und Lungenvolumen.

Algorithmen errechnen daraus Anas Körperalter und geben Empfehlungen, wie sie ihren Körper gesundheitlich optimierten kann. Das macht ihr im Laufe des Projekt sogar richtig Spaß und stachelt ihren Ehrgeiz an, gesteht sie.

Regisseurin Ana Zirner mit Fitnesstracker

Fitnesstracker

Die Auswertung dieser Messungen ergibt, dass Ana fast überall gute bis optimale Werte hat, nach dem umstrittenen Body-Mass-Index (BMI) aber auch leichtes Übergewicht.

Überwacht von Apps und Sensoren will Ana, die ohnehin sportlich ist, deshalb noch fitter werden. Und abnehmen. Früher ist sie Marathon gelaufen und will bald zumindest wieder einen Halbmarathon schaffen.

Die Fitness-Empfehlungen lässt Ana Zirner von ihrer Ärztin überprüfen und auch die rät dazu, weniger Kalorien aufzunehmen. Im Laufe des Projekts nutzt Ana noch eine weitere App, die die Auswertungen und Empfehlungen des Fitnesstrackers gegencheckt.

Zwischen-Fazit Ana

Anas Trainingswerte sind gut. Sie schafft das Zwei- bis Fünffache des Bewegungspensums, das von ihren Apps empfohlen wird. Obwohl sie am Tag nur noch 1.200 Kalorien isst, nimmt sie anfangs nicht ab. Die Regisseurin ist frustriert.

Nach drei Wochen hat Ana einen Kontrolltermin bei dem Startup-Unternehmen, das ihre Körperdaten gemessen hat. Obwohl die Auswertung erfreulich ist, findet Ana es gefährlich, anhand von Körperdaten die eigene Gesundheit zu optimieren. Ihr Zwischen-Fazit nach den ersten drei Wochen:

"Ich wollte es [die Gesundheitsdaten] ja auch wissen – und ich bin trotzdem überrascht, was das psychisch macht. Das war so ein mittelkleiner Zusammenbruch. Obwohl ich mich als psychisch stabilen Menschen sehe, das freiwillig mache und mich absichtlich in ein Experiment begebe, das ich auch absichtlich drei Wochen so durchziehe."

Ana Zirner

Nach dem Selbstversuch will Ana Zirner erstmal digital entgiften und wochenlang auf Smartphone, Fitnesstracker und Algorithmen verzichten. Sie spürt Abhängigkeitserscheinungen – und die Macht, die die Zahlen über sie haben.

Nach drei Monaten hat sie durch das Fitness-Programm – und durch ihren Ehrgeiz – sechs Kilogramm abgenommen.

Zwischen-Fazit Martina

Kollegin Martina hat beim Daten-Sparen unerwartet mehr Probleme als Ana mit ihrer Daten-Freizügigkeit: Es kommt zu Konflikten, weil Martina telefonisch kaum noch erreichbar ist.

Nachdem sie weder Facebook noch WhatsApp nutzt, wird sie regelrecht "aus dem sozialen Netz katapultiert", sagt Ana: Obwohl Martinas Freunde wissen, dass sie für ein Theater-Projekt eine Zeitlang "digital untertaucht", vergessen die Freunde, sie anzurufen, wenn die Gruppe sich digital verabredet hat.

Stand: 11.04.2018, 16:00

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