Drachenflucht aus der DDR

Volkmar Kienöl auf einem Hochhausdach

Drachenfliegen

Drachenflucht aus der DDR

Von Annika Zeitler

Im November 1986 versuchten Volkmar Kienöl und sein Freund Klaus Kuschmierz mit einem Drachen aus Ostberlin zu fliehen. Der Plan: von einem Hochhausdach in der Leipziger Straße in Berlin-Mitte direkt vor das Axel-Springer-Gebäude in den Westen segeln. Mit Planet Wissen sprach Volkmar Kienöl über nächtliche Näharbeiten und Flugtraining unter erschwerten Bedingungen.

Planet Wissen: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ausgerechnet mit einem Drachen aus der DDR zu fliehen?

Volkmar Kienöl: In der sowjetischen Zeitschrift "Sputnik" gab es Mitte der 80er Jahre Berichte übers Drachenfliegen. Mein Freund Klaus hatte schon immer den Traum vom Fliegen. Er war Segelflieger bei der Gesellschaft für Sport und Technik (GST), einer Jugendorganisation der DDR. Er musste allerdings den Flugsport auf Druck der Regierung aufgeben. Wir hatten uns bei der Armee kennengelernt und wollten beide das Land verlassen.

Mit einem Drachen hatte es zu diesem Zeitpunkt noch niemand probiert. Heute weiß ich, dass wir ein großes Risiko eingegangen sind. Aber wir waren damals wie elektrisiert von der Idee. In Berlin-Mitte haben wir vier Hochhäuser dicht an der Grenze zu Westberlin entdeckt, die für unsere Flucht mit dem Drachen in Frage kamen: 25 Stockwerke hoch, Flachdächer, Entfernung über die Mauer keine 200 Meter und der Landeplatz direkt vor dem Axel-Springer-Haus.

Woher wussten Sie, wie man einen Drachen baut?

In den besagten Zeitschriften wurde genau beschrieben, wie man einen Drachen baut: Wir brauchten nur Aluminiumrohr für das Grundgerüst und jede Menge Stoff. Aber das war gar nicht so einfach. Denn dicke Aluminiumrohre waren in der DDR sehr schwer zu bekommen.

Klaus arbeitete damals als Beleuchter an der Oper und hatte so die Möglichkeit, an diese Rohre heranzukommen. Das war ein Glücksfall! Eines Abends haben wir dann einen Teil der Kulisse zersägt, die schon längere Zeit nicht mehr benutzt worden war – keiner hat etwas bemerkt.

Und für die Segeltücher bin ich quer durch die Republik gefahren. Hätten wir das in einem Stück gekauft, wären wir sofort aufgeflogen. So haben wir zweimal 16 Quadratmeter Stoff für unsere Drachen aus Stofffetzen für Modellflugzeuge zusammengenäht. Da ratterte nachts die Nähmaschine in meiner Berliner Wohnung. Ein Nachbar hat sich wegen Ruhestörung beschwert und unser Projekt wäre fast aufgeflogen.

Haben Sie die Drachen vor Ihrer Flucht ausprobiert?

Wir haben die Testflüge an einem Übungshang außerhalb von Berlin gemacht. Den Platz kannte mein Freund noch aus seiner Zeit als Segelflieger. Wir haben uns Nächte mit Vollmond dafür ausgesucht. Ansonsten hätten wir gar nichts gesehen, tagsüber konnten wir natürlich nicht fliegen.

Unsere Drachen haben wir in Teppichrollen im Trabant transportiert. Die gingen genau diagonal rein in den Kombi. Den Trabi haben wir an der Wiese abgestellt und mit Scheinwerfern spärlich den Hang beleuchtet. Nach nur zwei Trainingsnächten mit Blessuren an Knie und Kinn waren wir uns sicher: Wir können den Flug vom Hochhaus wagen.

Was haben Sie als Nächstes getan?

Wir mussten uns erst einmal Zugang zu den vier Hochhäusern verschaffen, die wir uns vom Berliner Fernsehturm ausgeguckt hatten. Aber die Auswahl erübrigte sich sehr schnell. Denn wir kamen nur auf das Dach des Hochhauses in der Leipziger Straße 41. Hier war nur ein einfaches Scharnier, das wir problemlos aushebeln konnten. Bei den anderen Häusern waren die Aufgänge zum Dach besonders gesichert.

Zuerst haben wir unsere Drachen in der Zwischendecke versteckt. Dann mussten wir nur noch auf geeignetes Wetter mit Wind aus der richtigen Richtung warten. Nach vier Wochen wurden wir schon sehr nervös. Wenn nun doch jemand im Haus die Drachen entdecken würde…

Aber am 9. November 1986 war das Wetter dann günstig und Sie entschieden sich, die Flucht zu wagen. Wie war das genau?

Wir sind spät in der Nacht auf das Dach, haben unsere Drachen leise aufgebaut und bis in die frühen Morgenstunden mit unserem Flug gewartet. Das war Stress und Adrenalin pur, denn wir hatten natürlich permanent Angst entdeckt zu werden. Im Hochhaus wohnten überwiegend Mitarbeiter der Stasi und Bürger, die dem Staat wohlgesonnen waren.

Wir rauchten da oben eine Zigarette nach der anderen. Dann haben wir irgendwann Streichhölzer gezogen, wer zuerst fliegen sollte. Es traf meinen Freund Klaus. Er rannte auf dem Flachdach an, wollte sich über die Kante stürzen und blieb mit dem Fuß hängen.

Es klapperte. Klaus fiel in die Tiefe. Er konnte zwar den Drachen stabilisieren, aber er hatte schon zu viel Höhe verloren, bis in den Westen reichte das nicht mehr. Er landete dann im Schulhof direkt vor dem Hochhaus. Ich bin sofort runter und uns beiden war klar, wir müssen da so schnell wie möglich weg.

Wie ging es dann weiter?

Wir sind mit dem Zug nach Chemnitz und wollten von dort über die Tschechoslowakei in die Bundesrepublik fliehen. Die Stasi hatte in der Zwischenzeit schon alle Spuren auf dem Hochhausdach in der Leipziger Straße gesichert. Am 13. November wurden wir an der tschechischen Grenze zur Bundesrepublik geschnappt und mit einem Flugzeug zurück nach Berlin gebracht.

Wir wurden wochenlang verhört und zu drei Jahren Freiheitsentzug wegen "besonders schweren Angriffs auf die sozialistische Staatsgrenze" verurteilt. Mein Freund Klaus ist ein Jahr später, im August 1987, freigekauft worden. Ich bin im Dezember 1987 durch eine Amnestie freigekommen.

Drachenflieger in der Luft

Seit den 90ern fliegt Kienöl regelmäßig

Sind Sie nach Ihrer missglückten Flucht je wieder Drachen geflogen?

Ja, ich bin Anfang der 90er Jahre wieder geflogen und habe eine Flugschule besucht. Seitdem fliege ich regelmäßig. Drachenfliegen ist eine Faszination, von der man nicht mehr loskommt. Heute weiß ich auch, was wir damals falsch gemacht haben: Unsere Fluggeräte waren nicht für einen Klippenstart geeignet. Eine kleine Startrampe hätte gereicht, um wie ein Albatros in die Luft zu kommen und zum Axel-Springer-Haus zu segeln.

Weiterführende Infos

WDR | Stand: 22.01.2016, 11:00

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