Modellprojekte der Mobilität

Mehrere Kleinwagen vom Modell "Smart"

Mobilität von morgen

Modellprojekte der Mobilität

Wie kommen wir in Zukunft von A nach B? Was ändert sich, was bleibt gleich? Verkehrswissenschaftler und Unternehmen entwickeln ständig neue Modelle. "Car2go" in Ulm und "Shared Spaces" im niedersächsischen Bohmte sind zwei von vielen praktischen Beispielen, die uns heute erahnen lassen, wie die Mobilität von morgen aussieht.

Carsharing: bundesweit 9100 Autos

Das "Stattauto", das Ende der 1980er Jahre in Berlin gemietet werden konnte, war das Erste. Seitdem wurden in immer mehr deutschen Städten Carsharing-Modelle entwickelt. Anfang 2017 gab es etwa eine 1,7 Millionen Nutzer, denen in mehr als 530 Städten und Gemeinden knapp 9500 Autos zur Verfügung standen.

Im Vergleich dazu: 2012 waren es nur 262.000 Nutzer. Das heißt, die Nutzerzahl hat sich in nur fünf Jahren fast versiebenfacht. Und dennoch: Carsharing hat nicht den besten Ruf. Viele Autofahrer halten das System für kompliziert, unflexibel, unpraktisch. Man muss vorher reservieren, es gibt nur wenige Abholplätze, und nach der Fahrt muss der Wagen wieder zurückgebracht werden.

Innovatives Konzept: das Auto zum Mitnehmen

Dass es auch anders geht, zeigt ein Daimler-Projekt, das 2009 in Ulm mit 200 Autos getestet wurde: "Car2go", das Auto zum einfachen Mitnehmen. Wer spontan ein Auto braucht, kann per Internet oder Handy den Standort des nächsten Fahrzeugs erfahren.

Über ein Siegel, das man sich vom Anbieter in den Führerschein kleben lässt, öffnet sich der Wagen. Der Schlüssel liegt im Handschuhfach, und wenn man sein Ziel im Stadtgebiet erreicht hat, lässt man den Wagen einfach stehen – egal wo. Die Fahrt kostet 29 Cent pro Minute bei minutengenauer Abrechnung, um Benzin und Wartung kümmert sich "Car2go".

Pilotprojekt mit erfolgreichem Ausgang

Zum Start des Projekts rechnete man mit höchstens 8000 Kunden. Doch die waren schon nach drei Monaten erreicht. Nach einem Jahr hatten sich 18.000 Personen registriert – zehn Prozent der Einwohner von Ulm.

Besonders bei jungen Bewohnern der Studentenstadt Ulm kam das Konzept gut an, ein Drittel der Autofahrer unter 36 Jahren ließ sich registrieren. Doch auch Menschen, die ein eigenes Auto besitzen, nutzen den Dienst. Denn "Car2go" hat 130 eigene Parkplätze – viele davon in der Innenstadt.

Parkplatz des Carsharing-Projekts Car2go in Ulm

Car2go: Pilotprojekt findet Nachahmer

Wegen des großen Erfolgs gibt es mittlerweile auch gleichnamige Projekte in Berlin, Düsseldorf, Hamburg und Köln. Im Ausland starteten Projekte in den USA, Kanada, Großbritannien, Österreich und den Niederlanden.

Mobilitätsforscher halten Modelle wie "Car2go" für wegweisend. Nutzerfreundlich, günstig, flexibel, einfach – die Anforderungen, die Verkehrsteilnehmer an solche Systeme stellen, werden erfüllt. Und auch Emissionsmengen und Parkplatzprobleme werden geringer.

Ein gut gebuchter Carsharing-Wagen ersetzt in der Stadt acht bis zehn Privatwagen. Und da 90 Prozent der Mietvorgänge bei "Car2go" kürzer als eine Stunde dauern, gibt es inzwischen viele Elektroautos.

Miteinander von Autofahrern, Radfahrern und Fußgängern

Doch natürlich ist Mobilität nicht nur auf Kraftfahrzeuge beschränkt. Auch Fußgänger und Fahrradfahrer sind Verkehrsteilnehmer, und angesichts des geringen Platzes in den Städten ist ein Miteinander besonders wichtig.

Das Projekt "Shared Spaces" ("geteilter Raum") der Europäischen Union (EU) verwirklicht eine radikale Idee: den Verzicht auf Verkehrsschilder, Fußgängerinseln, Ampeln.

Vorbild ist laut Ideengeber Hans Monderman, einem niederländischen Verkehrsplaner, das Geschehen auf einer Eislaufbahn: "Auf einem Eislaufplatz fahren alle Leute, wie sie wollen, sie achten nur aufeinander. Wir zeichnen dort auch keine Bahnen für verschiedene Geschwindigkeiten und stellen keine Verkehrsschilder auf."

Der öffentliche Raum soll nicht mehr den Bedürfnissen der Autofahrer untergeordnet werden. Stattdessen wird ein rücksichtsvolles Miteinander von Autofahrern, Fußgängern, Radfahrern und selbst spielenden Kindern angestrebt.

Letztendlich sollen so gesellschaftliche Trennungen aufgehoben und die Attraktivität der Städte und Dörfer erhöht werden. Der Mensch, nicht das Verkehrssystem soll im Mittelpunkt stehen.

Positive Bilanz: keine Unfälle trotz fehlender Schilder

Erprobt wurde das Konzept im Rahmen eines EU-Projektes in Orten in Holland, Belgien, Dänemark, England sowie im niedersächsischen Bohmte. Dort wurde der Ortskern neu gestaltet. Statt Bürgersteigen, Radwegen und Fahrbahnen wurde in Bohmte eine gemeinsame Fläche konzipiert.

Auf getrennten Spuren, so die Argumente der Planer, fühle man sich in trügerischer Sicherheit und lasse gegenseitige Rücksicht vermissen. Das Gleiche gelte für Regelungen in Form von Schildern und Ampeln. Stattdessen mussten sich die Verkehrsteilnehmer selbst organisieren – per Gestik und Mimik sowie mit viel Vertrauen und Rücksichtnahme.

Fahrradfahrerin wartet an Ampel

Sorgen Ampeln für Scheinsicherheit?

Das Experiment gelang, wie eine Analyse nach Abschluss des Projektes 2009 ergab: Anwohner und Gewerbetreibende in Bohmte bewerteten das Konzept positiv. Und auch die Verkehrssicherheit sank nicht, wie von vielen befürchtet worden war.

Es gab lediglich Bagatellunfälle ohne Personenschäden, und auch diese standen nicht in direktem Zusammenhang mit dem Verkehrskonzept.

Zwar lassen sich die Verhältnisse in einer Kleinstadt nicht eins zu eins auf Großstädte übertragen. Doch auch in Großstädten wie Vancouver oder Kopenhagen wurden und werden Verkehrskonzepte ausprobiert, die sich von der Fixierung des öffentlichen Raumes auf das Auto lösen. Miteinander statt Nebeneinander – so könnte unser Verkehr in Zukunft aussehen.

Autor: Ingo Neumayer

Stand: 22.10.2018, 09:33

Darstellung: