Interview Anja Frank

Anja Frank an ihrem Schreibtisch

Sonden und Raketen

Interview Anja Frank

Anja Frank testet die Triebwerke, mit denen die Ariane-5-Raketen der Europäischen Weltraumorganisation ESA von Kourou in Französisch-Guayana aus starten. Frank leitet die Abteilung "Versuchsanlagen" am Standort Lampoldshausen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). In Planet Wissen berichtet die Raumfahrtingenieurin über ihren Arbeitsalltag.

Frau Frank, auch wenn Sie die Frage vielleicht oft hören: Eine Frau an einem Raketen-Teststand, das ist schon ungewöhnlich, oder?

Ja, natürlich. In meiner Abteilung mit 75 Mitarbeitern gibt es gerade mal zwei Frauen, die in einem technischen Bereich tätig sind. Für mich persönlich allerdings war die Raketentechnik schon immer vertrautes Terrain, weil mein Vater als Prüfstandsleiter hier in Lampoldshausen gearbeitet hat. Weihnachten 1979 saß ich als kleines Mädchen vor dem Fernseher und habe gebannt den Start der ersten Ariane-Rakete verfolgt.

Später wollte ich Astronautin werden und zum Mars fliegen... Studiert habe ich dann Luft- und Raumfahrttechnik. Dass ich einen für eine Frau ungewöhnlichen Job habe, bekomme ich eher durch die Reaktionen anderer Menschen mit, etwa aus dem Bekanntenkreis.

Was kommen denn da für Kommentare?

Eigentlich genau die, die man auch nach dem gängigen Klischee erwarten würde: Frauen fragen mich zuerst, wie ich denn bloß zu diesem Beruf gekommen bin. Männer dagegen wollen gleich irgendwelche technischen Details wissen. Inzwischen hat mein Arbeitsalltag als Abteilungsleiterin allerdings immer weniger mit der Technik direkt zu tun, es geht viel um Organisation und Abstimmungsprozesse.

Gab es denn unter Kollegen auch negative Reaktionen?

Als ich 1997 beim DLR angefangen habe, gab es die vereinzelt, ja. Einige haben mir auf den Kopf zu gesagt, dass ich als Frau wohl keine Chancen in diesem Metier hätte. Aber damit muss man eben umgehen und die Sacharbeit in den Vordergrund stellen.

Eher die Arbeit erschweren tun sowieso die, die nichts sagen, aber durch ihr Verhalten ihre negative Einstellung zeigen. Die Kommunikation hier am Standort läuft heute aber sehr gut, das muss ich betonen. Größere Unstimmigkeiten könnten wir uns auch gar nicht leisten, dafür ist die Materie dann doch zu sensibel, mit der wir uns beschäftigen.

Anja Frank für einem Triebwerksprüfstand in Lampoldshausen

Anja Frank auf dem Versuchsgelände der DLR in Lampoldshausen

Neue Prüfstände und Kampagnen kosten viele Millionen Euro, auf ihrem Gelände lagern Tonnen von hochexplosivem, flüssigem Wasserstoff. In der Tat eine große Verantwortung...

… die ja auf viele Schultern verteilt ist. Während der Versuche hat jeder seinen Bereich, auf den er zu achten hat. Völlig ausschließen, dass etwas schiefgeht, kann man trotzdem nicht. 2001 gab es bei uns eine Explosion während eines Triebwerkstests, bei der aber keine Menschen zu Schaden kamen. Die sind bei den Versuchen immer weit genug entfernt hinter Betonwänden untergebracht.

Ein Jahr später, 2002, stürzte eine Ariane-5-Rakete wegen eines Triebwerksfehlers ab. Dieses "Vulcain-2-Triebwerk" wurde ja von Ihnen vorher getestet. Was war passiert?

Das war natürlich ein Schock. Was folgte, waren aufwändige Untersuchungen und sehr viel Papierkram. Mein Chef hier in Lampoldshausen, Professor Wolfgang Koschel, hat damals die Untersuchungskommission geleitet.

Das Problem war, dass wir das fehlerhafte Triebwerk gar nicht untersuchen konnten, weil die Rakete zur Sicherheit automatisch gesprengt wurde. Letztendlich hat sich bei der Untersuchung baugleicher Teile herausgestellt, dass die Düse für die Belastung während des Aufstiegs nicht richtig ausgelegt war.

Was Sie hätten erkennen können?

Nein, wir hier beim DLR nicht. Unsere Triebwerkstests dürfen Sie nicht mit einer TÜV-Untersuchung gleichsetzen. Wir messen unzählige Parameter unter realer Belastung des Triebwerks. Diese Daten gehen dann wieder an den Triebwerkshersteller und die Zulieferfirmen, die die experimentellen Ergebnisse mit ihren Sollwerten vergleichen.

Dieser Düsen-Fehler steckte tatsächlich auch in den Originaldaten von damals, wurde aber beim Hersteller nicht bemerkt.

Ein Vulcain-Triebwerk auf dem Raketenprüfstand in Lampoldshausen im Test.

Ein Vulcain-Triebwerk auf dem Raketenprüfstand in Lampoldshausen im Test

Fiebert man eigentlich noch bei jedem Start ein bisschen mit? Sind Sie vielleicht sogar öfters vor Ort in Kourou?

Soll ich ganz ehrlich sein? Ich war noch nie dort. Würde ich aber sehr gerne mal… Eine technische Notwendigkeit dafür besteht allerdings nicht direkt. Für solche Motivationsanreize hat man im pragmatischen Raumfahrtgeschäft vermutlich keinen Sinn. Oh, die Förderung von Teamgeist ist da sehr wichtig!

Es gibt zum Beispiel eine richtige "Familie" der Ariane-Standorte, also dort, wo Produktionsstätten oder Testgelände sind. Regelmäßige internationale Veranstaltungen binden da alle Mitarbeiter ein. Lampoldshausen ist natürlich mit dabei. Sozusagen auf einer Stufe mit Paris, das als ESA-Sitz auch dazu gehört...

Sie sind mehrfach ausgezeichnet worden und werden vom Deutschen Ingenieurinnenbund zu den 25 einflussreichsten Ingenieurinnen gezählt. Was verbinden Sie mit dieser Ehrung?

Ich freue mich über solche Auszeichnungen, auch wenn es natürlich viele Ingenieurinnen gibt, die Verantwortung tragen. Sinn des Preises des Ingenieurinnenbundes ist es ja, jungen Frauen zur Entscheidung für ein Studium der Ingenieurwissenschaften weibliche Vorbilder in leitenden Positionen zu präsentieren.

Am wichtigsten ist aber, denke ich, den Spaß an der Arbeit zu vermitteln. An einem Großprojekt wie der "Ariane" mitzuwirken, sich selber technische Lösungen auszudenken und natürlich der eindrucksvolle Umgang mit Feuer und Dampf hier auf dem Gelände – das wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Anja Frank im Museum für Raketentriebwerke

Anja Frank im DLR-Museum für Raketentriebwerke in Lampoldshausen

Interview: Wolfgang Richter

Stand: 10.09.2014, 13:00

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