Bambus-Bikes aus Berlin

Ein Fahrrad mit einem Rahmen aus Bambus

Geschichte des Fahrrads

Bambus-Bikes aus Berlin

Von Franziska Badenschier

Man kann das Rad nicht neu erfinden – aber man kann es verbessern und noch umweltfreundlicher herstellen. So wie Stefan Brüning, Dan Vogel-Essex und David Lohaus es tun. Der Orthopädietechniker, der Produktdesigner und der ehemalige Fahrradkurier stellen Fahrräder aus Bambus her. Ein Besuch in der Werkstatt von Ozon Cyclery in Berlin.

Ein Rad aus Bambus – geht das?

Nikola Babic schleift mit Sandpapier, Lukas Brunken raspelt, sein Bruder Elias pinselt Zähflüssiges auf eine Verbindung zwischen zwei Bambusrohren. Die drei bauen sich gerade ihr ganz persönliches Bambusfahrrad. Das geht?

"Als Dan 2009 das erste Mal von seiner Idee erzählt hat, Fahrräder aus Bambus zu bauen, hielt ich ihn für verrückt", sagt Stefan Brüning. Er lässt seinen Blick durch die gut 20 Quadratmeter große Werkstatt schweifen. Über der Werkbank liegen meterlange Bambusrohre in Gelb, Braun und Grün. Links über dem Schreibtisch hängen ein paar halbfertige Fahrradrahmen aus Bambus.

Der Bambusrahmen rostet nicht und wiegt nur etwa zwei Kilogramm. Bambus-Biker sind begeistert und beschreiben ein völlig neues Fahrgefühl: Mit einem Bambusrad spüre man nicht jede Unebenheit der Straße, selbst ohne Stoßdämpfer. Es fahre sich geschmeidig und dennoch schnell. "Das erste Bambusrad fuhr aber keine fünf Meter", erinnert sich Brüning.

Bambus – ein alter Werkstoff

Seit Jahrhunderten bauen Menschen in den Tropen Möbel aus Bambus. In Asien soll Bambus sogar schon beim Bau von Wolkenkratzern eingesetzt worden sein. Bambus ist ein Süßgras, das sich nicht verbiegt, kaum bricht und dabei auch noch leicht ist.

"Wenn man sich den Querschnitt eines Bambusrohrs anschaut, stellt man fest, dass die inneren Schichten eher weich und zäh sind. Nach außen hin wird das Gewebe immer dichter und somit härter und fester", sagt Brüning, der Orthopädietechniker.

Bambuswald

Nachwachsender Rohstoff für Fahrradrahmen

Die ersten Modelle waren nicht stabil genug

"Die schwierigen Stellen bei einem Fahrradrahmen aus Bambus sind nicht die Bambusstangen, sondern die Verbindungen dazwischen ", erklärt Dan Vogel-Essex. In ihrem Enthusiasmus suchten die Tüftler die Utensilien zunächst im Haushalt zusammen.

"Wir haben die Bambusrohre mit Baumwolle verbunden und diese mit Holzleim getränkt. Zur Verstärkung haben wir immerhin noch etwas Draht herumgewickelt. Aber es war klar, dass das nicht halten kann." Für den zweiten Prototyp wurde dann professionelles Material besorgt. Nun benutzten die Tüftler Faserverbundwerkstoffe, aus denen Brüning früher Prothesen gebaut hatte.

Faserverbundwerkstoffe sind Werkstoffe aus zwei Komponenten, nämlich aus Fasern und einer Matrix. "Wir verwenden nun Flachsmatten, die an Jutebeutel erinnern. Und als Matrix nehmen wir Epoxidharz – das hält", sagt Brüning.

Vogel-Essex ergänzt, dass sie eine richtige Testreihe durchgeführt haben: "Da haben wir zwei Bambusstücke T-förmig verbunden und ein Gewicht angehängt und das Gewicht dann immer weiter erhöht. Die Verbindungen waren stabiler als alles, was wir aus Stahl, Aluminium oder sogar Carbon kennen."

Die erste Testfahrt

Nach zwei Jahren Tüftelei stand die Nullserie: 15 Fahrräder wurden an Kuriere verteilt, Tausende Testkilometer wurden gefahren. "Einer der Kuriere war richtig exzessiv, der hat das Rad richtig gequält – jeden Tag rund 100 Kilometer, eine Tour durch Deutschland mit Gepäck und auch mal im Gelände. Trotzdem hat er es nicht geschafft, das Rad kaputt zu bekommen", erzählen die Fahrradbauer stolz.

Dabei war Vogel-Essex in der Zwischenzeit aufgefallen, dass er einen Anfängerfehler begangen hatte: "Man muss die Metallteile anrauen, damit sie mit den aufgesteckten Bambusrohren und dem Verbundstoff gut zusammenhaften. Ich dachte aber zunächst, man sollte das lieber schön glatt polieren."

Also warteten alle gespannt, wann die Sollbruchstelle denn nun brechen würde. Im Februar 2012 war es so weit: Bei einer Fahrt querfeldein lockerte sich das Innenlager-Gehäuse. Stefan Brüning zeigt auf ein Teil: "Damals haben wir nur eine Lage Flachs verwendet und auch noch keine Carbonverstärkung."

Das Bambus-Rad wird zusammengebaut

Im Atelier sagt Dan Vogel-Essex: "Mit dem Bambus hat man wenig Arbeit, aber in die Verbindungen muss man gut 35 Arbeitsstunden investieren." Er führt zu einer Spanplatte, die in der Werkstatt am Fenster steht.

