Interview: Kapitänleutnant Bettina Semmler

Gast Kapitänleutnant Bettina Semmler

Frauen im Dienst der Marine

Interview: Kapitänleutnant Bettina Semmler

Bettina Semmler ist die erste Hubschrauberpilotin der Deutschen Marine. 2007 bestand sie ihre Abschlussprüfung. Mit ihrer Leidenschaft für das Fliegen und ihren Fähigkeiten konnte sie sich in der Männderdomäne behaupten. Für Bettina Semmler waren Vorurteile männlicher Kollegen kein Problem. Mit der gleichen Souveränität meisterte sie auch ihre Auslandseinsätze.

Planet Wissen: Sie waren bereits mehrfach im Auslandseinsatz - Wie haben Ihre männlichen Kameraden auf die erste Hubschrauberpilotin der Marine reagiert?

Bettina Semmler: Bei allen meinen Auslandseinsätzen war ich mit dem Bordhubschrauber auf einer Fregatte unterwegs. Bei einer Besatzung von rund 230 Soldaten und maximal zehn Prozent Frauen fällt man da natürlich auf. Wenn man dann auch noch Fliegerkombi trägt, ist man sehr schnell bei allen bekannt.

Mir wurde oft die Frage gestellt, ob ich denn auch Pilotin sei und selber fliegen würde. Als ich diese Frage bejahte, haben meine männlichen Kameraden ausschließlich positiv reagiert. Viele sprachen mir sogar ihre Bewunderung aus. Natürlich wird immer noch ein bisschen genauer hingesehen, wenn eine Frau am Steuer eines Hubschraubers sitzt. Aber ich empfand dies mehr als Ansporn, denn als negativ.

Mein erster Kommandant war wirklich stolz darauf, die erste Marinefliegerin bei ihrem ersten Auslandseinsatz auf seinem Schiff zu haben. Über mangelnde Akzeptanz bei meinen Kameraden konnte ich mich also zu keinem Zeitpunkt beschweren. Ich bin der Meinung: Wer seine Aufgabe zuverlässig und gut erfüllt, ist in der Marine angesehen – egal ob Mann oder Frau!

Ihr Beruf kann auch gefährlich sein. Am Horn von Afrika haben Sie an der Anti-Piraterie-Mission teilgenommen. Gibt es trotzdem das Klischee, Soldat ist ein Männerberuf?

Ich denke schon, dass der Soldatenberuf nach wie vor als Männerdomäne angesehen wird. Das hängt nicht unbedingt nur mit der Gefahr zusammen, der man als Soldat insbesondere bei Auslandseinsätzen ausgesetzt ist. Ein Soldat muss natürlich bereit sein, im Einsatzfall jemandem das Leben zu nehmen oder im schlimmsten Falle sein eigenes Leben zu geben. Die hierzu notwendigen Charaktereigenschaften werden primär Männern zugeschrieben.

Aber auch die im täglichen Dienstbetrieb notwendige körperliche Leistungsfähigkeit und der Umgang mit Waffen und komplexen Waffensystemen verlangt von einem Soldaten Fähigkeiten und Fertigkeiten, die als typisch für das männliche Geschlecht angesehen werden. Das Klischee eines Männerberufs kann ich daher nachvollziehen.

Marinehubschrauber im Landeanflug auf einer Fregatte, an Bord steht ein Einweiser

Marinehubschrauber im Landeanflug auf einer Fregatte

Auch wenn es Unterschiede gibt: Was können Frauen vielleicht sogar besser als Männer?

Frauen können körperlich nicht das gleiche leisten wie Männer, das ist Fakt. Dennoch können Frauen, bei entsprechendem Training, allen Anforderungen in der Bundeswehr gerecht werden. In speziellen Bereichen wie den Spezialkräften ist es für Frauen extrem schwer, die geforderte Leistung zu erbringen. Dies ist bei einem Großteil der männlichen Kameraden allerdings auch der Fall.

