Cybermobbing – Schikane im Netz

Ein Mädchen sitzt vor einem Computerbildschirm. Sie legt die Hände vor ihr Gesicht. Im Hintergrund ist die Internetseite iShareGossip zu sehen.

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Cybermobbing – Schikane im Netz

Von Andrea Böhnke

Amanda Todd war ein ganz normaler Teenager. Wie Millionen andere in ihrem Alter auch surfte sie im Internet, chattete mit neuen Leuten und erstellte sich ein Facebook-Profil. Heute ist sie tot. Ein Unbekannter im Netz machte ihr das Leben zur Hölle.

Der Leidensweg der Amanda Todd

Im Oktober 2012 beging die junge Kanadierin Amanda Todd Selbstmord. Einen Monat vor ihrem Tod hatte sie ein acht Minuten langes Video im Videoportal YouTube eingestellt, in dem sie ihr jahrelanges Martyrium schilderte.

Amanda lernte ihren Peiniger in einem Internet-Chat kennen. Der Fremde machte ihr Komplimente und überredete sie, sich vor der Webcam zu entblößen. Dann wollte er mehr. Als er das nicht bekam, verbreitete er die Nacktaufnahmen in der Schule des Mädchens, sendete sie Freunden und Familie.

Amanda wurde zur Zielscheibe ihrer Mitschüler. Sie beleidigten und schikanierten sie – auf dem Schulhof und im Internet. Amanda wurde depressiv, trank Alkohol und nahm Drogen. Mehrere Male zog sie mit ihrer Familie um. Doch die Vergangenheit konnte sie nicht abschütteln.

Aufnahme aus einem YouTube-Video: Amanda Todd hält eine Karte in die Kamera. Darauf steht wörtlich übersetzt: Ich fühlte mich wie ein Witz in dieser Welt. Ich dachte, niemand verdient so etwas.

Amanda Todd in ihrem YouTube-Video

Ein Jahr später tauchte unter ihrem Namen ein falscher Facebook-Account auf. Das Profilbild: ein Nacktfoto, das sie dem Fremden aus dem Chat geschickt hatte. Amanda begann sich selbst zu verletzen und trank sogar Bleichmittel, um sich umzubringen. Doch sie überlebte.

Statt Verständnis oder Mitleid erntete sie von ihren neuen Mitschülern Spott und Hohn: "Sie verdient es" und "Ich hoffe sie ist tot" schrieben sie auf Facebook.

Sechs Monate später setzte Amanda ihrem jahrelangen Martyrium schließlich ein Ende. Mit 15 Jahren erhängte sie sich in ihrem Zuhause in Port Coquitlam, einer Stadt nahe Vancouver.

Das ist kein Einzelfall

Wer glaubt, die Geschichte von Amanda Todd sei ein Einzelfall, der irrt. Angriffe und Bloßstellungen per Internet oder Handy stellen ein ernstzunehmendes Problem dar – und auch in Deutschland gibt es Cybermobbing.

Zu diesem Ergebnis kamen die Autoren einer Studie von 2012, die in Deutschland durchgeführt wurde, die JIM-Studie (Jugend Information Multimedia). Für die Umfrage hatten Wissenschaftler des medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest mehr als 1000 Jugendliche im Alter von zwölf bis 19 Jahren befragt.

Etwa jeder Vierte von ihnen kannte demnach jemanden, der schon einmal im Internet "fertig gemacht" worden war. Jeder Sechste hatte wie Amanda erlebt, dass peinliche oder beleidigende Fotos und Videos ohne seine Einverständnis ins Netz gestellt worden waren.

Im Vordergrund ist die Silhouette eines Mannes zu sehen. Er sitzt vor einem Laptop. Im Hintergrund ist das Facebook-Logo groß abgebildet.

Soziale Netzwerke werden besonders für Mobbing-Attacken missbraucht

Anders als in den Medien oft dargestellt hat Cybermobbing in den vergangenen Jahren aber nicht zugenommen. "Cybermobbing gibt es, auch schon seit Längerem, aber den Daten der JIM-Studie zufolge wird es nicht mehr", sagt Ulrike Karg, eine Mitarbeiterin der Landesanstalt für Kommunikation in Baden-Württemberg (LFK). Die LFK ist Kooperationspartner bei der JIM-Studie.

Etwa jeder dritte Schüler war nach eigenen Angaben bereits Opfer von Cybermobbing. Zu diesem Ergebnis kamen die Autoren einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2011. Für die Studie hatten die Forscher etwa 1000 Schüler im Alter von 14 bis 20 Jahren befragt. Fast jeder Fünfte konnte sich dabei sogar vorstellen, selbst zum Täter zu werden.

Die Attacken der Jugendlichen reichen von Beleidigungen über Identitätsmissbrauch bis hin zum "Happy Slapping", einer besonderen Form des Cybermobbings: Ein Täter schlägt in der Realität auf einen Mitschüler oder Fremden ein, während ein anderer das Ganze mit seiner Handykamera filmt. Das Video wird dann an Freunde und Bekannte verschickt oder ins Netz gestellt.

