"Wir sind zur Energiewende verpflichtet"

Porträtaufnahme von Felix Ekardt.

Interview

"Wir sind zur Energiewende verpflichtet"

Professor Felix Ekardt leitet die Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin. Als Jurist, Philosoph und Soziologe beschäftigt er sich insbesondere mit Gerechtigkeitstheorie, Umweltrecht und der Energiewende.

Planet Wissen: Herr Ekardt, Sie sagen, bei der Energiewende geht es um Ethik – inwiefern?

Felix Ekardt: Es ist eine Tatsache, dass nicht alle Menschen weltweit und auf Dauer so leben können, wie wir das heute tun. Mit unserem Lebensstil schaden wir folgenden Generationen und Menschen in anderen Ländern, die genau wie wir Träger der Menschenrechte sind.

Abgesehen von Klimakatastrophen und extremen Wetterereignissen, die zunehmen werden – wie schaden wir anderen?

Wenn wir nicht aus den fossilen Brennstoffen aussteigen, deren Nutzung sehr negative Folgen hat, schränken wir viele Menschen massiv in ihrer Freiheit ein. Ohne eine echte und globale Energiewende wird ihre ganze Lebensgrundlage zerstört.

Lässt sich denn die Freiheit der Betroffenen des Klimawandels mit unserer Freiheit, den Lebenswandel frei zu wählen, überhaupt vereinbaren?

Wie immer bei Grundrechten muss man abwägen. Das Recht auf Selbstentfaltung ist in unserer Gesellschaft das Grundprinzip. Doch es ist zugleich ein universales Recht: Dieses Recht haben andere auch! Hier geraten verschiedene Freiheitssphären miteinander in Konflikt. Ein stabiles Globalklima gehört zum Existenzminimum. Ohne diese Voraussetzung kann es keine Freiheit geben.

Was braucht es denn für eine gerechtere Verteilung?

Klar ist: Die Energie- und Klimawende ist unsere Pflicht, ethisch und rechtlich. Das heißt auch, dass wir unseren westlichen Lebensstil in Frage stellen und unser Verhalten ändern müssen.

Und vor allem müssen wir eine andere Politik machen, die genau dafür die Rahmenbedingungen setzt. Das erleben die meisten als eine Verminderung von Freiheit, zum Beispiel beim Konsum. Dabei machen ständiges Wirtschaftswachstum und Konsum keineswegs glücklicher, sobald die Grundbedürfnisse einmal erfüllt sind.

Heißt das, man darf nicht mehr guten Gewissens Auto fahren?

Es muss immer abgewogen werden: Person A will heute Auto fahren, Person B will dagegen keine Hochwasserkatastrophe in 50 Jahren. Beide Interessen kollidieren. "Mein Auto, mein Steak" – das sind scheinbar private Entscheidungen.

Tatsächlich sind es politische Fragen. Mancher fühlt sich durch klimapolitische Maßnahmen wahrscheinlich bevormundet. Doch wenn mein Handeln andere beeinträchtigt, wie im Falle des Klimawandels, ist politisches Handeln gerechtfertigt.

Welche klimapolitischen Maßnahmen sind denn notwendig?

Konkret heißt das: Jeder Mensch darf bis 2050 maximal 1,5 bis zwei Tonnen Treibhausgasemissionen pro Jahr verursachen, um das völlige Chaos zu vermeiden. Schäden gäbe es bei diesen Zahlen trotzdem.

Wie kann man dieses Ziel erreichen?

Wir müssen aus der Nutzung der fossilen Brennstoffe aussteigen. Nicht nur beim Strom, auch bei Wärme, Treibstoff und stofflichen Nutzungen wie Mineraldünger und Kunststoffen. Indem wir sie schrittweise verteuern.

Welche Rechte, außer dem Recht auf Freiheit, werden durch den Klimawandel und eine zögerliche Energiewende noch bedroht?

Das Recht auf eine stabile Nahrungs- und Wasserversorgung und die Abwesenheit von Kriegen um schwindende Ressourcen. All das wird durch den Klimawandel massiv bedroht.

Sind denn Klimakriege schon Realität?

Es ist sicherlich so, dass Konflikte wie in Nigeria, dem Kongo und der Sahelzone durch den Klimawandel und dadurch bedingte Versorgungsprobleme befeuert werden.

In vielen Regionen werden Nahrung und Wasser zunehmend knapp, das führt zu einem Dominoeffekt. Zum Beispiel zu Flüchtlingsströmen hin zu sicheren, reichen Ländern, nach Europa, nach Deutschland. Dieser Prozess ist schon in vollem Gange.

Interview: Katharina Bueß

Stand: 02.02.2016, 12:00

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