Modell "Superbüttel" – Interview mit Christine Stecker

Viele Radler von hinten an einer Ampel

Geschichte des Fahrrads

Modell "Superbüttel" – Interview mit Christine Stecker

Von Andrea Wieland

In Eimsbüttel, einem der beliebtesten Stadtteile Hamburgs, gibt es eine Bürgerbewegung mit dem Namen "Kurs Fahrradstadt". Die Initiative hat das Modell "Superbüttel" entworfen. Mehr Grünflächen könnten beispielsweise dadurch entstehen, dass man Parkplätze in kleine Parks umwandelt. Da Autos aber irgendwo parken müssen, schlägt die Bürgerinitiative Quartiersgaragen als Alternative vor. Christine Stecker engagiert sich seit Jahren für eine klimafreundliche und menschengerechte Stadt und erzählt im Interview wie das "Superbüttel" aussehen kann.

Planet Wissen: Frau Stecker, wie sieht es derzeit in unseren Städten aus? Was würden Sie sagen, leben wir in einer autogerechten oder in einer menschengerechten Umgebung?

Christine Stecker: Das Modernisierungsmantra: "Die Stadt muss autogerecht sein" der 60er und 70er Jahre ist immer noch deutlich zu spüren. Man hat damals unglaubliche Dinge gedacht und teilweise auch gebaut – wie Autoschneisen mitten durch die Stadt. In Hamburg gab es sogar Überlegungen, die Alster zuzubetonieren. Man war weit weggerückt von dem eigentlichen Sinn und Zweck einer Stadt als dem Ort, an dem man lebt und arbeitet. Und das ist ja nicht nur in der Stadt so. Es gibt Dörfer, da führt eine stark befahrene Hauptstraße mitten durch den Ort, und ich frage mich: Wer möchte hier wohnen?

Wie stellen Sie sich eine menschengerechte Stadt vor?

Für die Menschen stelle ich mir eine gute Mischung vor, bestehend aus Draußen-sein-können, Spielen-können, sich Hinsetzen-können und dabei weiterhin mobil bleiben – auf allen möglichen, aber klimafreundlichen Wegen. Wir stehen vor der Herausforderung, unsere Klimaziele zu erreichen. Und das, muss ich sagen, wird mir auf politischer Ebene häufig viel zu negativ dargestellt und diskutiert. Den Menschen wird suggeriert, ihr müsst euer Auto abschaffen oder ihr müsst euch ein Elektroauto kaufen, was für mich keine Lösung ist. Denn es geht ja nicht nur um den Antrieb, es geht auch um den begrenzten Platz in der Stadt. Diese Verzichtsdiskussion ruft natürlich ihre Gegner auf den Plan.

"Gegner", die wahrscheinlich nur schwer mit sich reden lassen. Wie wollen Sie überzeugen, alternative Verkehrsmittel dem privaten Auto vorzuziehen?

Besser wäre es doch zu sagen: Wir gewinnen extrem viel! Was ist daran Verzicht, wenn ich keinen Parkplatz mehr suchen muss? Man kann das eigene Auto natürlich behalten, aber es braucht meiner Ansicht nach eine neue Logik, dass das Auto in einer Großstadt nicht vor der eigenen Haustür stehen kann. Auf dem Land geht das. Aber in einer Stadt, wo in einem Haus 20 Mietparteien wohnen, da können nicht mehrere Menschen ihr Auto vors Haus stellen und sagen: Das ist jetzt mein Parkplatz.

Kurs Fahrradstadt setzt sich für eine echte Fahrradstadt ein – was meinen Sie damit?

Es gibt erste Schritte. Der Jungfernstieg, die Flaniermeile an der Alster, ist jetzt für den privaten Autoverkehr gesperrt. Ein gutes Signal, aber das alleine reicht natürlich nicht, denn auf dem Jungfernstieg wohnt kein Mensch, das ist eine Einkaufsstraße. Es geht uns um die Bezirke, wo das quirlige Leben stattfindet. Da werden Kinder zur Schule gebracht, da wird eingekauft, da wird draußen gesessen, gelacht und gegessen. Und das sind genau die Zentren, die lebenswerter werden müssen.