Es kann jeden treffen

Cybermobbing stellt nicht nur unter Kindern und Jugendlichen ein Problem dar. Auch Erwachsene können betroffen sein. Das belegt eine Umfrage des Bundesamts für Sicherheit und Informationstechnik von 2011.

Für die Studie wurden 1000 Menschen befragt. Von denjenigen, die in einem sozialen Netzwerk angemeldet sind, waren zwölf Prozent bereits von Mobbing und sexueller Belästigung betroffen.

An einem Mast ist ein Vorfahrt-achten-Schild mit einem @-Zeichen befestigt. Darunter ist ein Warnhinweisschild mit der Aufschrift "Achtung! Cybermobbing!" angebracht.

Cybermobbing, die Angriffe im Netz

Auch Personen der Öffentlichkeit und Unternehmen sind vor virtuellen Mobbingattacken nicht sicher. Für sie stellen vor allem die so genannten "Shitstorms" ein Problem dar: Tausende User machen in diesem Sturm ihrem Ärger über ein bestimmtes Thema Luft, indem sie Nachrichten übers Internet verbreiten. Argumente werden hierbei mit Beleidigungen vermischt, wie die folgenden Beispiele zeigen:

Die deutsche Hochspringerin Ariane Friedrich veröffentlichte im April 2012 auf Facebook Namen und Adresse eines Mannes, der sie sexuell belästigt hatte. Die Folge: Tausende Facebook-Nutzer kritisierten ihr Vorgehen. Einer wünschte ihr, dass sie sich verletze und nicht bei den Olympischen Spielen antreten könne.

"Ich hatte immer wieder Angst", sagte Friedrich in einem Interview mit dem ZEITmagazin. Für einige Monate zog sie sich völlig aus der Öffentlichkeit zurück. Ihr offizielles Facebook-Profil löschte sie.

Ein weiteres Beispiel für einen Shitstorm lieferte das Unternehmen Amazon. Im Februar 2013 wurde publik, unter welchen Bedingungen die Beschäftigten dort arbeiten.

Danach hagelte es auf Facebook, Twitter und Co. von allen Seiten Kritik. Die Kunden warfen Amazon im Netz vor, die Mitarbeiter auszubeuten und kriminell vorzugehen. Auch von Sklaventreiberei ist die Rede. "Ekelhafter Sauladen", schrieb ein Facebook-User. Ein Kommentar, der eher zu den harmloseren gehört.

Das Mobben per Internet und Handy ist gefährlich

Cybermobbing unterscheidet sich nicht nur wegen der elektronischen Hilfsmittel vom klassischen Mobbing in der Schule oder am Arbeitsplatz. In der virtuellen Welt kann sich der Mobbende weitgehend anonym bewegen.

Chatrooms, Diskussionsforen und soziale Netzwerke überprüfen die Identität ihrer Nutzer in der Regel kaum: Männer geben sich als Frauen aus, Alte als Junge, Mitschüler als Fremde. Das macht es den Betroffenen und der Polizei oft schwer, Täter zu identifizieren.

Die Schikanen im Netz sind schnell und nachhaltig. Videos, Fotos oder Kommentare, die den Betroffenen bloßstellen, verbreiten sich in sozialen Netzwerken wie ein Lauffeuer. Einmal ins Netz gestellt ist es meist schwierig, die weitere Ausbreitung zu kontrollieren, geschweige denn zu stoppen.

Jemanden im Internet bloßzustellen, bietet dem Täter Vorteile: Er erreicht ein größeres Publikum als auf dem Schulhof oder in der Kantine.

Eine weitere Besonderheit: Das Internet schläft nie. Der Betroffene ist 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, den Attacken der Mobbenden ausgesetzt. Jedes Mal, wenn er das Handy oder den Computer einschaltet, muss er mit neuen Schikanen rechnen.

Sich aktiv gegen Cybermobbing wehren

Depressionen, Angstzustände, Selbstmord – Cybermobbing kann für die Betroffenen schwerwiegende Folgen haben. Das hat die Geschichte von Amanda Todd gezeigt. Daher gilt es, sich frühzeitig gegen die Attacken zu wehren.

Ein erster Schritt ist es, sich Familie und Freunden anzuvertrauen. Sind Kinder und Jugendliche betroffen, sollten die Lehrer informiert werden. Darüber hinaus ist es ratsam, Beweismaterialien wie E-Mails, Kommentare oder SMS zu speichern.

Schüler demonstrieren gegen Cybermobbing. Im Vordergrund hält ein Mädchen ein Schild mit der Aufschrift "Wir stoppen Cybermobbing" hoch.

Proteste gegen Cybermobbing

Sind Bilder, Videos oder falsche Profile des Betroffenen im Umlauf, sollte er beim Netzwerkbetreiber die Löschung beantragen. Das ist nicht immer leicht. Professionelle Reputations-Manager bieten daher an, unliebe Daten zu beseitigen. Das kostet allerdings was.

In schwerwiegenden Fällen empfiehlt die Polizei, sofort Anzeige zu erstatten. Das Cybermobbing vereinigt verschiedene Einzelstraftaten wie Beleidigung, Verleumdung oder Gewaltdarstellung. Auch Kinder und Jugendliche können nach dem Jugendgerichtsgesetz zur Verantwortung gezogen werden.

Stand: 22.10.2019, 16:10

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