Im Interview: Roland Baar

Portraitaufnahme von Roland Baar.

Autoland Deutschland

Im Interview: Roland Baar

Von Frank Drescher

Roland Baar war promovierter Ingenieur und Professor für Fahrzeugantriebe an der TU Berlin. Planet Wissen hat mit ihm Anfang 2018 über die Zukunftsaussichten der deutschen Automobilwirtschaft gesprochen. Roland Baar verunglückte tödlich im Juni 2018 bei einem Verkehrsunfall.

Planet Wissen: Der deutschen Autoindustrie wird vorgeworfen, sie habe wichtige Entwicklungen wie Hybrid, E-Mobilität und Brennstoffzelle verschlafen. Wie berechtigt sind die Vorwürfe?

Roland Baar: Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Industrie sich neuen Technologien verweigert, um alte zu halten. Denn mit einer neuen Technologie hätte man ja Chancen, neue Märkte zu erobern und seine eigene Position zu festigen. Und Automobilunternehmen prüfen schon sehr genau, was sie wo investieren und machen. Deswegen kann ich die Vorwürfe nicht so ganz teilen.

Schon vor 20 Jahren gab es intensive Diskussionen über Elektromobilität, und auch die Brennstoffzelle wurde sehr heiß diskutiert. Doch der Markt nimmt sie nicht an. Die Rahmenbedingungen passen nicht, wenn wir zum Beispiel an die Versorgung mit Wasserstoff denken oder an Ladestationen für Elektrofahrzeuge. Außerdem haben Batteriefahrzeuge zentrale Nachteile für den Nutzer.

Ein Elektromotor hat weniger Verschleißteile als ein Verbrennungsmotor. Was halten Sie von der Prognose, dass Elektroautos langlebiger sind und seltener in die Werkstatt müssen?

Warum fährt man mit dem Auto in die Werkstatt? Nicht nur, weil der Verbrennungsmotor ein Problem hat, sondern alles mögliche andere auch: die Karosserie, die Räder, die Bremsen.

Das ist wieder so eine typische Diskussion: Man greift sich einen Aspekt heraus und sagt, so wird es sein. Das ist ganz gefährlich. Der Verbrennungsmotor hat sicherlich mehr Verschleißteile als ein Elektromotor. Dafür ist zum Beispiel die Frage der Batterie, die man wahrscheinlich alle drei Jahre wird austauschen müssen, ein anderes Thema, das man diskutieren müsste.

Worauf ich hinauswill: Wenn die Prognose stimmen sollte, müssen sich dann Hersteller, Zulieferer und Kfz-Handwerk nicht Sorgen machen, wenn die Autos seltener kaputtgehen?

Das könnte ein Thema sein. Auf der anderen Seite glaube ich, dass das Auto der Zukunft sowieso anders aussieht als das Auto der Vergangenheit. Das sieht man heute schon: Die Autos haben völlig andere Funktionen, die es früher gar nicht gab: selbst lenken, selbst irgendwohin fahren. Das ganze Infotainmentsystem hat sich verändert, und das bedeutet auch für Werkstätten neue Optionen, Fehler zu beheben.

Sie haben es gerade angesprochen: autonomes, vollautomatisches Fahren. In Kalifornien forscht die IT-Industrie mit Nachdruck daran. Wie ernst nimmt die deutsche Autoindustrie das Thema?

Auch da gilt: Unsere Automobilindustrie ist international extrem vernetzt und beobachtet auf allen möglichen Märkten, was da passiert. Die Forschung ist sehr aktiv in dem Bereich.

Die Frage wird eher sein: Will der Kunde das haben? Da habe ich noch so meine Zweifel. Ich glaube, dass es ein Grundbedürfnis des Menschen ist, das Auto selbst zu lenken. Es gibt ein paar Situationen, wo man autonomes Fahren gut gebrauchen könnte, aber grundsätzlich ist es, glaube ich, ein Bedürfnis von jedem, selber das Steuer in die Hand zu nehmen und zu sagen: Da will ich jetzt hin, und das macht mir Spaß.

Trotzdem, es ist ein Mega-Thema im Moment, nur ob sich das durchsetzen wird, wage ich noch zu bezweifeln. Mobilität hat eine extreme Bedeutung, und manchmal prognostizieren Leute da eine Art Weltuntergang, der dann gar nicht kommt. Das Einzige, was definitiv irgendwann kommt, ist das Ende fossiler Energien. Dem müssen wir uns stellen. Das ist eine Herausforderung, und dafür muss es eine Lösung geben, die es noch nicht gibt.

Aber Autos mit Erdgas- und mit Flüssiggasantrieb haben in den vergangenen Jahren eine Marktnische erobert. Lohnt es sich dann überhaupt, diese Technologien weiter zu verfolgen?

Flüssiggas ist eine Nische, da sehe ich nicht, dass sich das sehr viel weiter entwickelt. Aber Erdgas, also CNG, was im Wesentlichen Methan ist, dem würde ich eine große Zukunft geben. Denn das Schöne am Methan ist, dass es nicht nur in fossiler Weise verfügbar ist, sondern auch biologisch und synthetisch relativ einfach herzustellen ist.

Schauen Sie sich nur das viele Biogas an, das derzeit erzeugt wird! Biogas wird von Landwirten über das ganze Land verteilt erzeugt und in lokalen Kleinkraftwerken in Strom verwandelt, der dann in Elektrofahrzeugen genutzt werden soll. Das ist doch wirklich Wahnsinn, da hat man jede Menge Wandlungsverluste.

Man müsste dieses Biogas direkt in Fahrzeugen einsetzen und damit fahren. Und das synthetische Gas, so wie Audi das jetzt propagiert, bei dem man Strom aus Windenergie in Form von Methan speichert und dann damit fährt, das hat eine große Zukunft.

Sie sind in internationalen Forschergremien engagiert. Gibt es eine Antriebstechnologie, die Sie und Ihre Wissenschaftskollegen diskutieren, die von der Allgemeinheit bislang noch unterschätzt wird?

Nein, leider nicht. Am Ende hängt es am Energieträger. Wo kommt die Energie her und wie speichere ich sie?  Und da haben wir nun einmal nicht so ganz viele Optionen. Da können wir die chemischen Energiespeicher verwenden, wie flüssige oder gasförmige Kraftstoffe, oder eben die Batterien.

Und dann Wasserstoff als Träger für Brennstoffzellenenergie. Aber es wird da einen Weg geben müssen. Denn die Menschheit will weiter mobil bleiben, auch wenn fossile Energien zu Ende sind.

Stand: 05.02.2018, 09:46

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