In diesem Bemühen für eine lebenswerte Stadt ist das Projekt "Superbüttel", für das Sie sich engagieren, zu einem Schlagwort geworden. Wie kam es dazu?

"Superbüttel" ist in Anlehnung an die Idee der "Superblocks" in Barcelona entstanden. In diese "Superblocks" dürfen nur noch Anwohner hineinfahren, der Durchgangsverkehr bleibt draußen – natürlich ausgenommen Rettungswagen, Versorgungsfahrzeuge und Taxen. Man sieht in Barcelona, dass die Straßen nicht mehr wie herkömmliche Straßen wahrgenommen werden, sondern es sind Mischzonen: Spielflächen, Aufenthaltszonen, aber dort kann auch ein Auto drüberfahren. Keine klassische Trennung zwischen Straße und Bordstein mehr – eine neue Art von Stadtgestaltung. Und da der Initiator von "Kurs Fahrradstadt" und "Superbüttel", Kai Ammer, und die anderen von uns in Eimsbüttel wohnen, entstand aus "Superblock", "Superbüttel".

Eimsbüttel ist einer der am dichtesten besiedelt Stadtteile in Hamburg – das klingt nach einer großen Herausforderung für Ihr Projekt.

Es war naheliegend, dass wir vor unserer eigenen Haustür anfangen. Wir engagieren uns schon seit Jahren an mehreren Stellen Hamburgs für eine zukunftsweisende Fahrrad- und Fußgängerstadt, eine kindgerechte, sichere und klimafreundliche Stadt. Vorbild ist uns dabei Dänemarks Stadtplaner-Legende Jan Gehl, der sich dafür ausspricht, dass Städte für Menschen gebaut werden. In Eimsbüttel ist jedoch jeder Winkel, jede Ecke, jede Kurve zugeparkt. Es gibt im Superbüttel so gut wie keine Sitzgelegenheit. Wenn ich mir vorstelle, ich bin eine ältere Dame, finde ich keinen Platz zum Ausruhen. Ich finde, wir haben in den Städten das menschliche Maß aus den Augen verloren.

Wie wollen Sie die Autofahrer in Ihrem Bezirk von der Idee einer autoarmen Zone und autofreien Plätzen überzeugen?

Wir sind jetzt nicht so radikal und sagen: Schafft eure Autos ab! Am Rand des "Superbüttels" soll es Car-Sharing-Stationen, Bushaltestellen, Leihräder geben – eine alternative Mobilität auf möglichst breiter Basis. Dort stehen dann auch die Quartiersgaragen für die Autobesitzer. Die Parkzonen innerhalb des autoarmen Gebiets sind Behindertenparkplätze sowie Kurzzeit-Ein- und Ausladezonen zum Beispiel für Handwerker, Paketboten, aber auch Anwohner. Wir sind keine Autogegner, aber wir wollen die Innenstädte nicht länger sich selbst überlassen – und das ist momentan der Fall.

Was meinen Sie damit: "sich selbst überlassen"?

Ich wollte in einem lebendigen Quartier wohnen, aber in Eimsbüttel ist es so, dass wirklich jeder Fleck zugeparkt wird. Ich habe eine Freundin, die im Rollstuhl sitzt und sie ist verzweifelt, weil sie fast nirgendwo mehr durchkommt. Es ist für Kinder wahnsinnig gefährlich, weil ihnen die Sicht auf die Fahrbahn genommen wird. Und Menschen, die Rollatoren oder Kinderwagen schieben, die kommen auch nicht mehr ohne weiteres vom Bordstein runter. Wer zu Fuß geht, was auf den meisten kurzen Wegen die beste Variante ist, wird am stärksten in der Mobilität eingeschränkt. Das ist doch schräg. Im Bereich Mobilität sind wir Menschen Gewohnheitstiere – deswegen braucht es gute Anreize, um vom Auto wegzukommen. Für den ein oder anderen mag das verrückt klingen, was wir vorhaben. Verrückt ist für mich vielmehr, zu erwarten, dass sich die Dinge von selbst regulieren. Wir erlauben uns Visionen und wollen Begeisterung erzeugen.

SWR | Stand: 22.09.2021, 17:00

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