Problemfall Staufen

Große Risse an einer Hauswand

Erdwärme

Problemfall Staufen

Von Wolfgang Richter

Kaum ein anderer Ort in Deutschland verdeutlicht die Risiken der Geothermie besser als Staufen im Breisgau. Mehr als 270 Häuser wurden dort teilweise massiv beschädigt. Ursache dafür war eine Erdwärmebohrung.

Mein Haus bricht auseinander!

Was für eine Horrorvorstellung: Der Boden unter dem eigenen Haus bewegt sich, setzt dadurch die Wände unter Spannung, sorgt für armdicke Risse in den Wänden, im Boden, verformt Fensterrahmen und lässt Fensterscheiben bersten.

Und weil der Boden nicht zur Ruhe kommt, beginnt ein Leben auf einer Baustelle. Immer wieder Löcher notdürftig zuspachteln, Böden reparieren – und trotzdem nur maximal zwölf Grad im Winter, weil das Haus einfach nicht dichtzukriegen ist.

All das erlebten vielen Anwohner der Altstadt von Staufen im Breisgau– und es ist noch nicht vorbei! Die Altstadt hebt sich immer noch, wenn auch nicht mehr so drastisch wie vor einigen Jahren.

Ursache ist eine folgenschwere, aber in bester Absicht getroffene Entscheidung des Stadtrats im Jahr 2007: Das historische Rathaus sollte mit umweltfreundlicher Erdwärme geheizt werden. Dafür war hinter dem Gebäude eine 150 Meter tiefe Erdwärmebohrung erforderlich. Im Boden befinden sich jedoch zwischen wasserführenden Schichten Lager des Minerals Anhydrid.

Diese wurden bei der Erdwärmebohrung durchstoßen. Wegen undichter Bohrwände drang Grundwasser in die Mineralschicht ein und das Anhydrid verwandelte sich in Gips. Der ganze Untergrund quoll auf und fing an sich zu heben.

Eine Spezialfirma versucht Bohrlöcher abzudichten

Der Boden hebt sich immer noch um drei Millimeter pro Monat

Ende noch nicht in Sicht

Im Dezember 2009 begann eine Spezialfirma, die Bohrlöcher abzudichten. Sie setzte dabei auf eine neue Technik und speziell entwickelten Zement. Für ein Lagerhaus und Teile des alten Bauamtes kam die Maßnahme aber zu spät, sie mussten abgerissen werden.

Immer neue Brunnen wurden gebohrt, um Wasser aus dem Untergrund zu entfernen und so das Quellen zu stoppen. Heute hebt sich der Boden immer noch um gut drei Millimeter pro Monat – insgesamt hat er sich bis jetzt um etwa einen halben Meter nach oben bewegt. Und der Gips kann noch etliche Jahre weiter nachquellen.

Finanzielle Einigung

Zum Glück hatten die Betroffenen recht schnell die Idee, sich zusammenzuschließen. Fast alle sind heute in der "Interessengemeinschaft der Riss-Geschädigten" (IGR) organisiert. Und nach anfänglichem Streit mit der Stadt zeigt sich diese nun in Sachen Schadensersatz kooperativ.

Im Jahr 2010 konnte die IGR mit der Stadt Staufen und auch mit dem Land Baden-Württemberg eine Schlichtungsvereinbarung erreichen, die im Prinzip alle entstehenden Schäden abdecken soll.

60 Millionen Euro sind dafür veranschlagt. Vorgesehen sind Entschädigungen für Häuser, die aus dringenden Gründen und womöglich weit unter Wert verkauft werden müssen.

Großer Riss an einer Hauswand

Die Betroffenen schlossen sich schnell zusammen

Viele Fragen bleiben offen

Ob das Geld für alle Geschädigten ausreicht, ist aber noch offen. Schwierig ist auch die Entscheidung, wann man endlich mit umfangreicheren Renovierungsarbeiten beginnen kann. Die Hebungsprozesse sind ja noch nicht abgeschlossen. Viele Betroffene müssen also weiter mit notdürftigen Reparaturen leben.

Ebenfalls unklar ist, ob die Schuldfrage jemals geklärt werden kann. Hier schieben sich die Stadt und das für die Bohrgenehmigung verantwortliche Geologische Landesamt gegenseitig die Verantwortung zu.

Dass auch bei der Bohrung seitens der Bohrfirma Fehler gemacht wurden, ist offensichtlich. Es gab Lecks in den Bohrwandabdichtungen. So konnte Wasser in die Anhydridschicht gelangen.

Stand: 12.10.2018, 13:30

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