Auf dieser Platte sind ein paar Gewindestangen montiert. Darauf werden jene Teile geschraubt, die nicht aus Bambus sind: das Rohr, an dem später die Lenkstange eingesetzt wird, das Rohr für den Sattel und das Teil, in das das Tretlager kommt. Dann werden die Bambusstangen anmontiert. Ein spezieller Kleber hält das Gerüst zusammen.

In einem zweiten Schritt wird eine Spachtelmasse auf die Verbindungsstücke aufgetragen. Das sieht aus wie überdimensionierter getrockneter gelber Kaugummi. Als nächstes muss die Spachtelmasse noch zurechtgeraspelt werden.

"Man muss so viel wie möglich herunterschleifen, aber so viel wie nötig dran lassen", erklärt Stefan Brüning. Die Verbindung soll ja stabil sein und auch noch schön aussehen – Knubbel sind da nicht willkommen.

Elias Brunken ist schon beim nächsten Schritt: Er legt um die Verbindungen mehrere Lagen Flachsmatten, dazwischen kommen zwei Schichten Carbonfasern zur Verstärkung. Dann pinselt er alles mit Epoxidharz ein.

Als die Flachsmatten triefend nass sind, wickelt der Student noch Frischhaltefolie drumherum. Dann sticht er mit einer Gabel mehrere Löcher hinein und legt ein paar Blätter Toilettenpapier drauf.

Schließlich zieht er noch einen alten Fahrradschlauch stramm um die Verbindung. Elias Brunken erklärt: "So wird das überschüssige Epoxidharz aus dem Flachs herausgedrückt und sammelt sich im Papier. Wenn das Harz morgen ausgehärtet ist, kann man die Frischhaltefolie und das Papier leicht entfernen."

Später muss er den gesamten Rahmen noch lackieren, damit der gegen Wind und Wetter gerüstet ist.

Dann ist das Bambus-Bike schon fertig. Zumindest der Rahmen. Die Räder fehlen noch, die Pedalen, die Kette, Sattel und Lenker. "Um diese Dinge müsste sich jeder selbst kümmern, wir sind ja keine ausgebildeten Fahrradmechaniker. Aber wir haben Erfahrung und eine Montage-Werkstatt im Keller, da helfen wir schon mit", sagt Stefan.

Elias Brunken macht das nichts aus: "Man hat eine andere Beziehung zu seinem Rad, wenn man es komplett selbst baut."

Stefan Brüning (links) und Dan Vogel-Essex stehen mit einem ihrer Räder in ihrer Werkstatt

Stefan Brüning (links) und Dan Vogel-Essex in ihrer Werkstatt

Kein neues Patent für Bambus-Bikes

Die Berliner Tüftler sind nicht als Erste auf die Idee gekommen, die Eigenschaften des Bambusrohres für die Konstruktion von Fahrrädern zu nutzen. Schon 1894 stellte die britische Firma Bamboo Cycle Company ein patentiertes Bambusfahrrad der Öffentlichkeit vor.

Innerhalb weniger Jahre folgten weitere Hersteller aus Großbritannien und Österreich mit eigenen Patenten. Doch noch vor dem Ersten Weltkrieg verschwand die Idee für knapp 100 Jahre wieder in der Versenkung.

Ein Patent für ihre Entwicklungen wollte die Berliner Ozon Cyclery nicht anmelden. Sie möchten die Ergebnisse ihrer Tüfteleien mit anderen teilen. Außerdem waren sie nicht die Ersten, die Bambusräder herstellen: Als Pionier der modernen Bambus-Bikes gilt der US-Amerikaner Craig Calfee. Er ist Designer von Fahrradrahmen und wollte Mitte der 1990er Jahre eigentlich nur einen Hingucker für einen Messestand bauen.

Doch das Rad aus dem nachwachsenden Rohstoff wurde solch ein Eyecatcher, dass Calfee weiterbastelte. Nach der Jahrtausendwende brachte er das Bio-Fahrrad nach Afrika. Immerhin wächst dort Bambus und die Menschen können Fahrräder gut gebrauchen, um schneller zum nächsten Markt oder Arzt im nächsten Dorf zu kommen.

Kostspielige Anfertigung

Ob sich die Menschen in den entlegenen Dörfern ein Bambus-Bike leisten können, ist eine andere Frage. Wer sich in Berlin bei Ozon Cyclery sein Bambus-Rad selbst bauen möchte, muss rund 1000 Euro und acht Arbeitstage investieren. Man kann sich aber das Rad – nicht nur den Bambusrahmen – auch komplett bauen lassen.

Das spart Zeit, kostet aber entsprechend mehr. Doch wie so oft, wenn Erfinder aus ihrem Hobby mehr machen möchten: Für die drei ist Ozon Cyclery zwar die Haupttätigkeit, aber Gewinn machen sie damit noch nicht. Trotzdem hat Stefan Brüning 2012 seinen Job gekündigt, um sich mehr der Werkstatt widmen zu können.

So oder so: Die Bambus-Bikes sind ökologisch wertvoll, erklärt Stefan Brüning: "Wir haben es noch nicht genau nachgerechnet, aber eigentlich dürfte Bambus beim Wachsen mehr Kohlendioxid in sich binden, als beim Transport der Bambusrohre zu uns ausgestoßen wird und bei der Produktion des Fahrradrahmens anfällt. Somit hat es eine positive Kohlendioxid-Bilanz."

Weiterführende Infos

Stand: 21.07.2017, 11:00

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