Schwarmintelligenz – der schlaue Mob

Menschenmasse demonstriert mit erhobenen Händen.

Social Media

Schwarmintelligenz – der schlaue Mob

Von Alexandra Stober

Guttenplag, Flashmobs, Demonstrationen: Menschen organisieren sich über soziale Netzwerke. Mit ihren Smartphones sind sie permanent mit Gleichgesinnten in Kontakt – sie agieren wie im Schwarm. Die Aufstände in Ägypten und Tunesien haben gezeigt: Wer gut vernetzt ist, kann selbst übermächtige Regimes in die Knie zwingen.

Facebook und Twitter als Waffen

Auf einmal ging im Internet nichts mehr. Webseiten wie Twitter und Facebook waren eines Nachts im Januar 2011 vollständig blockiert – ein Werk des damaligen ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak in Ägypten.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde deutlich, dass bei den autoritären Regimes dieser Welt angekommen ist, welch wirksame Waffen soziale Netzwerke sein können. Denn mit deren Hilfe kann man in Windeseile Informationen verbreiten und Demonstrationen organisieren.

So wurde beispielsweise die ägyptische Facebook-Seite des anonymen Administrators ElShaheeed im Januar 2011 von mehr als 420.000 Nutzern gelesen. Daneben gab es sekündlich neue Twitter-Textnachrichten über die Lage in Ägypten.

Mubarak wollte diese rasant wachsende Online-Vernetzung unterbinden – doch fanden seine Gegner immer wieder Schlupflöcher im Internet, um ihre Botschaften zu verbreiten.

Ketten-SMS gegen den Präsidenten

Schon seit geraumer Zeit beschäftigt sich der amerikanische Soziologe Howard Rheingold damit, wie neue Medien-Technologien die Gesellschaft und die Politik beeinflussen. Er kam zu dem Schluss: Gleichgesinnte, die sich etwa mithilfe von Mobiltelefonen vernetzen und so als Smart-Mob spontan auf Veränderungen in ihrem Umfeld reagieren, können einen politischen Umschwung erreichen.

Bereits zehn Jahre vor der arabischen Rebellion erzwang eine Smart-Mob-Bewegung den Sturz des philippinischen Präsidenten im Jahr 2001: Wo immer der unter Korruptionsverdacht stehende Joseph Estrada erschien, organisierten Menschen Demonstrationen mithilfe von weitergeleiteten SMS (Short Message Service) und Internet-Botschaften. Tausende versammelten sich an verschiedenen öffentlichen Plätzen in Manila und jagten Estrada letztendlich aus dem Amt.

Rheingold, aber auch andere amerikanische Soziologen entwickelten gar Begriffe für das, was auf den Philippinen geschehen war. So entstand beispielsweise "Adhocracy" als Abkürzung von Ad-hoc-Demokratie.

Außerdem bezeichneten sie die Demonstranten als kluge "Thumb Tribes", zu Deutsch "Daumen-Stämme" – denn SMS werden normalerweise mit dem Daumen getippt. Alles in allem waren die Ereignisse in Manila für die Soziologen ein verblüffender Ausbruch "symbiotischer Intelligenz", also Schwarmintelligenz.

Netzwerk-Forschung mit roten Ballons

Um das Sozialverhalten der Menschen in Computer-Netzwerken zu untersuchen, startete die Forschungsbehörde DARPA des US-Verteidigungsministeriums einen Wettbewerb.

Am 5. Dezember 2009 platzierte die DARPA zehn rote Ballons für jeweils sechs Stunden an öffentlichen und gut sichtbaren Plätzen in den USA. Die Teilnehmer sollten innerhalb von zehn Tagen die Längen- und Breitengrade der Ballons ermitteln. Wie sie das machten, war der DARPA egal.

Die Forscher spekulierten, dass vor allem jene Versuchsteilnehmer gute Chancen haben würden, die über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter vernetzt sind. Und so war es: Ein Team des Massachusetts Institute of Technology (MIT) nutzte die Schwarmintelligenz, indem es seine Freunde im sozialen Netzwerk aufforderte, nach dem Ballon zu suchen.

Wer mitmachen wollte, erhielt einen Registrierungslink, mit dem er noch weitere Personen über Twitter, Facebook und Co. einladen sollte. Dabei versprachen sie ihren Helfern Teilhabe an den 40.000 Dollar Preisgeld. Das schien zu wirken: Das MIT-Team schaffte es, die Ballons in weniger als neun Stunden zu finden – innerhalb eines Bruchteils der vorgegebenen Zeit.

Fahrradpulks für radfreundliche Städte

Die Anhänger der Critical-Mass-Bewegung vernetzen sich ebenfalls über soziale Netzwerke und mobile Technologien: Vom Mountainbike über Rennräder bis hin zum Einrad – Radfahrer treffen sich scheinbar zufällig und unorganisiert an einem Platz und fahren gemeinsam durch die Innenstädte. Damit wollen sie auf ihre Rechte gegenüber dem motorisierten Verkehr aufmerksam machen.

Die Bewegung funktioniert ganz nach den Prinzipien der Selbstorganisation eines Schwarms, hat sie doch keine Verantwortlichen und damit keine zentrale Steuerung. Die Teilnehmer sollen sich lediglich an spezielle Regeln halten.

Die erste Critical-Mass-Fahrraddemo gab es im September 1992 in San Francisco. Seitdem treffen sich Radfahrer weltweit mehr oder weniger regelmäßig. In Deutschland gibt es die größte Critical Mass in Berlin.

Die Erste startete dort im September 1997 mit zunächst weniger als 20 Teilnehmern. Inzwischen sind es rund 400 bis 500 Menschen, die regelmäßig gemeinsam für ihre Rechte auf der Straße radeln.

Fahrradfahrer fahren mitten auf der Straße und demonstrieren gegen George W. Bush.

Diese Critical Mass richtete sich gegen George W. Bush

Stand: 31.01.2018, 09:36

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