Ich denke, dass es sehr stark von dem Menschen selbst abhängt: Einiges kann man gut, anderes weniger. Deshalb tue ich mich schwer, ein für Frauen besonders geeignetes Einsatzgebiet bei der Bundeswehr zu finden. Frauen wird meist ein besseres Einfühlungsvermögen als Männern zugeschrieben. Und ein Großteil der Frauen fühlt sich sehr wohl mit Bürotätigkeiten. Jeder sollte das machen, was am meisten Spaß macht und was man auch tatsächlich gut kann.

Heißt das, Frauen wollen nicht anders behandelt werden?

Ich möchte grundsätzlich nicht anders behandelt werden als meine männlichen Kameraden. Frauen müssen die gleichen Rechte und Pflichten haben wie Männer und die an sie gestellten Anforderungen erfüllen.

Ein Beispiel: Ein Soldat bei der Infanterie ist trotz Training nicht in der Lage, die von ihm geforderte Menge an Gepäck bei einem Marsch zu tragen. Dann ist er als Infanterist nicht geeignet. Das betrifft Mann wie Frau, und es darf, meiner Meinung nach, keinerlei Ausnahmen geben.

Beim persönlichen Umgang miteinander darf es allerdings Unterschiede geben, und die gibt es auch. Meist werden Frauen zuvorkommender und höflicher behandelt. Als Stichwort sei hier das Aufhalten einer Tür durch einen Vorgesetzten genannt. Im Berufsleben außerhalb der Bundeswehr und im Privatleben ist dieses Verhalten völlig normal und bietet keinerlei Diskussionsgrundlage.

Die Einhaltung gesellschaftlicher Umgangsformen ist meiner Meinung nach eine Selbstverständlichkeit. Warum sollte man diese, nur weil man in einer Armee ist, ändern. Trotzdem: Jeder Mensch ist ein Individuum um muss auch als solches behandelt werden. Ich kann in diesem Punkt natürlich nur für mich selbst sprechen. Aber ich weiß, dass viele Soldatinnen diesbezüglich so denken wie ich.

Beispielsweise sind ja auch alle Dienstgradbezeichnungen männlich...

Die männlichen Dienstgradbezeichnungen stören mich keineswegs. Da die Ansprache trotzdem mit "Herr oder Frau" erfolgt, ist die Unterscheidung zwischen Mann und Frau jederzeit gegeben. Für mich sind die Dienstgradbezeichnungen "Unisex". Eine Umbenennung der Dienstgrade für Frauen lehne ich daher ab.

Zudem würden mich Bezeichnungen wie "Frau Bootsfrau" anstatt "Frau Bootsmann" und "Frau Leutnantin" anstatt "Frau Leutnant" stören. Das hört sich doch echt blöd an, oder?

Über was sollte man sich als Frau im Klaren sein, bevor man zur Bundeswehr geht?

Soldat zu sein ist für mich mehr als ein Job. Man sollte sich daher, bevor man diese Berufswahl trifft, sehr gut darüber informieren, was auf einen zukommt. Dort ist nicht nur der Wehrdienstberater der richtige Ansprechpartner, sondern im Idealfall auch ein Soldat, der das macht, was man selbst später gerne machen würde. Ich empfehle daher jedem, ein Truppenpraktikum zu machen. Man hat so die einmalige Gelegenheit, sich direkt vor Ort ein eigenes Bild zu machen.

Zudem muss Mann und Frau sich wirklich mit der Frage beschäftigen, ob er oder sie tatsächlich Soldat sein möchte. Man geht nicht nur zur Bundeswehr um dort zu studieren oder eine Ausbildung zu machen. Da hängt viel mehr mit dran. Auslandseinsätze sind ein Thema, um das sich niemand drücken kann. Wer sich bewirbt, sollte auch die Bereitschaft haben, in den Einsatz zu gehen und alle Konsequenzen die daraus entstehen zu tragen.

Zudem muss man damit klar kommen, dass man besonders in der Anfangszeit durch ganz Deutschland reist um zum Beispiel Lehrgänge zu absolvieren. Auch muss jedem bewusst sein, dass man innerhalb von Deutschland versetzbar ist. Die Chancen, heimatnah "verwendet zu werden", wie wir in der Marine sagen, sind nicht sehr groß.

Ich finde den Beruf des Soldaten wirklich toll! Man kann unendlich viele verschiedene Dinge machen, man kann sich immer wieder verändern und tolle Länder und Leute kennenlernen. Monotonie ist in diesem Beruf ein Fremdwort! Aber jeder Beruf hat seine Vor- und Nachteile. Man muss sich möglichst objektiv damit auseinander setzten und dann eine Entscheidung treffen. Das gilt für Männer und für Frauen. Den Frauen kann ich nur sagen: Traut Euch! Soldaten sind auch nur Menschen!

Junge Frau in der Marineschule sitzt vor einem PC

Junge Frau in der Marineschule Flensburg-Mürwick

Muss man sich gleich verpflichten oder kann man auch erstmal so reinschnuppern?

Es ist möglich, mit einem Widerrufsrecht für die ersten sechs Monate der Dienstzeit eingestellt zu werden. Man kann dann ohne die Angabe von Gründen innerhalb der ersten sechs Monate die Bundeswehr wieder verlassen, und zwar sofort. Danach ist das nicht mehr so einfach möglich. Die Bundeswehr kann es sich verständlicher Weise nicht leisten, Leute für viel Geld auszubilden und diese dann beispielsweise nach dem Studium wieder gehen zu lassen.

Ich persönlich wurde mit dem Widerrufsrecht eingestellt und würde dies auch wieder so machen. Man weiß vorher nicht, ob der Dienst bei der Bundeswehr den eigenen Vorstellungen entspricht und ob es einem wirklich Spaß macht. Der Beruf eines Soldaten ist einfach nichts für jeden. Dennoch würde ich die Flinte nicht zu früh ins Korn werfen. Die Bundeswehr besteht nicht nur aus der gefürchteten Grundausbildung. Die ersten drei Monate sind nicht repräsentativ dafür, was man anschließend macht.

Deshalb würde ich persönlich, wenn einem das Soldatsein generell gefällt, immer warten, bis man in sein eigentliches Aufgabenfeld hineingeschnuppert hat. Man sollte aber auch konsequent sein und von seinem Widerrufsrecht gebraucht machen, wenn man merkt, dass der Beruf wirklich nichts für einen ist.

Hatten Sie nie Sorge, mit Ihrem resoluten Auftreten als unweiblich zu gelten?

Sicherlich hatte und habe ich diese Sorge. Erfolgreiche Frauen werden automatisch in diese Schublade geschoben. Aber bei Männern in Frauenberufen ist das nicht anders. Da muss man drüber stehen! Ich schäme mich nicht dafür, dass ich gut in meinem Beruf bin und Spaß habe, nur weil es ein Männerberuf ist. Ist der Männerwelt sollte man meiner Meinung nach resolut auftreten, um ernst genommen zu werden.

Was glauben Sie: Ist Bundeswehr und Familie vereinbar?

Ich glaube, dass Bundeswehr und Familie tatsächlich vereinbar sind. Man kämpft als Bundeswehrangehöriger an den gleichen Fronten, Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen, wie überall anders auch. Sicherlich belasten lange Abwesenheiten durch Auslandseinsätze und auch andere dienstliche Verpflichtungen außerhalb des eigenen Standortes das Familienleben. Aber das ist alles eine Frage der Organisation.

Aus vielen Erfahrungen meiner Kameraden weiß ich, dass, wenn man ehrlich auf seinen Chef zugeht und ihm ein Problem schildert, die Bundeswehr viel möglich machen kann. Ich spreche hier von individuell auf die Soldaten zugeschnittenen Lösungen! Ehrlichkeit und Vertrauen sind hier der Schlüssel zum Erfolg.

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